Für höchstens vier Euro können Berliner jetzt die aufwendig zubereiteten Gerichte von Berliner Spitzenköchen kaufen. Restaurantgäste bezahlen dafür im Lokal oft mehr als das Zehnfache. Die Schnäppchen-Kunden sparen aber nicht nur viel Geld, sie tun auch noch etwas Gutes: Sie retten Lebensmittel.

Teller statt Tonne – so lautet das Motto  der Betreiber der App „Too Good To Go“, was in etwa heißt: Zu schade zum Wegwerfen. Engagierte Restaurant- und Cafébetreiber, sowie  Inhaber von Bäckereien und Imbissen bieten per App ihre nicht verkauften Speisen und Lebensmittel zum Niedrigpreis an. Die Käufer bestellen die gewünschte Menge mit ihrem Smartphone und holen die Gerichte zu einer vereinbarten Zeit, meist zum Ende der Öffnungszeiten, aus den Lokalen ab. Auch Berliner Hotels beteiligen sich, bei ihnen bekommt man etwa ab zehn Uhr die Reste des Frühstücksbuffets in einer Box zum Mitnehmen.  

200 Geschäfte und Lokale 

In Berlin ist die Zahl der beteiligten Lokale im Laufe der vergangenen Monate enorm gestiegen. Waren es im Herbst vergangenen Jahres noch 30 Geschäfte und Restaurants, sind es jetzt mehr als 200. Die meisten Einträge gibt es in Innenstadtbezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte.

Mittlerweile hat sich die Idee in der Gastro-Szene so weit herumgesprochen, dass sich nun auch Spitzenköche,  bekannte Küchenchefs und die Inhaber angesagter Lokale beteiligen –, etwa das viel gelobte Speiselokal „Tulus Lotrek“ in der Kreuzberger Fichtestraße. Dort stehen Gerichte wie Jakobsmuscheln und Steinpilze auf der Speisekarte, ebenso Gelbflossenmakrele, Uckermärker Lamm und gegrillter Chicorée. 2016 kürten die Berliner Meisterköche Inhaber Max Strohe zum „Aufsteiger des Jahres“.

Gleich nebenan, ebenfalls in der Kreuzberger Fichtestraße, verarbeiten die Köche vom Restaurant „Herz & Niere“ die getöteten Tiere von Kopf bis Fuß, und so bekommen die Gäste dort neben Filets und anderen Edelteilen auf Wunsch auch Innereien serviert, etwa Herz und Nieren. 

Butterweich geschmorte Schweinebäckchen und Pizza stehen auf der Karte vom Gasthaus Figl in der Urbanstraße in Kreuzberg. Das Lokal ist eine Mischung aus zünftiger Gastwirtschaft und Pizzeria nach Tiroler Art. Nach den Sommerferien wird  Küchenchef Mathies Schott übrig gebliebene Gerichte von der Karte an Selbstabholer abgeben. Er sagt, er finde es gut, wenn es Leute gibt, die sich für Lebensmittel einsetzen. Zwei Euro werde eine Abholbox künftig kosten, einen Euro davon will der Küchenchef an Bedürftige spenden.  

In der App wird auch der Name vom Trend-Imbiss Goldies stehen, einer beliebten Pommesbude in der Oranienstraße in Kreuzberg, in der die Fritten mit exotischen länderspezifischen Beigaben serviert werden, etwa mit gezupfter Entenkeule, irischem Cheddar, geschmorten Auberginen oder Speck-Zwiebel-Schmelze.

Neu auf der langen Liste der Berliner Lokale  ist das Café Kombrink in der Dresdner Straße in Kreuzberg. „Es ist wichtig und gut, sich an dem Projekt zu beteiligen, wenn es der Verschwendung von Lebensmitteln etwas entgegensetzt“, sagt Mitbetreiberin Claudia Fauth. Im Kombrink gibt es frisch zubereitete Tagesgerichte wie Lasagne mit Kichererbsen, hausgemachte Käsespätzle, Paprikasemmelknödel und Zitronen-Erbsen-Risotto.

Bezahlt wird per Handy

Die kostenlose App lässt sich einfach bedienen. Nutzer können sich nach Eingabe der Postleitzahl Restaurants in ihrer Nähe anzeigen lassen. Das Essen kostet in der Regel zwischen zwei und vier Euro, es gibt festgelegte Abholzeiten, meistens am Nachmittag oder am Abend, wenn das Restaurant schließt. Bezahlt wird per Handy. Der Restaurantchef bekommt die Namen der Kunden angezeigt.

Nach Berechnungen der App-Betreiber konnten seit Aktivierung der App mehr als eine Million Mahlzeiten in den beteiligten Ländern gerettet werden, in Deutschland waren es bisher etwa 40.000.

Das App-Projekt To Good To Go begann im Oktober 2015 in der dänischen Stadt Kopenhagen und verbreitete sich schnell. Heute nutzen  Menschen in sieben Ländern das Angebot,  darunter in Australien, Frankreich, Norwegen, England und der Schweiz. In Deutschland  machen mehr als 500 gastronomische Betriebe mit. Berlin ist die Stadt mit den meisten Beteiligten. 

Denn in der Hauptstadt gibt es etliche Initiativen, die sich gegen Lebensmittelverschwendung engagieren. Durchschnittlich wirft jeder Deutsche im Jahr 82 Kilogramm weg, meist Obst und Gemüse, welker Salat, schrumpelige Möhren oder Äpfel mit Druckstellen.

Im Jahr ergibt das in deutschen Haushalten einen Abfallberg von elf Millionen Tonnen, allein drei Tonnen stammen aus der Gastronomie. Laut einer Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft werfen die Deutschen jedes achte Lebensmittel weg. Die Behörde hat die App „Zu gut für die Tonne“ entwickelt, in der etwa Sterneköche einfache Rezepte für Restegerichte vorstellen.

Und es gibt weitere Projekte: In Kürze wollen Aktivisten Berlins  ersten Reste-Supermarkt eröffnen, in dem es übrig gebliebene Lebensmittel gibt. Die Waren wurden etwa aus dem Sortiment genommen, weil sie nicht den strengen Kriterien des deutschen Marktes und EU-Normen entsprechen. Deswegen lassen Landwirte sogar große Mengen ihres Anbaus auf dem Feld. Weil krumme Dinger nicht der Norm entsprechen.