Berlin-MitteZu zweit, mit einem Buch in der Hand, darf man auch in Zeiten von Corona-Kontaktsperre in der Stadt spazieren gehen und diese neu entdecken. Auf Augenhöhe. Diesen Titel trägt das Buch, das sie dabei haben und dem Sie folgten sollten: „Mitte auf Augenhöhe. Straßen und Plätze Berlins des Berliner Stadtkerns gestern und heute“.

Stadtliebhaber und -liebhaberinnen wird es eher wehmütig stimmen. Hoffentlich! Denn die beiden Autoren Benedikt Goebel und Lutz Mauersberger verfolgen mit dem Bildband die Absicht, aus dem eingehenden Studium der historischen Stadträume möge der Wunsch erwachsen, „bei anstehenden Neugestaltungen des Stadtkerns verlorene Raumqualitäten wiederzuerlangen und Bezüge zur 800-jährigen Stadtgeschichte herzustellen“.

120 historischen Fotografien, entstanden in den ersten 40 Jahren des vorigen Jahrhunderts, zeigen entlang einer Spazierroute, wie vielfältig, belebt und natürlich gewachsen die alte Mitte war, und stellt aus derselben Perspektive aktuelle Aufnahmen dagegen. Die enormen Verluste stehen einem vor Augen und ein Bild von dem, was wiederzugewinnen wäre. Man soll Phantomschmerz spüren.

Von Menschen entleert

Die Vorher-Nachher-Bildpaare richten sich an der Passantenperspektive aus, also der Position jener Sorte Mensch, die aus der autogerechten Stadt verdrängt wurde – die des Fußgängers. Folgt man den Wegen des Buches, durchstreift man ein Nebeneinander weiter, zugiger, unwirtlicher Flächen.

Offensichtlich wird das auf der „Rathausforum“ genannten Brache, samt dem benachbarten, sinnleeren Marx-Engels-Forum oder auf dem abweisenden Spittelmarkt oder dem lebensfeindlichen Molkenmarkt. Und wer möchte sich – trotz Wassernähe – zwischen den Hochhäusern der Fischerinsel aufhalten?

Eine Zahl ergänzt die Anschauung: „Heute leben im Stadtkern, der vor 150 Jahren noch 40  000 und vor 100 Jahren noch 20 000 Menschen als Wohnort diente, noch knapp 8 000 Menschen.“ Der Spittelmarkt war einmal ein richtiger Platz; heute schaut man auf eine Autotrasse. Der Neue Markt zwischen Marienkirche und Rathaus war einer der zentralen öffentlichen Orte Berlins.

Das Buch

Mitte auf Augenhöhe: Straßen und Plätze des Berliner Stadtkerns gestern und heute. Benedikt Goebel, Lutz Mauersberger; Lukas Verlag 2020, 144 Seiten, Illustrationen, Karten

Plätze entstanden früh am Beginn der Siedlungsentwicklung. Berlin verzichtet auf diese Urbanität. Wo sonst wurden Plätze so gründlich vernichtet wie in der historischen Mitte?

Der Molkenmarkt ist als Platz nicht zu erkennen, der Große Jüdenhof gänzlich getilgt. Das Desaster hat viele Urheber: Bombenkrieg, NS-Umgestaltungsfanasien, sozialistische Kampfmodernisierung. Vor allem aber war es eine im Grunde demokratische Idee: Autos für alle. Platz für Autos überall. Hilfreich geleitet von den historischen und aktuellen Karten, kann man in der gebauten Ödnis die einstige Stadt suchen und Antwort finden auf die Frage: „Wo bin ich?“