Berlin - Die Elektrifizierung der Welt ging von Berlin aus, und der Funke schlug aus dem Denken eines Berliners, des Unternehmers Emil Rathenau. 1882 verkündete er seine Vision: Der elektrische Strom werde „nach Bedürfnis bald Licht, bald Kraft, gleichzeitig Lampen in Wohnungen und Maschinen in Werkstätten in Tätigkeit setzen“.

Zu dieser Zeit hatte Rathenaus anfänglicher Partner und späterer Dauerkonkurrent Werner Siemens seinen elektrischen Generator schon zu beachtlicher Reife entwickelt und lieferte elektrischen Strom. Doch lag die Technologie noch in Fesseln: Man arbeitete mit Gleichstrom, der nur über kurze Distanzen übertragbar war. Daher standen in Berlin Kraftwerke mitten in der Stadt, direkt neben den Abnehmern: Schauspielhaus, Rotes Rathaus, Ballsäle oder wohlhabende Privathaushalte.

Das erste funktionierende System der verlustarmen Fernübertragung von Strom entwickelte Emil Rathenaus Chef-Konstrukteur Michail Doliwo-Dobrowolski. Mit einem Lichtspektakel auf der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main überzeugte der Russland-Flüchtling 1891 das staunende Publikum von seiner Wechselstromtechnik und deren Herzstück, dem Drehstrommotor: Tausend Glühlampen erstrahlten elektrisch, versorgt von einem 175 Kilometer entfernten Wasserkraftwerk in Lauffen am Neckar.

Drehstromkraftwerk war am Anfang vor allem Abends gefordert 

Siemens zögerte, Rathenau stieg mit der neuen Technik und seiner Allgemeinen Eletricitäts-Gesellschaft, 1883 noch unter dem Namen DEG gegründet, seit 1887 AEG, zum größten Deutschen Elektrokonzern und Weltunternehmen auf.

1895 entschloss sich Emil Rathenau, das weltweit erste Drehstromkraftwerk an das unbebaute Spreeufer in Schöneweide zu setzen, bis dahin ein idyllisches Fleckchen, bekannt durch das Ausflugslokal Wilhelminenhof und die Wiesen, auf denen Manufakturen Kattuntücher bleichten.

Da man die Energie fortan über jede Strecke überallhin führen konnte, begann nun die Wanderung der Industrie an die Ränder Berlins und die gewaltige Expansion der Fabriken. Rathenaus Rivale Siemens zog gen Spandau, in maximaler Entfernung von der AEG. Der Maschinenbauer Borsig wählte Tegel.

Von Schöneweide aus betrieb die AEG maßgeblich die weltweite Elektrifizierung und lieferte bald alles, was für Erzeugung, Verteilung und Anwendung von Strom notwendig war – Transformatoren, Generatoren, Kabel, Glühlampen. Das Deutschland-Patent für die Glühlampe hatte Emil Rathenau in unternehmerischem Weitblick bereits 1882 vom Tüftler Thomas Edison gekauft.

Am Anfang war das Drehstromwerk vor allem abends gefordert, wenn in Berlin die Lichter aufleuchteten. Tagsüber nutzte bald eine neben das Kraftwerk gesetzte Kabelfabrik dessen Leistung und produzierte die für den Stromtransport notwendigen Leitungen. So ging es weiter: In unternehmerischer Logik reihte sich ein Industrieblock an den nächsten – über fast zwei Kilometer erstreckte sich schließlich das Band von AEG-Werksanlagen zwischen Wilhelminenhofstraße und Spree.

Nirgends in Europa fanden sich Produktions- und Entwicklungsstätten der Elektrobranche

Auch das einheitliche Erscheinungsbild, erzeugt von den durchweg aus gelben Backsteinen erbauten Fassaden, entstand nicht zufällig. Emil Rathenau wollte es so: ein Zugehörigkeitsgefühl aller Mitarbeiter erzeugen. Dafür verpflichtete die AEG die kreativsten Architekten der damaligen Zeit, unter denen der Alleskönner Peter Behrens herausragt – ob Briefbogen, Firmenlogo, Fabrikbauten und innovative Produkte wie der ersten Fön – der Designer entwarf Dinge von geradezu ewiger Eleganz. Herausragend im wörtlichen Sinne krönt der 70 Meter hohe Turm des Behrensbaus bis heute die Industrielandschaft.

Den Turmkomplex gestaltete der Architekt mit einer vier Stockwerke hohen Innenhalle und noblen Materialien. Die umlaufenden Galerien mit Renaissanceanmutung wählen Filmteams gern als Kulisse. Zwei Bassins im obersten Turmbereich zeugen von der Funktion als Wasserturm: Von hier aus erhielten die AEG-Werkstätten Trinkwasser. In anderen Teilen des großen Behrenskomplexes montierte die AEG bis 1934 Autos. Nach 1950 zog das Werk für Fernsehelektronik ein.

Nirgendwo in Europa fanden sich Produktions- und Entwicklungsstätten der Elektrobranche, des modernsten Industriezweigs Ende des 19. Jahrhunderts, dichter konzentriert als in Schöneweide – die Elektropolis war der Inbegriff von Berlin als Industriestadt ersten Ranges.

So steht also, vom Bombenkrieg nahezu unversehrt, in Schöneweide das, was Berlins Kern als Metropole von Industrie und Industrieproletariat ausmachte. Doch wie steht es um das Gelände, in das Touristen eigentlich strömen müssten?

Das einzigartige Ensemble von Stockwerksfabriken, ausgedehnten Produktionshallen, Verwaltungs- und Wohnbauten schwebt 30 Jahre nach der Wende zwischen den Welten: Vorbei ist die Zeit der industriellen Massenproduktion und des Weltrufs.

Die Zukunft wohnt in restaurierten Bauten auf dem neuen Campus der Hochschule für Wirtschaft und Technik

Das Unternehmen AEG war nach dem Zweiten Weltkrieg von seinem Stammsitz abgeschnitten, ging 1982 pleite und existiert seit 1996 nur noch als Marke. Man erinnert sich: „Aus Erfahrung Gut.“ In der DDR arbeiteten in der schmutzigen Industriestadt 24.000 Menschen in volkseigenen Betrieben wie Kabelwerk Oberspree (KWO), Transformatorenwerk (TRO) oder dem Werk für Fernsehelektronik. Nach den Treuhand-Abwicklungen blieb 1995 nur noch für 2500 Menschen ein Arbeitsplatz auf dem Riesengelände.

Viele Hallen stehen leer, rotten vor sich hin. Am großen Platz mittendrin durften sich mit Millionen Euro vor Jahren Stadtgestalter zu schaffen machen – entstanden ist an eigentlich attraktiver Stelle, dort wo die Kaiserbrücke über die Spree eine schöne, kurze Verbindung zum S-Bahnhof Schöneweide bietet, eine steinerne Ödnis, abweisend und folglich menschenleer. Ein stadtgestalterisches Unheil erster Güte.

An anderer Stelle blüht Hoffnung: Im architektonisch aus dem Industriestil herausfallenden ehemalige AEG-Casino mit großem Speisesaal und mächtiger Holzdecke haust der Schwamm, doch beschloss der Senat am 30. April 2019, sieben Millionen Euro für die Einrichtung eines Museum für Industriegeschichte zur Verfügung zu stellen.

Vor allem aber wohnt die Zukunft in wunderbar restaurierten Bauten auf dem neuen Campus der Hochschule für Wirtschaft und Technik. 9500 Studenten finden auf dem ehemaligen KWO-Gelände exzellente Bedingungen. Und in den eleganten, Reinbeckhallen, die einst zum Transformatorenwerk gehörten, lebt die Kunst: Der Rechtsanwalt Sven Hoffmann hat sie erworben, sorgfältig saniert und vermietet Ateliers an Künstler.

Irische Investoren erwarben Teile des wertvollen Areals 

Bryan Adams, der kanadische Rocksänger und Berlin-Fan, kaufte eine Halle in der Nähe und richtete Künstlerstudios im Industriestil ein. Ein Nachbar: der weltberühmte isländische Installationskünstler Ólafur Elíasson.

Andere Teile des wertvollen Areals, darunter den Behrensbau, erwarben vor Jahren zwei irische Investoren. Sie tun nichts – außer warten, dass der Wert der Immobilien weiter steigt. Geld verdienen ließe sich heutzutage in der herrlichen Lage an der Spree mit Luxuswohnungen. Aber keiner weiß Genaues.

Auch wie der öde „Stadtplatz“ zum Leben erweckt werden soll, bleibt ungewiss. Vielleicht erhält er zunächst eine nachts leuchtende (Elektropolis!) 32 Meter hohe Skulptur – als Wahrzeichen, ähnlich wie der Molecule Man an der Elsenbrücke. Damit die Leute merken, dass da etwas Besonderes ist. Beziehungsweise wieder etwas Besonderes werden soll.