Berlin - Es kommt die Zeit, da haben auch die härtesten Festivalfreunde genug von eng stehenden Zelten auf schlammigem Boden, von Betrunkenen, die nachts über Zeltschnüre stolpern, von stinkenden Dixi-Klos und der stundenlangen Suche nach dem Portemonnaie, bevor man akzeptieren muss, dass es jemand nachts tatsächlich aus dem aufgeschlitzten Zelt geklaut hat.

Was früher zum jugendlichen Standardprogramm eines jeden Open-Air-Festivals gehörte, hält ältere Musikfreunde heute davon ab, überhaupt noch zu solchen Konzertausflügen unter freiem Himmel zu fahren. „Nach Jahren im Schlamm ist auch mal Schluss mit solchen Grenzerfahrungen“, sagt Fritz Ramisch. Der 29-jährige Online-Redakteur ist selbst lange Jahre mit Freunden auf solche Festivals gefahren, meist wurde dort Electro und HipHop gespielt. Der letzte Ausflug war 2014. Und da regnete es auch noch. Die Klamotten waren nass, alle jammerten. „Wir hatten auch keinen Bock mehr, immer mit Rückenschmerzen aufzuwachen!“, sagt Fritz Ramisch.

Mit seinen Berliner Freunden Nico Marotz – er ist 31 und arbeitet in der Start-up-Szene – und Matthias Schäfer – einem 32-jährigen Tischler – suchten die Freunde eine Alternative zum spartanischen Camping zwischen Bühnen und Bierstand.

Sturmbeständig und geprüft

Sie fanden eine Alternative, sie heißt My Molo. Das sind kleine mobile Holzhütten (My Mobile Lodge), die Festivalbesucher mieten können. Auf vier Quadratmetern bieten die Hütten zwar nicht mehr Platz als in einem gewöhnlichen Zelt, dafür aber mehr Komfort. Statt Iso-Matte gibt es eine Hartschaumkernmatratze für zwei Personen, einen Mini-Kühlschrank (für kaltes Bier), Licht, Strom und – was für viele ganz wichtig ist – eine eigene Toilette. In diesem Falle ist es ein Öko-Klo, das sich die Bewohner von acht Hütten teilen, aber eben nicht Tausende Besucher auf einmal.

Auf fast allen großen Festivals dieser Saison standen die 16 Hütten von My Molo, die in dieser Saison zum ersten Mal im Einsatz waren, etwa beim „Melt“ und „Splash“ in Ferropolis, einem früheren Tagebaugebiet bei Dessau; auch beim Deichbrand-Festival in Niedersachsen und beim „Open Flair Festival“ in Eschwege (Hessen).

Die Hütten bestehen aus einem Stahlgerüst und Aluminiumwänden, sie sind sturmbeständig und TÜV-geprüft. Die Unterkünfte werden zum Transport in sechs Teile zerlegt und auf einen Lastwagen gepackt. „So ziehen wir wie ein Zirkus von Festival zu Festival“, sagt Fritz Ramisch. Jüngste Station war das Festival „Ruhrpott Rodeo“ in Hünxe, größtes Punk-Festival in Deutschland. „Auch Punker werden älter“, sagt Ramisch. Und vermögender: Vier Nächte in der Hütte kosten in der Regel 500 Euro.

Als die drei Freunde im vergangenen Jahr erstmals ihren Prototypen in der Praxis ausprobierten, gab es heftige Kritik. Von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft auf Festivals war die Rede, von Nobelhütten und einem Luxusleben. Auch den Preis fanden viele zu hoch. „Doch eine Pension oder ein Hotelzimmer in der Nähe des Festivals bekommt man auch nicht günstiger“, sagt Ramisch. Oft seien Zimmer monatelang vorher ausgebucht und lägen meist weiter entfernt von den Bühnen als die mobilen Hütten, die die Veranstalter meist in einem gesonderten Bereich des Geländes im VIP-Bereich aufstellen. „So ein Festival ist ein Happening für alle. Und wir bieten mit unseren Hütten eine Möglichkeit, dabei zu sein“, sagt Ramisch. Er sagt, nach den ersten Praxistests hätten sie viel Zuspruch erhalten. Festivalveranstalter versprachen schon, die Hütten für ihre Gäste aufzustellen, noch bevor sie überhaupt gebaut worden. Banken gaben Kredite. In Groß-Kreutz in Brandenburg mietete das Unternehmen zwei große Hallen, dort werden die Hütten gebaut und gelagert. Vor allem Pärchen und Freundeskreise mieten sich ein, oft sind es auch internationale Gäste, etwa aus Schweden und Australien, die zu Festivals nach Deutschland fahren und kein Hotelzimmer mehr gefunden haben. Ramisch erzählt, isoliert leben die Hüttenbewohner nicht in ihrem Bereich, sie würden auch feiern und zusammensitzen. „Das Campingplatzgefühl geht nicht verloren.“

Für die Winterzeit suchen die drei Unternehmer nun weitere Möglichkeiten, ihre Hütten aufzustellen, sei es als Indoor-Campingplatz oder als Unterkunft für Obdachlose. In der kommenden Saison will das Unternehmen dann schon hundert solcher Hütten anbieten, sie sollen dann auch auf dem weltweit größten Heavy-Metal-Festival in Wacken in Schleswig-Holstein stehen. Über 80.000 Metal-Fans kamen dieses Jahr.