Berlin - Irgendwo im eher toten Teil von Mitte. Ich suche ein Café, keinen Bäcker, kein Selbstbedienungslokal, ein Café. Wo man den Kaffee gebracht bekommt, Sätze wechseln kann mit der Bedienung und welchen lauschen kann von Fremden. Ich finde nur einen Imbiss, vor dem zwei Tische stehen mit Tischtüchern drauf und Blumen in kleinen Vasen. Eine Kreidetafel verkündet „Kaffee“. Drinnen greift der Inhaber nach einem Pappbecher. Nein, Tassen habe er nicht. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich den Kaffee selbst holen muss, aber Pappbecher und Blumen in kleinen Vasen, das passt nicht zusammen.

Ohne Kaffee ziehe ich von dannen und denke beim Thema Pappbecher mal nicht an das Müllproblem, sondern an den Einzelhändler in Marianna Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“. Der besorgt einen Kaffeeautomaten und hängt ein Tortenpapier an die Tür, auf dem „Kaffee to go“ steht. Es hängt dort nicht lange, denn keiner aus dem Dorf will „Kaffee to go“. „Wo soll ich mit dem Kaffee denn hingehen?“, fragt die Bürgermeisterwitwe.

Eine bestechende Frage. Alle gehen irgendwo hin mit ihrem Kaffee. Statt ihn zu Hause zu trinken. Oder im Büro. Oder im Café. Viele setzen sich zwar irgendwo hin mit dem „Kaffee to go“, aber eben nicht da, wo sie ihn gekauft haben. Als wäre das was Unanständiges.

To-go und Self-Service: Wohin soll das alles gehen? 

Ähnlich verdreht verhält sich der Großstädter beim Essen und anderen Verrichtungen. Einerseits geht er vermehrt in Lokale mit Kantinen-Charme, in denen er in der Schlange steht, um zu üppigen Preisen das Essen zu bezahlen, das er sich selbst zusammengestellt hat und in denen, weil alle das tun müssen und ihr Geschirr wegbringen, Gedränge und Krach herrschen. Andererseits blüht inmitten dieses Do-it-yourself-Kults eine Philosophie des Machen-und bringen-Lassens. Man kann sich die saubere Wäsche liefern lassen, Windeln und andere Waren und natürlich jede Art von Essen. Sogar Salat! Man muss ihn sich nur online selber zusammenstellen.

Vor ein paar Jahren war ich das letzte Mal in einer Pizzeria, die ich bis zu diesem denkwürdigen Abend sehr mochte. Anstelle von Insalata mista wurden uns die Tomaten und die Gurke am Stück serviert. Nur die Eissalatblätter kamen nicht als ganze Kugel, sondern lagen – in Original-Handteller-Größe – abgezupft daneben.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Warum bekomme ich den Salat so, wie ich ihn auch zu Hause im Kühlfach finde? Weil gemeinsames Schnibbeln verbindet? Oder weil die Köche alle unterwegs waren, Essen ausfahren?

Bevor es soweit kommt, dass der „Kaffee to go“ nach Hause gebracht wird, von wo aus wir mit dem Becher in der Hand in ein Self-Service-Restaurant gehen, wo wir ihn kurz abstellen, weil wir ja noch den Tisch decken müssen, und ihn wegwerfen, bevor wir uns ans Spülen machen; bevor es soweit kommt, fragen wir uns doch einfach mal bei einer schönen Tasse mit der Witwe des Bürgermeisters: Wohin soll das alles gehen?