Ihre Stammlinie ist die M1, doch zum Interview kommt Ramona Pop zu Fuß. Kurz nachdem die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) 90 Jahre alt geworden sind, zieht die Grünen-Politikerin Bilanz – und schaut in die Zukunft. Die Wirtschaftssenatorin ist Vorsitzende des BVG-Aufsichtsrats.

Sie sind oft im Dienstwagen unterwegs. Nutzen Sie auch die BVG?

Natürlich, gerade erst vor einigen Tagen wieder. Privat nutze ich regelmäßig die BVG. Vor allem am Wochenende, wenn ich einkaufen fahre oder mich mit Freunden treffe.

Wie ist es, mit der BVG zu fahren?

Die BVG ist immer ein Erlebnis.

Meinen Sie das positiv oder negativ?

Ich erlebe alles, was Berlinerinnen und Berliner ebenfalls in der BVG erleben. Volle Bahnen, in die man gerade noch hineinkommt, aber auch Bahnen, die leer sind. Was ich an der BVG besonders spannend finde: Der Nahverkehr ist einer der wenigen Orte in Berlin, an dem man die Vielfalt trifft, die es in dieser Stadt gibt. Ein Ort, an dem alle zusammenkommen – Jung und Alt, arm und reich, Berliner und Touristen von nah und fern. Die BVG bringt diese Stadt zusammen.

Wenn Sie einen Aufsatz schreiben müssten „Mein schönstes Erlebnis in der BVG“ – was käme darin vor?

Keine einfache Frage. Inzwischen ist es auch in der Bahn leider so, dass fast alle die ganze Zeit nur auf ihre Handys schauen. Da kommt man kaum ins Gespräch. Aber als besonders schön empfinde ich die Hilfsbereitschaft unter den Fahrgästen: Oft springen wir zu dritt auf, um älteren Menschen einen Sitzplatz anzubieten oder jungen Eltern mit Kinderwagen zu helfen. 

Sie leben seit 1999 in Berlin. Wie hat sich die BVG seitdem verändert?

Als ich nach Berlin zog, fuhr beispielsweise die U-Bahn am Wochenende noch nicht die ganze Nacht durch. Wenn ich zu einer Party wollte, musste ich Nachtbus fahren. Auch die Takte haben sich seit 1999 verändert: Bahnen und Busse fahren heute öfter als früher, das Angebot ist ausgeweitet worden. Darum ist die Zahl der Fahrgäste gestiegen, immer mehr Menschen nutzen die BVG. Das heißt aber auch, dass sie spürbar voller geworden ist.

Auch die Zahl der U-Bahn-Nutzer ist gestiegen, doch die Zahl der U-Bahn-Wagen ging zurück. Warum hat die BVG ihre Flotte nicht erweitert?

Während der Nullerjahre, als Sparen und die Konsolidierung des Haushalts im Mittelpunkt standen, wurde fast nicht investiert. Damals hat man gedacht, dass die BVG noch längere Zeit mit U-Bahnen fahren kann, die heute schon historisch anmuten. Aber irgendwann kommt die Technik an ihre Grenzen, vor allem, wenn wie derzeit die Verkehrsleistung steigt. Die Fahrzeuge werden immer stärker belastet, der Verschleiß nimmt zu. Wir haben aus dieser Zeit eine schwere Erbschaft angetreten. Im Sommer war ich in Hamburg. Dort sind die U-Bahnen im Schnitt 13 bis 14 Jahre alt, in Berlin beträgt das Durchschnittsalter fast 30 Jahre. Der Vergleich macht deutlich, was bei uns versäumt worden ist. Die Fahrgäste müssen die Zeche zahlen. Wir holen nun Verpasstes nach und investieren immens.

U-Bahn-Fahrten fallen aus, jeden Morgen bleibt eine dreistellige Zahl von Wagen in den Werkstätten. Ist Berlins U-Bahn in einer Krise?

Die BVG meistert täglich Engpässe bei der U-Bahn. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns derzeit noch innerhalb eines engen finanziellen Rahmens bewegen, der von einem früheren Senat beschlossen worden ist. Einen neuen Verkehrsvertrag, der den Rahmen ab 2020 deutlich erweitern wird, bereiten wir gerade vor. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Werkstätten der BVG leisten alles Menschenmögliche, damit Berlin in Bewegung bleibt. Ohne neue U-Bahnen wird es aber nicht gehen. Es geht um die Beschaffung von bis zu 1500 Wagen, das ist der größte Auftrag der deutschen Nahverkehrsgeschichte. 

Seit September ist der Berlkönig, ein Fahrdienst mit mittlerweile 90 Autos, in Berlin unterwegs. In der Koalition gibt es Stimmen, die ihn für überflüssig halten. Was sagen Sie dazu?

Die BVG ist vor 90 Jahren mit dem Ziel gegründet worden, Mobilität aus einer Hand zu garantieren. Wenn sie mit der Entwicklung weiterhin Schritt halten will, darf sie sich nicht auf Bahnen und Busse beschränken. Die BVG muss sich auch mit aktuellen Themen der digitalen, vernetzten Mobilität befassen, und sie darf neue Märkte nicht privaten Unternehmen überlassen. Sonst besteht die Gefahr, dass die private Konkurrenz irgendwann übermächtig wird. Es ist also richtig, dass die BVG mit dem Berlkönig Erfahrungen im Ride Sharing sammelt. Und ich bin mir sicher, dass sie in den nächsten Monaten und Jahren in weitere neue Märkte hineingehen wird, um den Aktionsradius ihrer Nutzer zu erweitern.

In welche Märkte zum Beispiel?

Das Bundesverkehrsministerium wird in diesem Jahr Elektrotretroller zulassen. Ich fände es spannend, wenn die BVG auch dieses Verkehrsmittel anbieten würde, zum Mieten.

Der Berlkönig ist heute ausschließlich in der östlichen Innenstadt unterwegs. Wird das Gebiet ausgeweitet?

Die derzeitige rechtliche Basis, die Experimentierklausel des Personenbeförderungsgesetzes, legt nahe, dass dieser Fahrdienst vorerst nur in einem bestimmten Gebiet angeboten wird. Doch natürlich fände ich es für die Zukunft wünschenswert, den Bereich des Berlkönigs auszuweiten – insbesondere auch auf Gebiete außerhalb des S-Bahn-Rings.

Kritiker halten neue digitale Angebote für Spielerei. Sie fordern, dass sich die BVG auf ihr Brot-und-Butter-Geschäft beschränkt: den Betrieb von Bahnen und großen Bussen. Haben sie recht?

Die BVG muss sich um alles gleichzeitig kümmern. Sie muss ihr Brot-und-Butter-Geschäft in Ordnung bringen, versäumte Investitionen nachholen, den Betrieb stabilisieren. Darum haben wir im Aufsichtsrat beschlossen, dass die BVG wieder einen separaten Vorstand für den Betrieb von Bussen und Bahnen beruft. Doch die Zukunftsthemen dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Sonst würden wir in einigen Jahren zu Recht kritisiert: Warum hat es die BVG versäumt, auf den neuen Märkten mitzuspielen? Jetzt verdienen andere damit Geld! Unser Ziel für die Zukunft ist, dass die BVG eine Plattform für möglichst viele Mobilitätsarten bildet. Eine App sagt, wie ich schnell, zuverlässig und umweltfreundlich von A nach B komme, sie bietet mir verschiedene Routen und Verkehrsmittel an. Abgerechnet wird nach Strecke, die ich zurücklege.

Auch in diesem Jahr gibt es keine Fahrpreiserhöhung bei der BVG. Werden die Tarife 2020 wieder steigen?

Seit die rot-rot-grüne Koalition die Arbeit aufgenommen hat, gab es nicht nur keine Fahrpreiserhöhung, einige Nutzergruppen fahren jetzt günstiger BVG. Das Schülerticket ist für viele preiswerter geworden, ab dem nächsten Schuljahr wird es für alle Schülerinnen und Schüler kostenlos. Auch haben wir das Sozialticket im Preis abgesenkt und den Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert. Wir unternehmen weitere Schritte hin zu einer Tarifstruktur, die gerechter und sozialer ist. Mobilität bedeutet Teilhabe, sie darf nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Die Verabredung im Koalitionsvertrag lautet: Wenn die neue Struktur beschlossen ist, können wieder Anpassungen stattfinden. 

Der Entwurf des Nahverkehrsplans sieht vor, das Verkehrsangebot der BVG massiv auszuweiten. Wie viel zusätzliches Geld braucht die BVG?

Berlin wächst, die BVG soll und muss mitwachsen. Das Streckennetz, das in den vergangenen Jahren kaum ausgebaut worden ist, muss erweitert werden. Die Zahl der Fahrten muss weiter steigen, auch außerhalb des S-Bahn-Rings soll künftig mindestens alle zehn Minuten ein Bus fahren. Was Berlin und die BVG jetzt brauchen, sind große Investitionen in die Zukunft. Deshalb werden im neuen Verkehrsvertrag nicht die alten Summen stehen, die Zahlungen an die BVG müssen steigen. Der heutige Verkehrsvertrag wurde abgeschlossen, als Thilo Sarrazin Finanzsenator war. Er sah ihn als Sparinstrument. Der neue Verkehrsvertrag wird einen neuen Geist atmen. 

Sie setzen sich dafür ein, darüber nachzudenken, wo neue U-Bahn-Strecken entstehen könnten. Welche Netzerweiterungen wären sinnvoll?

Zu diesem Thema läuft eine Machbarkeitsstudie, deren Ergebnisse ich abwarten möchte. Einen Hinweis möchte ich aber geben: Trotz vieler Versprechungen ist es bislang keiner Stadtregierung gelungen, das Märkische Viertel besser anzuschließen. Ich denke, dass das eine der ersten Verlängerungen sein wird, die man bei der BVG in den Blick nehmen könnte. Ein wichtiges Sanierungsprojekt ist der Waisentunnel, der in Mitte die U5 und U8 verbindet, aber seit einiger Zeit gesperrt ist. Er muss dringend wieder hergestellt werden, damit die Betriebswerkstatt Friedrichsfelde zusätzliche Aufgaben übernehmen kann und die Werkstatt Britz-Süd nicht länger den Großteil der U-Bahn-Flotte instand halten muss.

Ich hatte vergessen, Sie nach Ihrem ärgerlichsten BVG-Erlebnis zu fragen.
Silvester fahre ich ungern U-Bahn, weil es mir schon passiert ist, dass Böller in den Schacht geworfen wurden. Wenn sich jemand in der BVG daneben benimmt, sind es meist Fahrgäste – und nicht Mitarbeiter. Alle Berliner tragen Verantwortung dafür, dass die BVG funktioniert. Sie ist ein öffentliches Unternehmen. Die BVG gehört uns allen, so sollten wir sie auch behandeln.

Was ist Ihr Wunsch für die BVG?

Die BVG garantiert seit 90 Jahren unsere Mobilität. Gemeinsam wollen wir einen stabilen Betrieb garantieren, mit smarter Mobilität die Lebensqualität der wachsenden Metropole Berlin steigern und gleichzeitig den Umweltansprüchen gerecht werden. Für diese Herausforderungen wünsche ich der BVG weiterhin viel Kraft und Unterstützung von allen Seiten. Ich danke allen 14.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der BVG, die Berlin rund um die Uhr und an allen Tagen der Woche am Laufen halten.