Berlin - Die Zeit hat Spuren hinterlassen auf einem der ältesten Berliner Hausschilder. Das Blech ist einst blau gewesen, preußischblau, wie in Preußens Hauptstadt zu erwarten. Jetzt tendiert die Farbe stark in Richtung Grün und Grau. Das Gold der Ziffer „1“ ist angelaufen. Am oberen Rand des Schildes umschließt der Rost ein Loch, das mutmaßlich von einem Einschuss stammt.

Fast 70 Jahre nach der Sprengung des Stadtschlosses kehrt eine historische Hausnummer dieses Gebäudes nach Berlin zurück. Es ist eine kleine Geschichte neben den vielen großen, die über das Schloss und dessen Wiederaufbau gerade geschrieben werden. Doch Kurator Matthias Roch präsentiert im Museum Pankow mit Stolz das überraschend aufgetauchte Artefakt. „Das Schloss selbst hatte eigentlich keine eigene Hausnummer“, präzisiert er. „Aber ausgehend von diesem Punkt im Zentrum der Stadt wurden ab 1799 alle Häuser nummeriert.“

Hohlraum hinter der Wand

Das alte Blechschild mit der goldenen Eins war am Apothekerflügel angebracht, dem nördlichen Schlossanbau zum Lustgarten hin. Damit hing es dann doch tatsächlich am Schloss selbst. Denn der 1585 errichtete Apothekenflügel, der derzeit nicht wieder aufgebaut wird, war einer der ältesten Teile der kurfürstlichen Residenz.

Die Geschichte dieses Schildes und vor allem die seiner Wiederentdeckung gehört zu einer anderen spektakulären Berliner Geschichte. Der ist eine Sonderausstellung gewidmet, die am Donnerstagabend im Museum Pankow in der Prenzlauer Allee eröffnet wird.

Vor drei Jahren machte die Pankower Künstlerin Ursula Strozynski bei der Renovierung ihrer Wohnung in der Tschaikowskistraße 46 einen überraschenden Fund. In einem Hohlraum hinter einer Wand stießen die Handwerker auf ein Versteck mit Gerätschaften, Ersatzteilen und ein mit der Schreibmaschine beschriebenes Stück Papier. Das Blatt trägt den Briefkopf der „Lichtpaus- u. Fotokopieranstalt Ed. Schoening“, und in etwas holprigem Deutsch steht da: „kein Mensch kennt diesen Versteck u. ich bitte inniglichst alle Sachen an dieser Stelle zu belassen, da ich später einmal wieder in den Besitz der Sachen kommen möchte.“

Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Ich habe diese Wohnung im Oktober 1955 verlassen, weil das Finanzamt Pankow ungerechtfertigte Strafen von 2.400 Mark mir auf bürdet u. mich Leute bedrohten, die mich ruinieren wollten --- u. es auch geschafft haben.“

Ursula Strozynski bestellte keinen Container für die eingestaubten Gerätschaften. Sie versuchte auch nicht zu Geld zu machen, was sie für antiquarisch wertvoll hielt. Sie wandte sich an die Experten vom Museum Pankow. Für Kurator Roch begann ein detektivischer Rechercheprozess, dessen Ergebnis das Museum jetzt präsentieren kann.

Die Ausstellung erzählt exemplarisch am Schicksal der Familie Schoening von der Vertreibung des Pankower Bürgertums nach dem zweiten Weltkrieg. Die Schoenings hatten ihre Kopieranstalt zunächst in der Kronprinzenstraße, dem heutigen Majakowskiring. Die Häuser dort requirierte die sowjetische Militäradministration gleich 1945, später zog vorübergehend die DDR-Führung hier ein. Die Schoenings konnten zunächst in die nahe Tschaikowskistraße ausweichen und ihr Gewerbe dort weiter betreiben. Doch auch in Pankow wurden alle mehr oder weniger bedeutenden Industrieunternehmen enteignet oder ihre Eigentümer unter Druck gesetzt. Den Schoenings wurde Steuerhinterziehung und Sabotage vorgeworfen. Sie flohen 1955 über West-Berlin nach Solingen – doch wie der Brief zeigt, hegten sie die Hoffnung auf baldige Rückkehr. Jeder zehnte Pankower hatte sich übrigens bis 1961 Richtung Westen auf den Weg gemacht.

Vor der Sprengung abmontiert

Was aber hat nun die Geschichte Schoenings mit der wiedergefundenen Hausnummer vom Schloss zu tun? Zur weiteren Verwandtschaft der Familie gehörte Walter Schiffmann, Mitte des vorigen Jahrhunderts schon ein betagter Herr. Dessen Vater wiederum hatte das Gebäude der königlichen Hofapotheke am Lustgarten viele Jahre lang verwaltet. Als Schiffmann 1950 erfuhr, dass die Sprengung des Schlosses unmittelbar bevorstand, schritt er zur Tat. Nachts montierte er das historische Schild am Apothekerflügel ab und gab es der Familie Schoening zur Aufbewahrung.

Die nahm es mit auf ihrer Flucht in den Westen. Dort lagerte die Hausnummer mit der goldenen Eins unbeachtet im Keller, bis sie Uwe Schoening den Museumsleuten präsentierte. Jetzt wird sie in der Schau zu sehen sein. Bisher nur als Leihgabe, aber das Stück gehört eigentlich nach Berlin, sagt Roch.