Leere Tische, keine Geselligkeit, nur noch Lieferdienst: geschlossen, um Ansteckung zu vermeiden – ein Lokal in Prenzlauer Berg. 
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BerlinUnten fließt die Spree, oben funkeln die Sterne und dazwischen: Beats, einhundertsechzig pro Minute, der Treibstoff einer Berliner Technonacht. Normalerweise wären jetzt ein paar Hundert Leute im Watergate, vor dem DJ-Pult würden sie tanzen und träumen, und am anderen Ende des Raums wäre kaum ein Rankommen an die Bar. Normalerweise stünde auch keine Flasche mit Desinfektionsmittel auf dem Tresen eines Clubs, wäre die Tanzfläche kein Ort, an dem sich sozialer Sicherheitsabstand trainieren ließe, könnte man die Luft nicht atmen, man müsste in sie hineinbeißen.

Normal ist an dieser Nacht allenfalls das, was die Zuhausebleiber auf ihren Bildschirmen oder Displays sehen. Weil mehrere Kameras das Set von Monika Kruse filmen: Wie sie hier was dreht, dort was regelt, mit den Fingern schnippt, an ihrem Kopfhörer herumnestelt. „Ich finde“, sagte sie mal auf festticket.com, „dass man den Moment im Club, mit dem Menschen dort, nicht durch Streaming übertragen kann. Du fühlst die Energie im Club nicht und verstehst nicht, warum ein DJ einen bestimmten Track spielt.“

„Du fühlst die Energie im Club nicht“

Das war vor über einem Jahr. Und es galt auch noch vor einer Woche. Jetzt nicht mehr. Die Berliner Clubs sind geschlossen. Und nicht nur das Nachtleben ist runtergedimmt auf das Nötigste. Im Energiesparmodus befinden sich grundsätzlich alle. Wer tanzen will, soll bitte, nein, muss es verdammt noch mal, daheim tun. Deswegen der Stream.

Bei YouTube findet man seit Mittwoch den passenden Mitschnitt, fünf Stunden, sechs DJs, der Titel: „United We Stream #1 – Watergate – ARTE Concert“. Am Donnerstag ging es im Tresor weiter. „Die Berliner Clubkultur steht vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte“, schreiben die Macher der Veranstaltungsreihe. Daneben prangt ein roter Button: „Jetzt spenden!“

United We Stream #1 – Watergate – ARTE Concert

Video: YouTube

Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr. Die Antwort der Clubbetreiber auf Corona? Sie bringen „den größten digitalen Club zu dir nach Hause“. Eine Million Euro ist das Ziel des Crowdfundings. Eine Jury wird über die Verteilung der Gelder entscheiden. Knapp ein Zehntel der Summe ist bereits zusammengekommen.

Lesen Sie hier im Newsblog die aktuellen Entwicklungen der Corona-Pandemie in Berlin >>

Ein Virus hat unser Leben verändert. Wir sind Teil eines Experiments mit ungewissem Ausgang. Wir wurden nicht gefragt, ob wir mitmachen wollen bei dieser geschlossenen Gesellschaft. Unser Alltag orientiert sich an Maßnahmen, an immer neuen Einschränkungen, es gibt sogar Grenzkontrollen. Wir fragen uns, was die Bayern machen, weil sie immer zuerst die nächste Abschottungsstufe zünden. Dann warten wir ab, wie die Berliner Bezirke reagieren. Und die Europäische Union? Die scheint eher keine Wertegemeinschaft mehr zu sein, sondern doch ein Wirtschaftsverband, der gerade in die Summe seiner Einzelinteressen zerfällt. Wie lange das alles noch gilt? Bis auf Weiteres – drei Worte, ein Lebensgefühl.

Wirkungsvolle Horrorszenarien entziehen Freiheit

Das spürt man jetzt überall. Das liest man auch in den meisten Schaufenstern der geschlossenen Läden. Zuvor noch die Begründung der Inhaber: „aufgrund der aktuellen Lage“, „der außergewöhnlichen Umstände“, „wegen der Anordnung der Bundesregierung“. Und am Ende ein innig hingehofftes: „Bleibt gesund!“

Wir geben gerade viele Freiheiten auf in der Hoffnung, den Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindern zu können. Wir wissen ja, was in Italien passiert. Wir sorgen uns um die Alten und Kranken, verleihen Geld, senken Mieten, helfen bei der Kinderbetreuung oder organisieren Einkäufe für die Nachbarn. Nicht nur bei Telegram bilden sich Gruppen, die „covid berlin support“ oder „Lichtenberg solidarisch“ heißen. Das Angebot zieht sich von Ahrensfelde bis nach Zehlendorf. Es gibt Listen zum Download, dann zum Aufhängen im Hausflur. „Melden sie sich einfach unter der Telefonnummer oder klingeln sie bei mir“ steht da in neun Sprachen. Die Bereitschaft zu helfen übersteigt noch den Bedarf, heißt es.

Ein Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses engagiert sich im heimischen Köpenick, hat eine Hotline eingerichtet und die Mitarbeiter im Schichtbetrieb ans Telefon gesetzt. Fahrradkuriere bieten kostenlos ihre Dienste an. Man rückt zusammen, wo man nicht fernbleiben darf. Es gibt neue Fragen, die zu neuen Debatten führen: Was sind systemrelevante Berufe? Warum bekommen einige weniger, obwohl sie mehr verdienen?

Ranking wem es am schlechtesten geht

Ein Ranking der hilfsbedürftigen Branchen entsteht, aber wem geht es eigentlich am schlechtesten: den Freiberuflern oder den Fluggesellschaften, den Reisebüros oder der Bundesliga, den Spargelbauern oder den Clubbetreibern? Vor dem Watergate prangt die Botschaft: „Jetzt oder nie mehr! Clubkultur retten! Arbeitsplätze sichern! Kunst und Kultur in Berlin erhalten! Wir fordern Mietübernahme vom Senat – jetzt.“ Es wird wenige Krisengewinner geben und viele Krisenverlierer. Erster Nebeneffekt: Fußball ist nicht mehr wichtig. So weit weg. So banal.

Oder man bleibt eben doch egoistisch. Die Frühlingssonne lässt das Grün aus Büschen und Bäumen schießen und lockt die Menschen nach draußen. Diese Woche fühlte sich wie ein ewiger Sonntag an für viele. Aber nach einigen Tagen im Homeoffice müssen auch Familienbande gerissen sein, als wäre schon Weihnachten. In China führten vier Wochen Quarantäne zu mehr Scheidungen. In Österreich, wo bereits Ausgangsbeschränkungen gelten, will die Regierung Frauen und Kinder vor häuslicher Gewalt schützen. Paartherapeuten sind gerade sehr gefragt.

Der Nachrichtenstrom reißt einfach nicht ab. Man droht, in ihm unterzugehen. Pushmeldungen kommen jetzt im Minutentakt: „Erste Ausgangssperre in Deutschland“, „Das Versagen der Weltpolitik“, „Forscher empfehlen monatelange Einschränkungen des öffentlichen Lebens“. Und dann huschen wieder Bilder in die Timelines: von gut gefüllten Spielplätzen. Szene am Kollwitzplatz: Ein Kind wickelt sich in das im Wind flatternde Absperrband des Ordnungsamts, und Papa filmt.

Mit angespitztem Moralfinger auf andere zeigen

Viele zeigen jetzt mit dem angespitzten Moralfinger auf die anderen. Denn wie kann man noch immun sein gegen die Empfehlungen und Warnungen, die immer mehr nach Drohungen klingen, nach einer Ausgangssperre für alle? Also noch mal in Ruhe, noch ist es ja vielleicht nicht zu spät: Bitte, nicht hamstern. Bitte, soziale Kontakte einschränken. Als Hashtag: #staythefuckinghome. Oder eben in den Worten von Angela Merkel: „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.“

Im Moment sind viele sehenden Auges blind. Die Welt geht unter, aber wenigstens der Arsch muss sauber sein. Und dann sagt immer einer: Das ist doch alles Panikmache! Man wünscht sich, dass jemand mal ordentlich die Gerüchteküche desinfiziert.

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An einem Morgen in Friedrichshain stehen zwanzig Menschen vor einem Drogeriemarkt, eine halbe Stunde vor der Ladenöffnung. Mütter mit Kinderwagen, Väter mit Babytragen, ein Bekannter, der   Klopapier braucht, ein Rentnerpaar, das sich gegenseitig in die weißen Latexhandschuhe hilft. An der Tür steht die neue Einlasspolitik: Abstand halten, keine Produkte ins Regal zurückstellen,   besser bargeldlos bezahlen, Husten und Niesen in die Armbeuge.

Viele Geschäfte haben ihre Hygienevorschriften verschärft in den vergangenen Tagen. Mitarbeiter der Bio Company wischen jetzt jeden Einkaufskorb ab, wenn ein Kunde den Laden betritt, außerdem ist der Brötchenkauf „in Selbstbedienung“ eingestellt. Der Mann an der Kasse hofft, dass er keine Schutzmaske anziehen muss. Allein die Handschuhe nerven. Und bei Kaufland kommen keine Warentrenner mehr zum Einsatz.

Nicht alle können ins Homeoffice flüchten

Die Schlange vor dem dm ist eine vorbildlich luftige. Doch als die Tür aufgeht, stürmen die Ersten gleichzeitig zu den Hygieneartikeln, ein Mann packt drei Flaschen Handgel in den Einkaufswagen. Zwei wird er später wieder abgeben an der Kasse. So sind die nun mal neuen Regeln. Der Sicherheitsbeamte sagt: „Die schlimmste Zeit ist vorbei.“ Vor ein paar Tagen soll die Morgenschlange länger gewesen sein. Die Wutschnur kürzer. Die Verkäuferin verspricht: „Klopapier gibt es wieder ab Freitag.“ Auf Amtsdeutsch heißt hamstern übrigens bevorraten.

Es waren viele Menschen unterwegs in den vergangenen Tagen. Menschen, die nicht ins Homeoffice können, weil es eben nicht nur Bürojobs gibt. Ein Postbote etwa, der das Gefühl hat, dass der Fahrradverkehr zugenommen hat und damit auch die Unsicherheit auf zwei Rädern. Aus drei Metern Entfernung sagte er: „Die fahren wie die Anfänger.“ Ein Lieferant von Rewe, der seit Tagen mehr zu tun hat, winkt gleich ab: „Das Lieferfenster beträgt zwei bis drei Wochen. Die Leute kaufen alles.“

Manche haben kein Büro und nicht mal ein Zuhause. Wie der Mann, der an einem Nachmittag die Abklärungsstation in der Charité aufsucht. Dutzende Menschen warten darauf, dass der an Mund, Händen und Augen geschützte Arzt, ein Zeichen gibt und sagt: „Guten Tag, herzlich willkommen, wie geht es Ihnen?“ Dann beginnt der eigentliche Fragekatalog, zuerst immer: „Waren sie innerhalb der vergangenen 14 Tage in einem Risikogebiet, etwa in Nordrhein-Westfalen?“ Dann: „Waren Sie mit jemandem in Kontakt, der positiv getestet wurde?“ Der Obdachlose verneint jeweils und wird nach einem kurzen Plausch mit „Bleiben Sie gesund“ rechts zur Seite gebeten.

Links, in zwei Zelten oder davor auf Plastikstühlen, sitzen maskierte Menschen. Sie haben Wartemarken in den Händen.