Berlin - Wenn es Abend wird auf dem Flughafen Tegel, zieht dort keine Ruhe ein. In TXL darf auch zu später Stunde gestartet und gelandet werden. Eine neue Statistik zeigt nun, wie groß die Belastung der Anlieger ist. Danach gab es auf dem am stärksten genutzten Flughafen dieser Region im vergangenen Jahr 10.123 Starts und Landungen zwischen 22 und 5.59 Uhr – deutlich mehr als in früheren Jahren.

Davon fanden 1547 nach 23 Uhr statt. „Ich finde diese Zahlen extrem“, sagte Jörg Stroedter, SPD-Fraktionsvize und Abgeordneter aus Reinickendorf. Rot-Rot-Grün fordert, die Flughafenentgeltordnung zu ändern, um für Spät- und Nachtflüge hohe Zuschläge festzulegen: bis 700 Prozent. In Reinickendorf, Pankow und Spandau finden Anwohner nachts keinen Schlaf, oder sie werden frühmorgens durch Turbinenkrach geweckt.

Zwar war die Zahl der Spät- und Nachtflüge nicht so hoch wie im Jahr davor. Doch den damaligen Spitzenwert (10.305) erklären Beobachter mit einem „Sondereffekt“: 2017 ging Air Berlin in die Insolvenz, und die letzten Wochen vor der Betriebseinstellung waren durch Verspätungen gekennzeichnet. Das heißt, dass die Zahl der Flüge, die sich in die späten Abend- und Nachtstunden hinein verschoben, 2017 relativ hoch war.

Anwohner müssen immer wieder unter Belastung leiden

Fachleute raten deshalb, die aktuellen Werte mit vorangegangenen Jahren zu vergleichen. 2016 wurden in Tegel 9633 Spät- und Nachtflüge registriert, 2015 waren es noch 8862. Was kaum jemand weiß: In Tegel gibt es kein striktes Nachtflugverbot. Zwar dürfen Flugzeuge zwischen 23 und 6 Uhr dort eigentlich gar nicht starten und landen. Doch wenn sich Linienflüge verspäten, kann die Luftaufsicht, nach Mitternacht die oberste Luftfahrtbehörde, Ausnahmen erlauben – was meist geschieht. Besonders häufig wurden diese Möglichkeiten 2018 von Easyjet, Eurowings und Laudamotion genutzt.

Postflüge dürfen in Tegel ebenfalls nach 23 Uhr stattfinden, sogar ohne Genehmigung im Einzelfall. Im vergangenen Jahr wurden 488 Starts und Landungen von Postflügen registriert – immer nach Mitternacht. Auch Ambulanzflüge sind nachts erlaubt: 2018 wurden 171 Flugbewegungen zu später Stunde gezählt. Nicht zu vergessen die Militär-, Polizei-, Regierungs- und Bundespolizeiflüge: Vergangenes Jahr gab es 173 Starts und Landungen nach 22 Uhr.

Immer wieder müssen die Anwohner unter weiteren Belastungen leiden, sagte Rolf-Roland Bley von der Initiative gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen. So finden in der Nacht zum kommenden Sonnabend erneut Vermessungsflüge statt: „Mit zweimotorigen Turboprops, die besonders ätzende Geräusche von sich geben.“

Am BER wird Nachtflugverbot gelten 

Zudem werden oft Gebäude beschädigt, weil Flugzeuge Wirbelschleppen hinter sich herziehen. Am Pfingstsonntag passierte es wieder mal: Gegen 18 Uhr wurde ein Dach in der Siedlung am Hohenzollernkanal teilweise abgedeckt – dieser Bereich ist besonders häufig betroffen. Wahrscheinlich war ein Easyjet-Flug aus Kopenhagen schuld, sagte Bley.

„Dass die Lärmbelastung auf hohem Niveau bleibt, liegt auch daran, dass Tegel überlastet ist“, so Stroedter. Für acht Millionen Passagiere pro Jahr geplant, musste Tegel im vergangenen Jahr 22 Millionen Fluggäste verkraften.

SPD, Linke, Grüne und Initiativen setzen sich dafür ein, dass Tegel geschlossen wird – gleich nach der Eröffnung des BER, die derzeit für Oktober 2020 geplant ist.

Das bedeutet, dass Schönefeld-Anwohner zusätzlich belastet werden. Zwar wird am BER anders als am heutigen Schönefelder Airport ein Nachtflugverbot gelten, doch planmäßige Linienflüge sind nur zwischen 23.30 und 5.30 Uhr verboten.

Anwohner haben ab 2020 ein Recht auf Lärmschutz 

Die FDP fordert, Tegel weiter zu betreiben. „Mit der Kombination von BER und TXL würden die Starts und Landungen in Tegel rapide zurückgehen“, sagte Fraktionschef Sebastian Czaja. Eine Start- und Landebahn reiche dann aus.

„Mit einem Nachtflugverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr und den immer leiser werdenden Maschinen nimmt auch die Geräuschkulisse ab“, so Czaja. „Zudem haben Anwohnerinnen und Anwohner ab 2020 ein Recht auf Lärmschutz. Das benötigte Geld hat der Senat aber bis heute nicht im Doppelhaushalt zur Verfügung gestellt.“