Tom hat ein einzigartiges Talent. Er kann Leute dazu bringen, langsamer zu werden. Oder gar stehenzubleiben. Alles, was er dazu braucht, sind eine Gitarre und Lieder über die Schwere der eigenen Existenz und ein Licht am Ende des Tunnels.

„Steh wieder auf und lebe“, das hat er Passanten schon oft fast entgegengeschrien. Er hat von alten Freunden gesungen, verpassten Chancen und vor allem von der Straße, die er nur zu gut kennt. Er hat dort gelebt, als einer von zu vielen in der Stadt.

Wenn er singt und sich Passanten nach ihm umdrehen, sehen sie nicht nur einen bärtigen Mittdreißiger in weiten Hosen, durchgetretenen Schuhen und mit einem seltsamen schwarzen Kopftuch. Wer genau hinschaut, kann eine einzigartige Unerschütterlichkeit in seinen Augen erkennen. Und Hoffnung. „Das wird mein letzter Winter auf der Straße“, hat er gesagt, lange bevor der Winter begann. Das war vor einem Jahr in Berlin. Das war im September.

Ihm bleibt nur die Musik

Wie ist es ihn ergangen in diesem Jahr? Was ist geworden aus seinen Plänen, seinen Träumen? Aus seiner Unerschütterlichkeit?

Damals, im September, fängt Tom an, auf der Fußgängerbrücke am S-Bahnhof Storkower Straße zu spielen, die manche in Lichtenberg und Friedrichshain noch als den Langen Jammer kennen. Langer Jammer – das hat viel zu tun mit Toms eigener Geschichte.

Kurz nach seiner Geburt in Texas wird er von einem Ehepaar aus Bayern adoptiert. Es folgen Umzüge zwischen den südlichen USA und dem südlichen Deutschland und zurück. Nirgends kommt er wirklich an. Mit fünfzehn schmeißt er die Schule und hält sich mit kleinen Jobs über Wasser. Ostern 2016 dann kommt er nach Berlin, eine Umschulung will er machen, es wird nichts draus. Ohne Wohnung und ohne Geld landet er auf der Straße. Ihm bleibt nur die Musik.

„Menschen sind eigentlich gut“

Seine größte Hoffnung, so wiederholt er damals, im Herbst 2017, mantraartig, seien seine Kinder, sechs und dreizehn, die in Bayern warten und die er zu sich holen werde, sobald er es geschafft habe. Geschafft – damit meint er die Musik, die ihn nach oben führen soll. Tatsächlich haben seine Lieder eine besondere Energie. Lieder vom Leben und all seinen Problemen, in denen sich jeder wiederfinden kann. Tom trifft einen Nerv.

Es ist ihm damals nicht wichtig, ob man Kleingeld, Bier oder eine Kippe dalässt. Einige bezahlen mit zaghaftem Applaus oder einem kleinen Lächeln oder einfach nur damit, dass sie für einen kurzen Moment zuhören und sich in seinen Geschichten wiedererkennen. „Die Leute sollten mal auf der Straße leben“, sagt Tom. „Ich hab gelernt, dass Menschen eigentlich gut sind. Selbst hinter der größten Arschlochfassade steckt oft etwas Gutes; ganz klein, aber es ist da.“

Tom wohnt seit einer Weile in einer betreuten Wohngruppe, nur ein paar Fußminuten vom Langen Jammer entfernt. Ein kleines Zimmer mit einer Matratze auf dem Boden und einem Stuhl daneben. Es ist nach Monaten auf der Straße und in den Obdachlosenheimen der Stadt ein erstes Ankommen. Tom weiß das.

Das Geld reicht nie, die Liebe auch nicht

Das Leben auf dem Asphalt erzeugt viele Geschichten. Geschichten vom Abstieg. Die meisten sind traurig. Wie Trophäen werden die Geschichten um Toms Gitarrenkoffer herum ausgetauscht. Wer genau hinhört, kann erkennen, dass sich auch hier alles auf zwei Phänomene herunterbrechen lässt: das Geld, das nie reicht, und die Liebe, die nicht reicht und enttäuscht. Zwischen all dem steht Toms in seiner Unerschütterlichkeit, die ansteckt und euphorisiert.

Im Katermonat Januar wird sie erstmals strapaziert. Tom tänzelt stundenlang frierend von einem Bein aufs andere. Die Kälte des Betons frisst sich durch die Schuhsohlen, der Gitarrenkoffer bleibt oft fast leer. Nur Toms Version von Chris Isaaks „Wicked Game“ entlockt den Passanten noch ein paar Münzen. Manchmal wünsche er sich, dass das sein Song sei, sagt Tom. Weil er Tiefe hat – und Kleingeld bringt. Er spielt ihn im Akkord. „Ich spiele einfach ums Überleben“, sagt Tom.

Für kurze Zeit ein König

Er ist nicht der einzige Überlebenskünstler auf dem Langen Jammer. Toms Musik lockte andere an. Verrückte mit Klappmessern. Studenten aus dem nahen Wohnheim. Punks, die vorm Rewe um die Ecke schnorren. Ole ohne Kohle. Nachtschwärmer, die schon vor der Party bedrohlich in Richtung S-Bahn torkeln. An manchen Abenden lassen sie alle den Langen Jammer zu Toms Musik tanzen. Dort, wo die einzige Währung neben Kleingeld Vertrauen ist, treffen an diesen Abenden die traurigsten Geschichten auf die hoffnungsvollsten. Es regiert die Empathie der Straße. Auch Tom lächelt. „Bald beginnt der Frühling“, sagt er. „Die Zeit, in der man draußen ein König ist – und alles, was man braucht, ein Stück Holz mit sechs Saiten ist.“

Doch erst einmal wird der Winter härter. Tom beginnt, in kleinen Läden sein Glück zu suchen, Läden, in denen die Gäste den Blick nur dann vom Tresen heben, wenn es sich partout nicht vermeiden lässt. Hier heißt Tom nur Tex – so wie damals, als er noch selbst auf der Straße lebte.

Der Traum vom großen Plattendeal

An seinem 38. Geburtstag, einem Sonnabend im Februar, spielt er in einem dieser Läden. Auch an diesem Abend trägt er das Shirt, das er fast immer anhat. „The Anti-Heroes Hero“ stand darauf. Nur wenige seiner Bekannten sind vorbeigekommen. Tom spielt drei Lieder. Immer wieder schiebt er das schwarze Kopftuch zurecht, dann bricht er ab, geht entnervt nach Hause. Es ist der Abend, an dem erstmals der Zweifel in seinen Augen steht.

Nichts geht voran. Tom redete seit Monaten von einem Durchbruch, der nicht kommt. Toms Songs erinnern jetzt eher an radiotauglichen Pop als an eine raue Autobiografie der Straße. Er selbst hat nichts von seiner Unerschütterlichkeit verloren und träumt plötzlich von Plattendeals mit Universal. „Ich habe angefangen, groß zu träumen, als ich nichts mehr zu verlieren hatte“, sagt er – und fragt kurz darauf, ob er sich Geld leihen könne.

Zehn Jahre in Amerika

Der Platz auf dem Langen Jammer hat sich herumgesprochen. Tom wartet immer öfter darauf, dass andere Musiker das Feld räumen.

Wenn das nicht klappt, geht er in eine der Kaschemmen zwischen dem S-Bahnhof Frankfurter Allee und dem U-Bahnhof Samariterstraße, wo man entweder den langweiligsten oder den aufregendsten Abend seines Lebens verbringen kann.

Tom redet hier oft über seine Familien. Die in Bayern. Die in Texas. Von seinen sechs Halbgeschwistern in der Nähe von Houston, seiner drogenabhängigen Mutter erzählt er und von seinem Vater, der wegen Totschlags einsaß und von dem er sein musikalisches Talent geerbt hat. Davon, wie er mit achtzehn über den Atlantik reiste, um seine eigene Geschichte zu suchen, in der er Nathaniel Daniel Brasket geheißen hätte, wenn er nicht zur Adoption freigegeben worden wäre. Er bleibt zehn Jahre in Amerika, schlägt sich durch, lernt die Mutter seiner Kinder kennen.

Viele falsche Entscheidungen

2012 kehrt er als Getriebener mit eigener Familie nach Deutschland zurück. „Irgendwann kann man nicht mehr vor sich selbst wegrennen, nur noch vor anderen“, sagt Tom.

Er soll recht behalten. Ihn erreicht ein Anruf aus Bayern, in dem es um das Sorgerecht für seine Kinder geht, das vor Ort geklärt werden muss. Auf der Fahrt redet er wenig, und je näher er der Provinz kommt, desto stiller wird er. Dort, wo man ihn Thomas nennt und wo niemand jemals etwas vom S-Bahnhof Storkower Straße gehört hat, hat er viele falsche Entscheidungen getroffen. Nun wolle er alles besser machen, sagt er.

Tom spaziert mit seinem Sohn durch den niederbayerischen Wald. An einem Holzgestell kann man trommelnd den Klang des Waldes erleben. Der Sechsjährige hämmert rhythmisch darauf ein. Tom lächelt stolz.

Eine Rückkehr kommt nicht in Frage

Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass er nach mehr als einem halben Jahr Abwesenheit sichtlich mit der Rolle fremdelt, die er hier hat: Es ist die Rolle des Vaters. „Ich baue meinen Kindern ein Zuhause, und dann hole ich sie zu mir. Ich bin so nah dran“, sagt er.

Eine Rückkehr kommt für ihn aber nicht in Frage. Innerlich hat er sich schon längst für die Freiheit der Straße entschieden. Für Berlin.

Im März zieht ein Trupp mit Hochdruckreinigern über den Langen Jammer. Tom beobachtet die Aktion ungläubig. An beiden Enden der Brücke spült Wasser den Schmutz die Treppen hinunter und die eine oder andere Geschichte der vergangenen Monate auch. Vom Betonboden werden die fast schon fossilen Kaugummis abgekratzt. Die vergilbten Scheiben verlieren ihre Patina. Das Reinigungsteam lässt keinen Zweifel daran, dass es mit dem Langen Jammer nach vorne gehen soll.

Eine Legende erschaffen

Auch für Tom geht es erst einmal auswärts. Leute, die ihm versprechen, ihn erfolgreich zu machen, tauchen nun im Wochentakt vor dem Gitarrenkoffer auf. Er besorgt sich ein frisches Paar Schuhe, gebraucht, und eine frische Hose, gebraucht. Zu seinen Konzerten in den kleinen Läden kommen immer mehr Menschen. Freunde, Freunde von Freunden. Und Punks, die nicht unbedingt das einfachste Publikum sind.

Der Frühling klopft leise an, und Tom erzwingt seinen Moment. Er schreibt innerhalb von wenigen Nächten neue Songs und die erste Veröffentlichung scheint bevorzustehen. Es gibt plötzlich einen YouTube-Kanal und einen Facebook-Auftritt, zudem sollte Tom einen regelmäßigen Contest für Straßenmusiker moderieren. Tom Brasket – so nennt er sich nun. „Der Trick ist, eine Legende zu kreieren, bevor sie um dich entsteht“, sagt er.

Ein Fall für sich

Als der Sommer in die Stadt einfällt, verschwindet Tom häufiger für mehrere Tage, mal mehr, mal weniger spurlos. Auf dem Langen Jammer lässt er sich irgendwann gar nicht mehr blicken.

Nach dem ersten Auftritt als Moderator schmeißt er hin; er fühlt sich „zur Side-Show degradiert“. Er bricht mit alten Wegbegleitern und alte Wegbegleiter mit ihm. Tom, so hört man nun immer öfter, sei eben ein Fall für sich. Er war es eigentlich schon immer. Fortan bleibt er verschwunden. Auf dem Langen Jammer übernehmen andere seinen Platz.

Es dauert länger einen Monat, bis er auf die Brücke zurückkehrt. Dass er es tut, kann man beinahe übersehen. Er hat sich verändert. Sein schwarzes Kopftuch, das schon Markenzeichen geworden war, hat er abgenommen. Seine Haare sind an den Seiten getrimmt und hinten zu einem Zopf zusammengebunden. „Alles ist komisch gerade. Nicht unbedingt schlecht. Nur verwirrend“, sagt er.

„Das wird mein letzter Winter auf der Straße“

Seine Stimme ist ruhiger geworden, er redet langsamer als gewöhnlich. Man muss genau hinhören, wenn er über das Leben spricht. Auch seine Songs klingen plötzlich weniger kraftvoll und rau, so als hätte sie jemand abgeschliffen. Sie wirkten akzentuierter, intimer; er schreit das Leben nicht mehr an mit ihnen.

Noch immer kann er Passanten dazu bewegen, langsamer über den Langen Jammer zu gehen und manchmal sogar stehenzubleiben. In den Abendstunden, wenn die Sonne über den Schienen der Ringbahn untergeht und das letzte gelbe Licht durch die Scheiben der Fußgängerbrücke scheint, sammeln sich auch all jene wieder in der Nähe des Gitarrenkoffers, die wenig zu sagen, aber viel zu erzählen haben. Während Tom spielt, kann man in dem einen oder anderen eingefallenen Gesicht eine Träne entdecken. Sie wird schnell weggewischt.

Tom wohnt nun in einem Hausprojekt im Nordkiez, schmiedet Zukunftspläne und träumt wieder vom Durchbruch. Unerschütterlich sei er, sagen die einen. Unverbesserlich, sagen die anderen.

„Das wird mein letzter Winter auf der Straße“, sagt Tom, lange bevor der Winter beginnt. An dem Plan habe sich nichts geändert, beteuert er. Seitdem werden die Tage wieder kürzer.