Berlin - Angelika Bruer hat einen heißen Tipp bekommen. Mit kennerhaftem Blick sucht sie die Häuserfassaden an der Rosenthaler Straße ab, die Digitalkamera schussbereit. Die Dame mit den grauen Haaren hat eine Mission, hinter ihrer goldgerahmten Brille lauern wache Augen, denen kein Motiv entgeht. Die 64-Jährige besitzt die deutschlandweit wohl größte Foto-Sammlung von Street Art. Und nach diesem Streifzug rund um den Hackeschen Markt werden zu den 40 Alben mit über 6 000 Bildern gut zwei Dutzend neue dazugekommen sein.

Verschworene Gemeinschaft

Als „Graffiti-Oma“ oder „Street-Art-Lady“ ist Bruer in der Szene bekannt. „Manche nennen mich wohl auch Nervensäge“, flachst die gebürtige Berlinerin. „Zehn Jahre hat es gedauert, bis man mir sagt, wo was stattfindet.“ Sprayer und Straßenkünstler: eine verschworene Gemeinschaft. Schwierig, einen Zugang zur Szene zu bekommen, deren Protagonisten meist nicht einmal halb so alt sind wie sie selbst.

„Anfangs haben sie abgeblockt. Mittlerweile gilt: Wenn die alte Dame unterwegs ist, ist das o.k.“ Viele freuen sich, wenn sie Angelika Bruer sehen – auch wenn sie es nicht überschwänglich zeigen. Nicht wenige stecken ihr eine Info zu – wie die, dass heute ein bekannter Street-Art-Künstler eine Wand an der Rosenthaler Straße bemalt.

Der avisierte Mexikaner lässt aber noch auf sich warten. Angelika Bruer führt derweil durch den Innenhof, der sich im Laufe der Zeit in eine internationale Street-Art-Galerie verwandelt hat: El Bochos „Little Lucy“, die katzenhassende Comicfigur mit dem Pagenkopf, lässt sie schnell links liegen. Ebenso den kleinen Jungen auf der Bombe, ein Werk in Cut-out-Technik, das der Künstler Alias zu Hause auf Papier gesprayt und dann aufgeklebt hat. Für das Verschwinden eines schönen Bilds von Alanis hat die Street-Art-Oma nur Schulterzucken übrig. „Ist halt ne schnelllebige Sache. “

Ein nicht ganz ungefährliches Freiluft-Vergnügen

Bei einer Indianerin mit prächtigem Federschmuck, die sie auf einem Fensterladen entdeckt, zückt Bruer dann doch die Kamera. Dann flötet sie ein durchaus damenhaftes „ganz entzückend!“, das eigentlich besser in ein Puppen- oder Kunstgewerbemuseum passen würde. Doch so ein Museum wäre der Verwaltungsangestellten, die in einem Einfamilienhaus im beschaulichen Rudow lebt, doch zu fade. „Street Art, das ist so schön lebendig und bringt mich kreuz und quer durch die Stadt.“ Bruer sieht sich auch als Missionarin, will nicht, dass Graffiti und Straßenkunst verteufelt werden. Freunde und Familie fanden ihr Hobby zunächst eigentümlich, aber einigen hat sie zu einem anderen Blick darauf verhelfen können.

Dabei ist ihre Fotografie ein zuweilen nicht ganz ungefährliches Freiluft-Vergnügen: Vor kurzem war sie auf der ehemaligen Abhörstation am Teufelsberg, knipste großformatige Bilder in luftiger Höhe, ohne Geländer. „Da macht man schon mal einen Schritt zu viel nach hinten, um ein Motiv doch noch draufzubekommen. Es hätte mein letzter sein können.“

Vor zehn Jahren begann ihre Leidenschaft für die Straßenkunst. Ein wenig aus Langeweile begann Angelika Bruer, die von Künstlern bemalten Buddy-Bären zu fotografieren, wie sie überall in der Stadt zu finden sind. „Irgendwann hatte ich das Gefühl: Jetzt habe ich alle.“ Auf eines der Fotos hatte sich eine bemalte Brandmauer geschlichen. Fortan sammelte Bruer Fassadenmalerei, doch mit der Zeit wurden ihre Motive immer kleiner. Jetzt, sagt sie, sei sie auf Augenhöhe angekommen. Denn die Street-Art-Künstler versteckten ihre Bilder manchmal in den verborgensten Winkeln. „Ich trabe dann ganz langsam durch die Straßen und gucke und gucke. Die Leute müssen schon denken, ich hab sie nicht mehr alle.“

Ein Panoptikum der Berliner Street-Art-Szene

Wenn Angelika Bruer das Jagdfieber packt, lässt er sie nicht mehr los. Drei Monate suchte sie nach dem „Schlafenden Stadtstreicher“ des Künstlers C215. Mit detektivischer Akribie streifte sie durch Kreuzberg, verglich gar Mäusegitter in Hauswänden mit denjenigen auf Fotos. Schließlich markierte sie die Fundorte der anderen Schablonen-Bilder des französischen Künstlers mit Stecknadeln auf einer Karte – und fand das Bild mit dem Clochard in der Wiener Straße. „Ich war wie im siebten Himmel, aber es war da auch eine Leere: Die Spannung war plötzlich weg. Ich hatte ja die Aufgabe, das Bild zu finden. Man hat mir versprochen, dann bekomme ich etwas anderes aus der Szene.“

Auch heute hat sich der Tipp von ihren Street-Art-Freunden als richtig erwiesen: Ein langhaariger Mexikaner packt an einem Durchgang Spraydosen aus. Etwas überrumpelt wirkt er, als die freundliche Seniorin plötzlich ein Skizzenbuch aus der Handtasche zieht. Dann zeichnet er ihr doch eines seiner Fabelwesen, halb Mensch, halb Alligator hinein.

Vier solcher Blackbooks besitzt Bruer, ein Panoptikum der Street-Art-Szene der Stadt. „Sie sollen abbilden, was an öffentlicher Kunst in Berlin möglich ist. Mit diesen Büchern habe ich eine große Verantwortung“. Denn sie sei eine Chronistin, die die flüchtige Kunst archiviert, bevor sie wieder verloren geht. Auf Partys der Szene wird sie trotzdem nicht auftauchen. „Mich interessieren die Bilder und die Menschen dahinter. Feiern, das sollen dann doch lieber die Jungen.“