Berlin - Andere Städte haben vielleicht mehr Kathedralen,“ hob Engelbert Lütke Daldrup an, „aber dafür hat Berlin beeindruckende historische Industriebauten zu bieten.“ Und die, fuhr der Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fort, wolle der Senat durch eine stärkere finanzielle Förderung künftig besser ins öffentliche Bewusstsein rücken. Teilweise ist das schon ohne Senatszutun wildwüchsig passiert – die Berliner Clubszene von Berghain bis RAW bevorzugt alte Industriebauten als „Location“. Nicht nur, weil sie teils leerstanden und erstmal billig zu betreiben waren, sondern weil  viele der Bauten aus der Zeit der Industrialisierung selbst in heruntergekommenem Zustand eine hohe architektonische Qualität besitzen und ein besonderes Flair ausstrahlen.

Neue Ideen aus alten Bauten

Berlin verfügt als ehemals größter deutscher Industriestandort über zahlreiche solcher Bauten, von denen einige, wie die AEG-Turbinenhalle des Architekten Peter Behrens in Moabit, jedem Architekturstudenten weltweit als vorbildhaft geläufig sind. Andere Industrie- und Gewerbebauten des 19. Jahrhunderts wie das Backsteingebäude der ehemaligen Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik in Reinickendorf sind kaum bekannt, während beispielsweise lange vergessene Industrieareale wie Oberschöneweide nach und nach neue, zeitgemäße Nutzungen in  alten Gebäuden etablieren.

Auch Start- up-Softwareschmieden fühlen sich in alter Backstein-Hardware wohl, etwa in der „Factory“ nahe der Bernauer Straße. In der ehemaligen, mit moderner Architektur kombinierten Brauerei brauen heute junge Menschen mit Laptops ihre Apps zusammen. Auch die elektronischen Landkartenproduzenten von „Here“ in Mitte residieren in einem eindrucksvollen Backsteinbau. Frühere Kraftwerke und Umspannstationen erinnern daran, dass E-Mobility in Berlin ein alter Hut ist, „Elektropolis“ war die Stadt schon vor hundert Jahren.

Mit der Pflege dieser baulichen Zeugnisse der Vergangenheit befassen sich unter anderem das Berliner Zentrum Industriekultur (BZI), das an der Hochschule für Technik und Wirtschaft angedockt ist sowie die Stiftung deutsches Technikmuseum.

Letzteres nutzt selbst auf dem Gelände des früheren Anhalter Güterbahnhofs Gebäude, Güterschuppen, Lokschuppen und andere Eisenbahninfrastruktur-Einrichtungen für seine Ausstellungen und hat damit weltweit ein Alleinstellungsmerkmal. Kein anderes Technikmuseum hat das Glück, inmitten einer authentischen Eisenbahn- und Verkehrslandschaft seine Eisenbahn- und Verkehrssammlung präsentieren zu können.

Substanz bewahren

Der Senat will das BZI mit 140.000 Euro jährlich institutionell fördern, damit das Berliner Industrieerbe bekannter wird. Außerdem soll es neben dem klassischen Denkmalschutz „Kümmerer“ geben, die sich  für Erhalt und weitere Nutzung der wertvollen Bausubstanz zuständig fühlen. Das BZI lädt einmal jährlich alle Industriekultur-Akteure und die interessierte Öffentlichkeit aus Berlin und Brandenburg zu einem offenen Forum ein, um über den weiteren Umgang mit der Industriekultur in Berlin zu diskutieren.

An die nicht gerade üppige Fördersumme knüpft Lütke Daldrup die Hoffnung, mit dem Thema Industriekultur neben dem kulturellen auch einen touristischen Mehrwert zu erzeugen. Gespräche mit „Visit Berlin“ sind vorgesehen. Vorbild ist unter anderem das Ruhrgebiet, das seine stillgelegten früheren Kohlezechen, Kokereien und Schwerindustriebetriebe zu touristischen Attraktionen umgebaut hat.