Nein, dieses „Ich bin ein Berliner“, das hat er so nicht gesagt, jedenfalls nicht wörtlich. Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD mit dauerhaft verbesserungsfähigen Umfragewerten, bemühte sich am Wochenende dennoch um einen ganz persönlichen Zugang zu den Genossinnen und Genossen aus der Hauptstadt, die da, auf ihrem Landesparteitag im Hotel Estrel, vor ihm saßen. Seine Version des berühmten Kennedy-Zitats lautete am Sonnabend, stilistisch vielleicht etwas arg unterkühlt: „Inzwischen habe ich einen festen Wohnsitz in Berlin.“

Im Saal wurde spontan geraunt, sogar ein bisschen applaudiert. Man erfuhr noch, dass der Genosse Peer jetzt in Wedding wohnt, im Sprengelkiez, einer Gegend, in der nicht wenige Familien von einem Jahresbrutto leben müssen, das andere, sagen wir, mit einem einzigen Vortrag verdienen. Wie auch immer: Steinbrück, der bekehrte Partei-Rechte, setzte unverdrossen auf eine Charmeoffensive gegenüber dem bekanntermaßen linken Landesverband, kritisierte das nervige „Berlin-Bashing“, das es allenthalben gebe. Er lobte die deutsche Hauptstadt als „kreatives Zentrum“ der Startup-Szene. Er lobte auch die Bundestagsliste der Berliner Genossen, die an diesem Tag zur Abstimmung stand, denn dort seien ja 50 Prozent Frauenquote erreicht.

Selbiges wolle er in seinem Wahlkampfteam schaffen. Und der Berliner Spitzenkandidatin Eva Högl, später mit ordentlicher Mehrheit bestätigt, gab Steinbrück gleich noch ein leicht vergiftetes Kompliment mit. Denn „die Eva“, so Steinbrück, wohne im selben Haus zwei Stockwerke über ihm – „was ein gewisser Fingerzeig für ihre Zukunft sein kann.“ Welche Zukunft nun genau, das wird dann wohl erst der Wahlabend am 22. September zeigen.

Steinbrücks Berlin-Rede, energisch und mit leicht verbissenem Ton vorgetragen, kam bei den gut 200 Genossen im Saal jedenfalls prima an. Gerade auch beim Landesvorsitzenden Jan Stöß – der noch vor einem Dreivierteljahr öffentlich seine Vorliebe für Hannelore Kraft aus NRW als Kanzlerkandidatin bekundet hatte. Inzwischen ist auch für ihn selbstverständlich Peer Steinbrück der richtige Mann am richtigen Ort, Stöß begrüßte den Kandidaten am Sonnabend daher auch klassisch als den „nächsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland“.

Es war aber ohnehin der Tag des Jan Stöß. Vor fast einem Jahr hatte sich der 39-jährige Richter eine knappe Mehrheit organisiert, um den bisherigen Parteichef Michael Müller, heute Bausenator, abzulösen. An diesem Sonnabend legte er seinen monatelang hin und her geplanten Vorschlag vor, an wen nach seiner Vorstellung die besten Plätze – und damit die besten Aussichten auf ein lukratives Bundestagsmandat – zu vergeben sind. Es gebe dabei immer „kleinere und größere Gewinner“, sagte Stöß mit bemühter Untertreibung. Tatsächlich stimmten die Genossen die Liste zwar (fast) komplett so ab, wie von Stöß gewollt. Die Bewährungsprobe überstand er also zweifellos. Doch befanden sich dann eben auch etliche Verliererinnen und Verlierer im Saal.

Entscheidend war die Abstimmung um Platz 3. Nachdem Eva Högl und Swen Schulz, beide bereits im Bundestag, ohne Gegenkandidatur gewählt waren, traten hier gleich drei Kandidatinnen an. Stöß’ Vorschlag, die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert aus Tempelhof-Schöneberg zu wählen, war knapp erfolgreich: Rawert bekam 52 Prozent, Ülker Radziwill aus Charlottenburg-Wilmersdorf 35; immerhin noch 12 Prozent wählten Ute Finckh-Krämer aus Steglitz-Zehlendorf. Damit war klar, dass die Mehrheit des Parteivorsitzenden steht. Weitere Gegenkandidaturen blieben aus, wer werde sich schon eine absehbare Niederlage abholen, hieß es. Die unterlegene Sozialpolitikerin Radziwill verzichtete auf den aussichtslosen Platz 9 – und kämpft jetzt für ihr Direktmandat im Kreis. Mit durchaus guten Chancen.