Thomas Herter auf dem Atlantik. 
Foto: Thomas Herter 

BerlinDer winzige Punkt dort in all dem Blau auf der Satellitenkarte ist die Segelyacht „Nomad“. Auf ihrem Weg von der Ostküste Amerikas von New Jersey entlang des 40. Breitengrads zurück nach Deutschland hat sie die Hälfte der herausfordernden Atlantiküberquerung von West nach Ost bereits hinter sich gebracht. Um das Schiff herum hunderte Seemeilen nur Wasser, aktuelle Position 43º 10.989 N  31º 54.827 W. Der Wind weht an diesem Sonnabend mit 17 Knoten.

Von seiner Berliner Wohnung aus begleitet der 60-jährige Ingenieur Thomas Herter den 38-jährigen Skipper der „Nomad“, Benjamin Pieritz, und seine beiden Crewmitglieder Hartmut und Malin bei der Passage. Abends, nach zehn, zwölf Stunden Arbeit checkt er die Position „seiner“ Yacht, schaut, wie sich das Wetter über dem Atlantik entwickelt. Benny hat gerade den Golfstrom verlassen, es wird kühler.

Thomas Herter, selbst ein erfahrener Segler, hat sich im Rahmen einer einzigartigen Aktion bereit erklärt, Seglern, die wegen der Corona-Pandemie auf eigenem Kiel über den Atlantik nach Europa zurückkehren wollen, ehrenamtlich mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Denn das Heimkommen ist in diesen Wochen für viele von ihnen mit einigen Fragezeichen verbunden.

Trans Ocean – Rolling Home 2020 – so heißt die Aktion des Vereins der Blauwasser- und Langfahrtsegler, der auf ein Netzwerk von 175 Stützpunkten weltweit zurückgreifen kann. Mittlerweile sind die ersten Segler bereits in deutschen Häfen angekommen. Andere sind, wie Benny, noch unterwegs.

Mit Kleinkindern auf Weltreise

Letzter Travelreport von der „Nomad“: „Ich habe seit dem 21.5, das sind 43 Tage, meine Familie, Sina und unsere beiden süßen kleinen Kinder Kyell und Ida nicht mehr gesehen. Sie nicht mehr in den Arm nehmen oder mit ihnen kuscheln können. Ich habe, um „Nomad“ nach Deutschland zu überführen, sogar Idas zweiten Geburtstag verpasst. Seitdem wir unsere Weltumseglung im Oktober letzten Jahres gestartet haben, waren wir 24/7 zusammen. Habe ich Entzugserscheinungen?“

Benny und Sina sind mit ihren beiden kleinen Kindern auf Weltreise, als Corona ihre Pläne durchkreuzt. Wie hunderte andere Segler auf den Weltmeeren wissen sie oft von einem Tag auf den anderen nicht, welcher Hafen sie noch aufnimmt, welche Bestimmungen an Land gelten und ob sie einen sicheren Landgang erwarten können. Sie wollen ihre Yacht nach Hause bringen, doch die Atlantiküberquerung möchten sie den kleinen Kindern nicht zumuten. Zwei bis drei Wochen auf hoher, teils ruppiger See ohne Landgang – es wird noch einige Tage dauern, bis Papa wieder zu Hause ist.

Thomas Herters „Anke-Sophie.“
Foto: Thomas Herter

Es ist das Gefühl von Freiheit, welches Langfahrtsegler fasziniert, der weltweite Corona-Lockdown trifft sie oft an den schönsten Orten der Erde. Doch auch im Paradies stellt sich die Frage: Wie jetzt weiter? Besonders die Segler, die in der Karibik Gefahr laufen, in die im Juni beginnende Hurrikan-Saison zu geraten, müssen nun auf Basis kurzfristig wechselnder Informationen wichtige Entscheidungen treffen. Wo muss eine Genehmigung zum Durchfahren von bahamaischen Gewässern beantragt werden? Welche Quarantäneregeln gelten im Hafen vom Horta auf den Azoren? Ohne Internetzugang auf See ist es schwer, im Dschungel der Corona-Regeln an sichere Informationen zu gelangen. Hörensagen lässt sich schwer von Fakten unterscheiden.

Auch hierbei helfen die Ehrenamtlichen von Trans Ocean. Als Bootsmanager begleitet Thomas Herter, der selbst drei Jahre die Welt umsegelte, derzeit drei Yachten bei der Atlantiküberquerung. Die „Montana“, noch so ein kleiner blauer Punkt auf der Karte, ist gerade von Guadeloupe losgesegelt. Die „Tanoa“ mit zwei Berliner Skippern ist auf dem Rückweg von Bonnaire nach Rügen. Insgesamt sind etwa 40 Yachten mit der Rolling-Home-Aktion unterwegs.

Kollision mit einem Wal 

Und nicht immer läuft die Rückkehr wie geplant. Die Yacht eines britischen Einhandseglers muss aufgegeben werden. Vor den Azoren sinkt  die „Matroos“ nach einer Kollision mit einem schlafenden Wal. Skipper Sam kann zum Glück von anderen Seglern an Bord genommen werden. In den täglichen Berichten ist von Ruderschäden, gerissenen Segeln und kleineren Bränden an Bord zu lesen. Gut, wenn es da einen festen Ansprechpartner gibt, der von Land aus virtuelle Hilfe leistet. Einmal am Tag wird die aktuelle Position der teilnehmenden Schiffe auf der Webseite von Trans Ocean aktualisiert. Die Seglergemeinde freut sich über jedes gesegelte Etmal, so nennen Segler ihre Tagesetappen.

„Wir von Trans Ocean wollen zeigen, dass wir uns als Segler erstmal selber helfen“, sagt Trans-Ocean-Vorstand Peter Wiedekamm. „Dafür haben wir dieses Konzept erarbeitet.“ Es umfasst Lobby-Arbeit, Informationen für die Segler, Wetterinformationen, ein Funknetz über Kurzwelle und Unterstützung im Einzelfall.

„Ein extrem gutes Gefühl, dass jemand über uns wacht, während wir in unserer Nußschale auf dem großen Nordatlantik unterwegs sind“, sagt Benny. Und Thomas Herter ist von seinem Wohnzimmer aus wieder ein bisschen mit an Bord, wie vor vier Jahren, als er und seine Frau selbst die blauen Wasser dieser Welt unter ihren Kiel nahmen.