Alexandru, 37, hat als Lagerist, auf Baustellen und bei McDonalds gearbeitet. Bei Berlins erstem Bewerbungstraining für Obdachlose schneidet Marion ihm die Haare, bevor es zum Fotoshooting geht.
Foto: BLZ/Markus Wächter 

BerlinAlexandru blickt in den goldenen Spiegel, beobachtet konzentriert, wie Marion ihm die Haare schneidet. Strähne für Strähne nimmt sie, schneidet, kurze, schwarze Haare fallen auf das Handtuch um Alexandrus Schultern. Ein Ehrenamtlicher läuft vorbei, nickt anerkennend und ruft: „Na, Hübscher?“ Alexandru lacht.  

Alexandru ist obdachlos. Der 37-jährige Rumäne mit dem gewinnenden Lächeln ist Stammgast in der Notunterkunft der Stadtmission nahe der Frankfurter Allee, die von außen aussieht wie ein halber Ballon, der am Boden klebt. „HalleLuja“, nennen die Wohnungslosen die Wärmehalle, ein Stoßgebet mit 130 warmen Betten, Abendessen und heißem Tee, einer Kleiderkammer, kuscheligen Sofaecken, sauberen Duschen und Mitarbeitern, die ihre Besucher „Gäste“ nennen.

Diese Menschen sind nicht wohnungslos geboren. Sie hatten Leben, sie hatten Berufe. Und sie wollen das alles wieder haben.“

Jana Grösche, Sozialarbeiterin in der Stadtmission

Auch wenn es draußen warm ist, wie zurzeit, warten schon um 19.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Öffnen der Türen, zwei Dutzend Menschen vor der Tür. Viele sitzen im Rollstuhl, ein paar gehen auf Krücken, einige reden sich mit sich selbst, andere diskutieren, in welchem Bett sie heute Nacht schlafen wollen. An diesem Mittwoch kommen jedoch auch noch andere Themen hinzu. Denn an diesem Tag ist die Notunterkunft keine reine Schlafhalle: Sie ist auch Jobcenter – und zwar das liebevoll gestaltetste Jobcenter Berlins.

Make-Over und Bewerbungstraining

In einer Ecke mit dem Poster „Stylingteam“ wartet Marion mit Schere und Haarschneidemaschine vor einem goldenen Spiegel. Eben hat sie noch Schminke zum Abdecken dunkler Hautflecken gekauft. Im Raum nebenan, wo normalerweise die Sozialberatungen stattfinden, macht Fotograf Ilja Bewerbungsfotos. Die Obdachlosen legen Trainingsjacken und Mützen ab, ziehen Hemden und Schlipse an, ausgesuchte Stücke aus der Kleiderkammer, frisch gebügelt und ordentlich auf einer Stange drapiert.  

Ein paar Schritte weiter warten zwei Mitarbeiter des Jobpoints Neukölln, um Jobangebote aus ihrem Bestand herauszusuchen. Gut zehn Ehrenamtliche an Laptops werden in den kommenden drei Stunden mit Händen und Füßen aus einem halben Dutzend anderer Sprachen ins Deutsche übersetzen und in langen Einzelgesprächen lückenhafte Lebensläufe rekonstruieren. Am Ende sollen die Arbeitslosen die perfekte Bewerbung in Händen halten – und am besten gleich online abschicken. Ein kleines Stück Papier.

Ein großes Stück Hoffnung. Organisiert hat das alles Jana Grösche. Die 27-Jährige ist Sozialarbeiterin bei der Stadtmission. Vier Mal die Woche macht sie Sozialberatungen hier, gibt Tipps zu Wohnungssuche und Aufenthaltsrecht, besorgt Socken und saubere Unterwäsche. Immer wieder aber hätten ihre Gäste sie nach Bewerbungstipps gefragt, nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit, nach Hilfe, ihre Notlage tatsächlich zu beenden.

Größtes Problem ist die Hoffnungslosigkeit

Grösche aber fehlte schlicht die Zeit, sie musste die Menschen an Beratungsstellen verweisen, bei denen sie oft nicht ankommen, weil sie den Weg nicht finden – oder den Weg schlicht nicht schaffen. Gehbehinderungen, Parkinson, schwere Erkrankungen – es gebe viele hier, sagt Grösche, deren gesamtes Leben sich im Umkreis von einem Kilometer um die Notunterkunft abspielen müsse. „Aber das größte Problem ist die Hoffnungslosigkeit.“

Viele hätten so viele Rückschläge erlebt, dass sie im Aufstehen keinen Sinn mehr sehen. Doch es sei wichtig, auch das Potenzial dieser Menschen zu erkennen, sagt Grösche. In Berlin ist ihre Zahl besonders groß: Nach Schätzungen leben zwischen 4000 und 10.000 Menschen auf der Straße, mehr als 30.000 weitere besitzen keine eigene Wohnung. Tendenz steigend. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber laut dem Leiter der Notunterkunft hat sich die Gruppe in den vergangenen 15 Jahren stark verändert: Die Zahl der Osteuropäer sei seit der EU-Osterweiterung 2004 stark gestiegen, auch immer mehr Menschen mit Behinderungen und Pflegebedarf landeten auf der Straße.

„Diese Menschen sind nicht wohnungslos geboren. Sie hatten Leben, sie hatten Berufe, und sie wollen das alles wieder haben“, sagt Grösche. Man müsse verstehen: Manchmal müsse man ihnen entgegenkommen. Wenigstens ein Stück weit. Grösches Idee, geboren aus der Praxis: Kommen die Obdachlosen nicht zur Jobbörse, muss man die Jobbörse eben zu ihnen bringen.  Eigentlich ist Grösche krank, ihre Stimme ist heiser. Trotzdem hat sie auf ihrem Fahrrad den goldenen Spiegel mitgenommen, vor dem die Wohnungslosen sich die Haare machen lassen.

Sozialarbeiterin Jana Grösche hatte die Idee zum Bewerbungstraining.
Foto: BLZ/Markus Wächter 

Simple Idee, große Wirkung

Sie hat auch den Jobpoint in Neukölln kontaktiert und alle Ehrenamtlichen zusammengetrommelt. Ihr Engagement offenbart auch staatliche Gleichgültigkeit: So simpel und gut ihre Idee ist – Grösche musste sie haben, sie muss mit Ehrenamtlichen für ihre Umsetzung sorgen. Um acht Uhr abends füllen sich die Bänke in der Halle und die Ledercouchen mit müden Körpern – und bald auch die Stationen im internen Jobcenter. Wer in der Halle noch Hoffnung hat, wagt den Schritt in die Bewerbungsbucht.

Allein dieser Schritt vor Grösches goldenen Spiegel bedeutet viel.   Alexandru ist einer der Ersten – und einer mit den besten Voraussetzungen: Er hat in Rumänien die Mittlere Reife abgeschlossen, danach jahrelang im Lager und auf Baustellen gearbeitet. Er besitzt einen Gabelstaplerführerschein und hatte in Deutschland schon zwei Jahre lang einen Job: in München, bei McDonalds. Doch als er nach zwei Jahren eine Gehaltserhöhung forderte, verweigerte sie ihm der Chef und Alexandru kündigte.

Nach ein paar Monaten in seiner Heimat kehrte er 2019 zurück nach Deutschland, dieses Mal nach Berlin. Es gebe viele Jobs in Rumänien, sagt Alexandru. „Aber das Geld – zu wenig“, sagt er und zuckt mit den Achseln. Das durchschnittliche Jahresgehalt in Rumänien beträgt 9560 Euro, monatlich sind das knapp 800 Euro. Doch das mit dem Geld erzählt Alexandru erst später, beim Rauchen draußen vor der Tür. Nicht am Tisch in der Bewerbungsbucht.

Erste Bewerbungen

Hier will er keinesfalls meckern, sondern ein glänzender Bewerber sein – auch wenn auf der anderen Seite nicht sein nächster Chef, sondern Miriam sitzt, eine der Ehrenamtlichen, mit der er schon gebastelt hat. Er tue alles, um nur einen Job zu bekommen, sagt er. „Ich komme immer eine Stunde zu früh.“ Miriam nickt, lächelt ein wenig, tippt in ihren Laptop: Alexandru sei hoch motiviert. Der Rumäne verfasst mit Miriam zwei Bewerbungen für Unternehmen auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Sie suchen über den Neuköllner Jobpoint Gabelstaplerfahrer. Ein weiteres Schreiben geht raus an die Bahnhofsmission, Alexandru würde dort ansonsten gerne das Frisörhandwerk lernen – ehrenamtlich erst einmal. Und schließlich legt Miriam mit Alexandru noch ein Profil für die Homepage der Stadtmission an. Denn dieser Abend soll nur der Start sein: Grösche baut ein Bewerbungsportal online auf, auf dem interessierte Arbeitgeber die Obdachlosen kennenlernen können – und die Stadtmission als vertrauensvoller Vermittler fungieren soll.

Nicht an allen Tischen läuft es so gut wie bei Alexandru. Der Slowene Saso, 44 Jahre alt, war in seinem Leben schon LKW-Fahrer, hat Autos repariert und als Maler und Lackierer gearbeitet. Nach einem Schlaganfall vor vier Jahren sitzt er in einem schweren elektrischen Rollstuhl und ist halbseitig gelähmt. Er spricht gut Deutsch und will heute Initiativbewerbungen für Callcenter verfassen, auch in das Portal der Stadtmission lässt er sich eintragen. Doch er sagt traurig: „Ich kann ja nichts anderes mehr.“ Als seine Betreuerin sich gegen 23 Uhr vertippt und ruft: „Ich bin heute das reine Chaos“, sagt er bitter: „Chaos, wie mein Leben.“

Reflektieren am Ende des Tages

Die 35-jährige Polin Justyna am Nebentisch spricht zwar kein Wort Deutsch oder Englisch. Doch sie lässt sich die Haare machen und fotografieren. Mithilfe einer kreativen Ehrenamtlichen und Google Translate schafft auch sie es, ihr Gesuch nach einer Reinigungsstelle auf dem Portal der Stadtmission zu veröffentlichen. Sie nickt zufrieden, bevor sie sich mit einer Zigarette in der Hand vor die Tür verabschiedet. Da steckt Andrea noch mitten im Gespräch. Die 34-Jährige kommt aus Brandenburg, auch sie sitzt im Rollstuhl. Nach der Schule hat sie vier Jahre lang Bürokauffrau gelernt, die Ausbildung auch abgeschlossen.

„Aber danach führten alle meine Wege nur in Behindertenwerkstätten.“ 2008 zog sie nach Berlin – und fing vor Einsamkeit an, zu trinken. In ihrer letzten Therapie hielt sie es nicht aus, haute vor zwei Monaten ab und lebt seither auf der Straße. Sie habe sich in den letzten Wochen oft gefragt, ob zuerst der Job oder die Wohnung kommen muss. Inzwischen hoffe sie darauf, dass die Wohnung zuerst komme. „Irgendwie.“ Trotzdem hat sie heute eine Bewerbung verfasst, um in dem Job zu arbeiten, den sie ursprünglich gelernt hat.

„Da will ich gerne wieder hin“, sagt sie und kratzt sich gedankenverloren den linken Arm. Kurz nach 23 Uhr wird in der Halle die Nachtruhe ausgerufen, die Lichter werden gedimmt. Die Ehrenamtlichen klappen ihre Laptops zu, Jana Grösche zieht mit ihnen Bilanz: Was lief gut? Was fehlte? Hinter ihnen räumt Alexandru die Stylingecke auf, packt die Haarschneidemaschine in ihre Verpackung zurück, wickelt ordentlich das Kabel auf, legt Kamm und Bürste dazu. Der Tag habe ihm gefallen, sagt er. Jetzt hofft er, dass in sein Postfach bei den Johannitern bald eine Zusage flattert. „Ich will in Deutschland bleiben, will deutsche Papiere“, sagt er. „Dafür mache ich jeden Job.“