Es klingt wie im Märchen. Es gibt tatsächlich eine Großbaustelle in Berlin, auf der geht es richtig voran: das Schloss in der Stadtmitte. Die Fundamente sind fertig betoniert, vom sogenannten Bauhafen der U5 an der Spree hat man einen schönen Blick auf den Baufortschritt. Das Straßenniveau ist erreicht. Das ist viel, hat doch der Bundespräsident erst im vergangenen Juni den Grundstein gelegt. Nun soll, wie zur Strafe für die Eile, ausgerechnet dieser Bau mit einem vorübergehenden Stopp belegt werden?

Genau das fordert die Initiative Offenes Schloss Berlin, die für den heutigen Freitag unter dem Slogan „Ein offenes Schloss für eine weltoffene Stadt“ zu ihrer öffentlichen Gründungsversammlung einlädt. Sie fordert, angeregt von einem Vorschlag, den der Architekt Stephan Braunfels im Herbst vorgelegt hat, einen Verzicht auf den Bau des Ostflügels im modernistischen Rasterstil. Braunfels’ Vorschlag, den Ostflügel einfach wegzulassen und das Schloss zur Stadtmitte hin zu öffnen, sorgte in der Stadt für eine Welle der Begeisterung. „95 Prozent der Berliner sind für dieses Schloss“, titelte die BZ nach einer Ted-Umfrage über den zur Spree hin offenen Bau, der die Stadt mit offenen Armen zu empfangen scheint. Bei einer Podiumsdiskussion im voll besetzten Saal der Berliner Zeitung ergab sich das gleiche Bild: Die überwältigende Mehrheit sprach sich für das offene Schloss aus.

An Gegenargumenten, also weiterzubauen wie bisher, ragt ein Immergleiches heraus: Für eine Umplanung sei es leider zu spät. Zwar gibt es aus fachlicher Sicht auch einzelne Einwände gegen eine angeblich postmoderne Beliebigkeit des Vorschlags von Braunfels, die leicht zu entkräften sind. Es gibt aber so gut wie niemanden, der ernsthaft den „neorationalistischen“ Entwurf Franco Stellas ästhetisch verteidigen will, zumal er in der aktuellen Planung auch noch verschlimmbessert wurde. Der als Loggia verkaufte, beschönigend „Belvedere“ genannte Rasterbau der ursprünglichen Planung hat keine Loggienfassade mehr, sondern nur noch normale Fenster. Er ähnelt dadurch einem zeitgenössischen, überaus langweiligen Verwaltungsbau.

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Gerade dieses Argument – „leider zu spät“ – berührt nach Ansicht der Initiatoren der Bürgerinitiative einen Grundpfeiler der Demokratie. „Das Großartige an der Demokratie ist ihre Fähigkeit, Fehler und Irrtümer einzugestehen sowie Möglichkeiten zu schaffen, diese zu korrigieren“, sagt Michael Knoll. Der Leiter des Hauptstadtbüros der Hertie-Stiftung und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter Joschka Fischers hat eine besondere Beziehung zu der Baustelle, da er den Platz jahrelang von seinem Büro aus sah. „Wir wollen ein Schloss, das mit seiner Umwelt kommuniziert, das die Spree miteinbezieht und räumlich Kontakt mit einer schwierigen Vergangenheit aufnimmt. Wir wollen, dass das Schloss auch auf das Marx-Engels-Forum verweist – und auf das Rote Rathaus als Sitz unserer gewählten Landesregierung.“

Der Schauspieler Matthias Dittmer, der ebenfalls zur Gründung der Initiative am Freitag einlädt, fragt: „Muss man einen Fehler, den man einmal gemacht hat, um jeden Preis verstetigen?“

Für eine Korrektur in letzter Minute ist auch der ehemalige Wirtschaftsstaatssekretär Jörg Rommerskirchen, der sich ebenfalls in der Bürgerinitiative engagieren will. Ihn fasziniert an dem „demokratischen Schloss“ die Möglichkeit zur Versöhnung der Stadtgesellschaft mit dem Schlossprojekt. Die räumliche Öffnung zur Stadt hin, die bessere Proportionierung in der Umgebung würde die Akzeptanz des Schlosses in der Berliner Bevölkerung entscheidend erhöhen.

Rommerskirchen hat zu der Frage der Zeit, die man sich für Repräsentationsbauten nimmt, eine klare Haltung. Er hatte in der ersten Schlossdebatte dafür plädiert, wenn man schon den Palast der Republik abreißen wolle, sich dann wenigstens für eine Generation mit einer grünen Wiese zu begnügen. Dann hätte man sich Zeit zu lassen können für einen Bau, der die Gesellschaft wirklich repräsentiert. Davon kann bei den geringen Zustimmungswerten für den Ostflügel keine Rede sein.

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Der Verzicht auf ihn würde retten, was zu retten ist – in absehbarer Zeit, mit nur geringen Verzögerungen. Angesichts der Bedeutung des Baus und seiner Rolle für die künftigen Generationen, angesichts der Breite und Vehemenz der Kritik, muss die Politik die Möglichkeit einer Korrektur ernsthaft prüfen. „Beschlusserfüllung oder Stadtgestaltung? Mit dieser Frage geht Berlin ins neue Jahr“, schrieb hierzu Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung.

Ein politisches wie ästhetisches Argument kommt hinzu. Der brachiale Ostflügel von Stella veraltet noch schneller, als der Bau voranschreitet. Es hat auch unter den Befürwortern Stellas nie energische Verteidiger des sogenannten Belvedere gegeben. Gepriesen wurde er für den Umgang mit den Baumassen im Inneren. Aber wenn etwas an seinem Ostflügel reizvoll war, dann der brutale Gegensatz von Alt und Neu. Er passte für die kurze Zeit der Phantomschmerzen nach Abriss des Palastes der Republik. Der Rigorismus des Ostflügels wirkte wie eine Ablasszahlung für die Nostalgie des Schlossprojekts. Die vergangenheitsselige Rekonstruktion bezahlen mit einer rabiat ungemütlichen Ostseite! Diese Bußübung mag für kurze Zeit einleuchtend sein, sie ist aber schon für die nächste Generation sinnlos, da sie den Schlossbau nicht beschlossen hat. Also hat sie auch ästhetisch keine Buße zu tun, sondern sollte später genießen dürfen, was uns heute noch Kopfschmerzen macht.

Gründung der Bürgerinitiative: am Freitag 19 Uhr, Hertie-Stiftung, Friedrichstraße 180. Eingeladen sind alle, die sich für eine Öffnung des Schlosses einsetzen wollen.