Der Mann ist noch nicht da, aber eine Million Euro zum Ausgeben hat er schon. So viel ist für den Gründungsintendanten des künftigen Humboldt-Forums für 2015 schon mal eingeplant. In diesem Jahr soll er (oder soll sie) vorgestellt werden, gesucht wird nach der idealen Besetzung schon seit Monaten. Im Gespräch ist, wie gemeldet, der amtierende Chef des British Museum, Neil MacGregor, einer der großen Stars der internationalen Museumsszene.

Aber ob dieser herausragende Kommunikator es nun wird oder jemand anderes – es ist die wohl wichtigste Personalie des Jahres im Kulturbereich. Fragen wir uns, was die Person an der Spitze dieser noch gar nicht existierenden Institution können und leisten muss. Was wird auf ihn zukommen?

Klar ist jedenfalls: Zu früh kommt er nicht. Zwar ist die planmäßige Eröffnung des Humboldt-Forums erst 2019 vorgesehen, aber die wichtigsten Entscheidungen für die Präsentation der ethnographischen Sammlungen sind längst gefallen oder fallen soeben. Im Infopavillon vor dem Betonrohbau der Schlossrekonstruktion kann man anhand eines Modells studieren, wie säuberlich die Räume bereits verplant sind.

Noch ungestört von jeglichem Intendantenehrgeiz gehen die Planer schlicht effizient vor. Sie fassen ihre Aufgabe offensichtlich als bloßen Umzug der Dahlemer Museen in die Berliner Mitte auf. Die Abteilungsleiter des Museums für Asiatische Kunst und des Ethnologischen Museums erstellen Stücklisten, auf deren Grundlage Ausstellungsdesigner versuchen, die Fluchten der niedrigen Schlossräume sinnvoll mit Exponaten zu bestücken. Die Struktur aus Dahlem wird dabei, so gut es unter den engeren Bedingungen des Stella-Baus eben geht, eins zu eins übertragen. Die Trennung zwischen dem Museum für Asiatische Kunst und dem Ethnologischen Museum bleibt erhalten. Für die großen Objekte hat der Architekt Franco Stella zwei hohe Säle vorgesehen. Die berühmten Einbäume müssen dabei allerdings getrennt vom Rest der regionalen Sammlung gezeigt werden.

Bislang ist das „weltweit einzigartige“ Projekt nicht viel mehr als der Umzug zweier Sammlungen vom Stadtrand ins Zentrum – in die prominenteste Mitte zwar, aber dafür in museumstechnisch ungeeignetere Räume. Und das soll jene Institution werden, von der sich der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler „eine unerhörte Steigerung der vitalen Kräfte dieser Stadt und unseres Landes“ erwartet? Köhler versprach, aus der Mitte Berlins werde hier „ein neuer Fluss entspringen“, das Humboldt-Forum werde zu einem Paradigmenwechsel der internationalen Politik beitragen, „zu einem neuen Geist der Solidarität“.

Man sieht, der neue Intendant hat noch einiges zu tun. Bei allem Verständnis für die Kluft zwischen Sonntagsreden und Realität – bislang ist so gut wie noch nichts geschehen, um in Angriff zu nehmen, was den hohen Erwartungen – und dem Begriff Humboldt-Forum – entspräche.

Am weitesten gediehen sind noch die Vorstellungen, gleich im Eingangsbereich die Erinnerung an die einstige Kunstkammer des Schlosses durch eine moderne Inszenierung des Sammelsuriums wiederzubeleben: als eine Wunderkammer, bestimmt von Neugier auf das Fremde und Obskure, vom Stolz auf die gewagten Expeditionen und vom Wissensdurst. Die Kunstkammer des Stadtschlosses soll dabei als höfische Keimzelle all dessen kenntlich werden, was heute die Berliner Museen- und Universitätslandschaft ausmacht.

Aber von einer echten Zusammenarbeit der am Forum beteiligten Institutionen kann keine Rede sein. Im Gegenteil, über den Verbleib der Zentral- und Landesbibliothek im Projekt wird zwischen Berlin und dem Bund noch verhandelt. Gut möglich, dass stattdessen die letzte laut Plan in Dahlem verbleibende Sammlung, das Museum Europäischer Kulturen, auch ins Schloss zöge. Damit wäre die alte Forderung erfüllt, Europa in das globale Kulturpanorama zu integrieren. Man müsste dann nicht mehr einmal im Kreis um den blinden Fleck des europäischen Selbst auf den Rest der Welt schauen. Dass allerdings die Objekte des Museums Europäischer Kulturen, zumal die unter volkskundlichen Aspekten in Deutschland gesammelten, qualitativ nicht mithalten können, ist ein unbestreitbares Problem.

Ein kleines Problem allerdings gegenüber den großen. Das in Aussicht gestellte „Weltgespräch“, der Bezug der ethnologischen Sammlung zur Gegenwart liegt noch vollständig im planerischen Nebel. Im „Humboldt-Lab“, dem Experimentierfeld für neue Präsentationsmethoden in Dahlem, wurde zwar einiges ausprobiert. Dass aber die Chefin des Ethnologischen Museums, Viola König, bei einer der letzten Präsentationen des „Humboldt-Lab“ anmerkte, sie hoffe, dass auch im Humboldt-Forum für solche Experimente noch ausreichend Mittel vorhanden sein werden, zeigt die Ratlosigkeit an. Mit ein paar Konferenzen und Filmvorführungen werden die Artefakte nicht zum Sprechen und nicht ins Gespräch gebracht.

Darauf aber käme es an. Was für ein Schatz an Schlüsseln zu den unterschiedlichsten Weltdeutungen wird einmal in die beiden oberen Stockwerke des Schlosses ziehen! Wer sich hier hinein versenkt, wird lernen, wie kläglich es ist, die Welt nur in Pegida-Alternativen zu sehen. Die Menschheit hat so viel mehr zu bieten als Christentum und Islam.

Unter diesem Reich aber liegen erst einmal zwei Stockwerke Bibliotheken, ein Tonarchiv, eine didaktische Schau zu den Sprachen der Welt, eine – hoffentlich – sinnenbetörende Wunderkammer, vor allem aber viele leere Hallen. Eine der wichtigsten Aufgabe des Intendanten wird sein, sich mit dem Gebäude selbst anzulegen, einen Sog von unten hin zu den oberen Stockwerken zu schaffen. Und schließlich muss ihm gelingen, einen Teil ihrer magischen Reize nach außen schwappen und über die barocke Fassade triumphieren zu lassen – um weithin sichtbar zu annoncieren: Hier verlassen Sie die gewohnte Zone.