Vor etwas mehr als einer Woche hat die deutsche Organisation Sea-Eye ihr Seenotrettungsschiff „Alan Kurdi“ an die libysche Küste entsandt. Mit an Bord: Rettungssanitäter Marcel Ditt, 26 Jahre alt, aus Charlottenburg.  Am Freitagmorgen hat die Crew 65 Flüchtlinge von einem Schlauchboot aufgenommen.  Damit begann eine Irrfahrt auf dem Mittelmeer.  Das italienische Lampedusa wies das Schiff ab, dann auch Malta. Erst am Sonntagabend lenkte die maltesische Regierung ein – und holte die Flüchtlinge von der „Alan Kurdi“ mit Booten an Land

Wir haben mit Marcel Ditt über die Situation an Bord, seine Motivation und die teils heftige Kritik an Seenotrettern gesprochen. 

Herr Ditt, wie ist die Stimmung bei Ihnen?

Super, sehr emotional. Ein paar Tränen wurden auch verdrückt. Wir sind alle noch ein bisschen baff. Mit so einer schnellen Einigung hatte hier niemand gerechnet – weder die Crew noch unsere Passagiere.

Ist die Crew jetzt wieder alleine an Bord?

Ja, Malta hat alle anderen gerade mit mehreren Booten abgeholt. Auch die drei medizinischen Notfälle, um die wir uns große Sorgen gemacht haben.

Wie war die Lage in den Tagen zuvor?

Die Geflüchteten waren sehr erschöpft und von den Strapazen der letzten Monate und Jahre sehr mitgenommen. Zum Teil waren sie jahrelang in libyscher Gefangenschaft. Von den 65 Personen an Bord waren 39 minderjährig, der Jüngste war gerade einmal zwölf Jahre alt.

Wie lief die Rettungsaktion ab?

Gegen 6 Uhr am Freitagmorgen haben wir das Schlauchboot mit einem Fernglas entdeckt. Sie haben uns am Anfang für die libysche Küstenwache gehalten und sind von uns weggefahren. Als wir sie erreichten, verteilten wir Rettungswesten. Nur eine Person auf dem Boot trug vorher eine Weste. Wir brachten die Menschen mit kleineren Transferbooten zur Alan Kurdi. Dann haben wir Motor und Schlauchboot zerstört und das Label „SAR“, kurz für „Search And Rescue“, aufgesprüht, damit andere Schiffe sehen, dass dort keiner ertrunken ist. Das Boot war von schlechter Qualität und ließ sich ohne große Mühe mit einem Messer zerstechen.

Wie sah Ihre Arbeit nach der Rettung genau  aus?

Vorher waren wir 20 Menschen an Bord, dann plötzlich 85. Das ändert so ziemlich alles und ist der wohl anstrengendste Teil einer Rettungsmission. Wir haben eine kleine separate Gästeküche, in der wir für die Gäste zweimal am Tag Mahlzeiten kochen können. Wir waren rund um die Uhr zu zweit bei den Gästen auf Deck, auch in der Nacht. Wir wollten sicherstellen, dass es allen gut geht. Immerhin war es für viele das erste Mal, dass sie auf einem Boot waren.

Warum hat die Suche nach einem Hafen drei Tage gedauert?

Die Rettung hat 34 Meilen vor der libyschen Küste stattgefunden. Nach Libyen dürfen wir die Leute nicht zurückbringen, weil dort Krieg herrscht und das Land von Milizen regiert wird. Der nächste sichere Hafen war Lampedusa. Doch von Italien haben wir keine Erlaubnis für die Einfahrt erhalten. Und auch Malta hat zunächst geblockt.

Sie sind zum ersten Mal auf der Alan Kurdi dabei. Warum?

Die Seebrücke-Bewegung in Deutschland macht deutlich, wieviel Kraft der Veränderung von der Zivilgesellschaft ausgehen kann. Ich wurde besonders durch die Situation 2016 sehr politisiert und habe überlegt, wie ich als Politikwissenschaftler und Rettungssanitäter ganz praktisch Einfluss nehmen kann.

Seenotretter – ob Carola Rackete oder der Kapitän der Lifeline – stehen immer wieder vor Gericht. Haben Sie nicht Sorge, rechtliche Probleme zu bekommen?

Die Alan Kurdi fährt als einziges Schiff der zivilen Seenotrettung unter deutscher Flagge. Damit haben wir zwar mehr Auflagen zu erfüllen, aber auch mehr Rechtssicherheit. Das ändert aber nichts am Grundproblem: Seenotretter füllen einerseits eine politisch gewollte Lücke der Verantwortlichkeit. Und laufen andererseits mehr und mehr Gefahr, kriminalisiert zu werden. Das wird so bleiben, solange Fälle wie die Sea Watch 3 immer noch im Einzelfall entschieden werden und es keine gesamteuropäische Lösung gibt.

Wo zeigt sich diese „politisch gewollte Lücke der Verantwortlichkeit“?

Die EU investiert in Frontex und damit in den Ausbau einer militarisierten Grenzsicherung. Außerdem wird die libysche Küstenwache kontinuierlich ausgebaut, die nachweislich gegen die Genfer Flüchtlingskonventionen verstößt. Die EU beteiligt sich damit an Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es gibt keine Militärschiffe im Mittelmeer mehr, die Geflüchtete retten dürfen. Deshalb übernehmen Organisationen wie Sea-Eye diese Aufgabe ja überhaupt.

Aus konservativen und rechten Kreisen werden Seenotretter massiv kritisiert: Sie würden Flüchtlinge aufs Meer locken, seien Schlepper. Was entgegnen Sie der Kritik?

Sie beruht auf Falschinformationen und Ignoranz, das Thema wird leider viel zu oft simplifiziert. Ich versuche dann immer, den Blick  zu weiten: Die Grenzen in Afrika entspringen dem Kolonialismus, den Europa zu verantworten hat. Nach wie vor beuten wir den Kontinent systematisch aus. Mit einem deutschen Pass darf ich in 187 Länder ohne Visa einreisen. Mit einem Pass aus Somalia nur in 31. Das ist Willkür, das sind rassistische Machtstrukturen.

Deutsche Politiker, wie die Minister Gerd Müller und Heiko Maas, haben im Fall Carola Rackete fleißig Solidarität bekundet. Was halten Sie von solchen Äußerungen?

Wenn der Bundesminister des Auswärtigen Italien für das Kriminalisieren von Seenotrettern kritisiert, dann sehen wir das natürlich erst einmal positiv. Wenn die Verantwortung für die Seenotrettung dann aber auf ein Land wie Libyen übertragen wird, dass sich im Bürgerkrieg befindet, zeigt das: Hinter der humanitären Fassade verbirgt sich eiskalte europäische Abschottungspolitik.

Wie geht es weiter für die Crew?

Das wissen wir noch gar nicht. Alles ist noch so frisch. Wir  würden am liebsten gleich wieder los. Aber das liegt nicht nur an uns.