Berlin - Was für eine Idee. Exzentrisch? Genial? Jedenfalls radikal. Der Münchner Architekt Stephan Braunfels schlägt vor, den Plan des Humboldt-Forums, weithin auch als „Berliner Schloss“ bezeichnet, noch einmal zu ändern. Dabei wachsen die ersten Mauern des Erdgeschosses schon aus dem Boden, ständig fahren Betonmischer auf die Baustelle. Doch Braunfels fordert einen Stopp der Arbeiten am Ostflügel. Dieser soll derzeit nach den Plänen des italienischen Architekten Franco Stella in „modernen“ Formen gebaut werden.

Braunfels hingegen schlägt vor, diesen Ostflügel schlicht wegzu- lassen. Stattdessen sollen ein weit nach Osten geöffneter, U-förmiger Ehrenhof und mehrere Gartenterrassen entstehen, eingefasst vom Nachbau des barocken „Schlüterhofs“. Er war die Preziose im Schloss, das, was seinen Ruhm als Architekturdenkmal weit mehr begründete als die monumentale Schlossplatz- oder die heitere Lustgartenfassade. Der Schlüter-Hof war ein Festsaal, der Berliner Vorläufer des Zwinger. Doch auch dieser Außenraum wurde 1950 im Auftrag der SED vandalisch zerstört, nur einige Skulpturen überstanden im Museumsdepots.

Freier Blick zum Fernsehturm

Schlüter hatte um 1700 seine Fassaden gleich einer Kulisse vor den bestehenden Renaissancebau gestellt. Braunfels will diese Methode mit seinem Projekt weiterführen. Der Clou dabei: Die Westseite des Schlüter-Hofs wurde nie in barocken Formen neu gestaltet. Wenn sie jetzt entfiele, hätte man den freien Durchblick aus dem Schloss bis hin zum Fernsehturm.

„Eine Perspektive, wie man sie sonst nur in Paris hat“, schwärmte Braunfels im Interview mit der Berliner Zeitung: „Auch der Louvre ist seit der Zerstörung des Tuilerien-Schlosses 1871 ein U, der Beginn einer langen Achse bis hin zu den Hochhäusern in La Defense führt.“ So etwas sollte Berlin doch auch haben wollen. Allerdings würde hier die Perspektive kräftig schrumpfen auf die Distanz Schlossinsel – Alexanderplatz.

Er klagte, dass Berlin die große städtebauliche Chance des Humboldt-Forums vergebe: die Schlossinsel wieder zu verzahnen mit dem, was früher die Altstadt war. Tatsächlich ist seit der Niederlage Berlin-Cöllns im Machtkampf gegen die Hohenzollern 1453 diese Verbindung gestört, sei es durch den Bau der Burg, der Renaissance- oder der Barockresidenz. Auch der Palast der Republik wandte der Spree und der Altstadt letztlich seine Rückseite zu. Und der Entwurf Franco Stellas lässt zur Spree hin zwar eine breite Zeile sehen „Humboldt-Forum“ und verspricht Restaurant-Terrassen. Tatsächlich aber sind die mit der Berufung auf den italienischen Rationalismus der 1930er- und 1970er-Jahre entwickelten Architekturformen in ihrer abstrakten Nacktheit mit riesigen Rechtecklöchern proportionslos und ohne jeden Bezug zur umgebenden Stadt. Ihre Veränderung wird schon seit dem Wettbewerbssieg von Stella immer wieder gefordert.

Braunfels versprach bei der Ankündigung seines Projekts, dass es 100 Millionen Euro der bisher auf 621 Millionen Euro kalkulierten Gesamtbaukosten sparen könne. Tatsächlich würde wohl nicht gespart, sondern nur weniger gebaut. Hinzu kämen die Umplanungskosten und der erhebliche Platzverlust. Dabei herrscht schon jetzt wegen der miserablen Raumverteilung innerhalb des Schlossnachbaus regelrechte Platznot. Kaum überraschend ist aus den Berliner Staatlichen Museen also kein Kommentar zu dem Braunfels-Projekt zu hören. Ebenso wenig aus der Zentral- und Landesbibliothek. Sie beansprucht im Auftrag des Senats 4000 Quadratmeter des 52.000-Quadratmeter-Baus. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass viele Museumsplaner und Bibliothekare diesen Anspruch gerne aufgeben würden – der den Platzverlust kompensieren könnte.

„Besser spät als nie“

Schon 1996 schlug Braunfels ein vergleichbares Projekt vor, 2001 noch einmal, dann im Wettbewerb 2008. Warum jetzt noch einmal? Sicher hat ihn der Erfolg ermutigt, den er vor einigen Wochen mit dem Alternativvorschlag für das Kulturforum hatte. Braunfels bekannte jetzt: „Ich hätte es mir ewig vorgeworfen, einen Entwurf zu haben und nichts gesagt zu haben, als noch etwas zu machen war. Besser spät als nie.“

Dieser Vorschlag wird sicher keine grundlegende Neuplanung auslösen. Dazu ist die Schlossstiftung zu unwillig, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu machtlos, der Senat zu desinteressiert. Aber es könnte die Debatte über die fatale Ostseite des Schlosses beginnen. Wollen Berlin, der Bund, die Schloss-Stiftung lieber eisern an einem Plan festhalten, dessen Architektur weithin als verunglückt angesehen wird, oder wagen sie ein neues Nachdenken, bevor der Beton in die Höhe gewachsen ist?
Vielleicht hilft der Blick in die Geschichte: Als der schwedische Architekt Nicodemus Tessin in den 1690ern mit dem Entwurf und der Ausführung des späteren Schlüterhofs nicht zurande kam, wurde das Projekt mitten im Bau gestoppt. Ein neuer Architekt kam – eben Schlüter – und durfte neu angefangen. Aber das war, es sei zugegeben, zu preußischen Zeiten.

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