Berlin - Der junge Mann neben der Haltestelle lässt sich nicht beirren. Nicht von den an- und abfahrenden Bussen, nicht von der abgestandenen Schwüle, die wie eine muffige Decke über dem Kudamm liegt, nicht von den Menschen. Das Megafon in seiner Hand verdeckt fast sein ganzes Gesicht und ist das einzig Auffällige an ihm. Ansonsten: Kurze blonde Haare, Jeans, T-Shirt. Ein junger Mann eben – Mitte, Ende zwanzig.

Ein junger Mann mit Botschaft. Von weitem habe ich sie nicht verstanden, jetzt, aus der Nähe, höre ich „Jesus“ und „Gott“, der Mann predigt. Seine Rede hat nichts Eiferndes, er klingt eher, als spräche er zu sich selbst, wäre da nicht der Verstärker, der die Worte hinausschickt in den frühen Abend. Anders als andere Missionare mit ihren Blättchen und bohrenden Blicken finde ich ihn nicht unsympathisch.

Wie fühlt man sich, frage ich mich, als hörbare Stimme, die keiner hört? Die Menschen tragen Tüten, Taschen und Kopfhörer, sprechen in Geräte, miteinander oder in Gedanken mit sich selbst. Nirgends eine Leere, die etwas Übergeordnetes füllen müsste. Die hat erst dann ihren Auftritt, wenn die Waren ausgepackt und schon wieder alt sind. Manch ein müdes Gesicht kündet schon davon.

Beobachtungen beim Nach Hause fahren: Irgendwo ist immer jemand, der kein Zuhause hat 

Durch die geschlossenen Bustüren hört man ihn immer noch. Kurz. Abgelöst wird seine gedämpfte Rede vom Schnauben des anfahrenden Fahrzeugs und zwei singenden Kindern. Die Mutter sitzt ihnen gegenüber, sichtbar abgekämpft. Sie ermahnt die zwei, etwas leiser zu sein. Kurz darauf sind beide eingeschlafen, Kopf an Schulter. Eine alte Dame mit silberblauen Löckchen und Rollator sieht aus, als würde sie es ihnen gerne nachtun. Immer wieder klappt ihr Kopf zur Seite. Hoffentlich hat sie es nicht mehr weit, denke ich und muss aussteigen.

Hier am Zoo mischen sich unter die Einkäufer und Bummler viele, in deren Taschen keine neu erworbenen Kurzseligkeiten sind. Sie sitzen, schlurfen und schleppen sich, einige torkeln, und in den Tüten tragen sie alles, was sie besitzen. Weil ich wenigstens einigen etwas geben will, aber keine Münzen habe, betrete ich eine Bäckerei. 

Die Verkäuferin will gerade beginnen, den umfangreichen Einkauf des Kunden vor mir in die Kasse einzugeben, da sagt der: „Lassen Sie die Dame ruhig vor. Sie will bestimmt nach Hause.“ Ich winke ab: „Da komme ich her!“

Doch der vergnügte Mann im Maleranzug möchte offenbar etwas Gutes tun. „Dann lassen sie eben die andere Dame vor.“ Ich hatte die Kundin hinter mir gar nicht bemerkt. „Ich meine, irgendjemand will doch immer nach Hause.“

Wieder draußen, in der Hand ein Croissant und in der Tasche Kleingeld, denke ich an die schlafenden Kinder und die müde Mutter, die Frau mit dem Rollator, die Menschen mit den Tüten und den jungen Mann mit seiner Botschaft. Ich sehe die anderen Menschen mit den anderen Tüten, die heute nirgends mehr hinfahren, und nicke. Ja, irgendwer will immer nach Hause. Und irgendwo ist immer einer, der keines hat.