Berlin -  Jetzt hat Berlin eine echte Ost-Bühne: das Theater Adlershof, das seit kurzem Theater Ost heißt. Der Name passt, die Spielstätte befindet sich auf dem Gelände des einstigen DDR-Fernsehens in einem Haus, aus dem einst die „Aktuelle Kamera“ gesendet wurde. Und auf der Bühne treten vor allem Künstler aus dem Osten des Landes auf. Dass es diese Bühne überhaupt noch gibt, ist der  Intendantin Kathrin Schülein, 56 Jahre alt, zu verdanken. Mit Kraft und Ausdauer hat sie das Privattheater mit 100 Plätzen, das eines der  kleinsten in der Stadt ist, sicher durch zwei Lockdowns gebracht. Am Sonnabend gibt es die erste Premiere der Saison.

Wie vor einem Jahr, nach dem Ende des ersten Lockdowns, wird wieder draußen auf einer Freilichtbühne gespielt, vor der bis zu 170 Zuschauer Platz haben. Mehr, als im Innern des Adlershofer Theaters wegen der Abstandsregelungen möglich wären. Für die Besucher wurde ein eigenes Testzentrum eingerichtet, erzählt Schülein, die wir auf der Freilichtbühne bei den Proben für das Premieren-Stück „Die wahren Lügen des Till Eulenspiegels“ treffen. „Wir können wirklich froh sein, dass wir überlebt haben“, sagt Schülein. Gemeinsam mit den Schauspielern macht die Chefin einen Freudensprung für den Fotografen.

Das „Eulenspiegel“-Stück nach Geschichten des Dichters Hans Sachs steht für den Kampf des Theaters gegen die Pandemie-Widrigkeiten. Eigentlich sollte die Premiere im vergangenem Frühjahr stattfinden. Doch da legte Corona zum ersten Mal den Berliner Kulturbetrieb lahm.

Drei Monate dauerte die erste Auszeit

Drei Monate dauerte er, der erste Lockdown, ein Klacks gegen das, was im zweiten noch kommen sollte. Kathrin Schülein machte sich schlau im weiten Feld der Pandemie-Regeln und nutzte ihre Kontakte, um für die Zeit danach gerüstet zu sein. Mithilfe des Bezirks erhielt sie die Genehmigung vom Land Berlin, auf der benachbarten Freifläche eine Open-Air-Bühne aufzubauen, als klar war, dass im Sommer 2020  Veranstaltungen im Freien stattfinden durften. „Dank der Unterstützung  benachbarter Firmen konnten wir die Freilichtbühne samt Technik aufbauen“, sagt die Chefin.

So startete damals nach dem Ende des ersten Lockdowns das Adlershofer Theater als erste Berliner Bühne wieder durch. Es gab Lesungen mit Schasupiel-Stars wie Herbert Köfer oder Konzerte, bei denen etwa Berlins Swing-König Andrej Hermlin auftrat.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Ein Freudensprung mit dem Ensemble auf der Freilichtbühne: Im Theater Ost geht  der Spielbetrieb los.

Doch wie sollte es im Herbst oder im Winter weitergehen, wenn es kalt wird? Im Theater wären keine Veranstaltungen möglich gewesen. „Also mietete ich ein Zelt vom Zirkus Rolandos für 500 Euro, das man beheizen konnte“, berichtet Schülein. Damit in dem Zelt weiter Theater gemacht werden konnte, war der Einbau eines  Belüftungssystems Vorschrift. „Dafür reichte unser Geld aber nicht aus“, sagt die Intendantin. „Also musste ich einen Privatkredit in fünfstelliger Höhe aufnehmen.“

Als das Zelt im Herbst endlich stand, kam der nächste Lockdown. „Gerade einmal acht Veranstaltungen hatten wir, da war im vergangenen November schon wieder Schluss“, sagt Schülein. „Die letzte war ein Konzert des Liedermachers Hans-Eckardt Wenzel.“ Die ganze Arbeit, die ganzen Investitionen – alles vergeblich. „Anfangs dachte ich noch, der zweite Lockdown hört gleich wieder auf. Und dann dauerte er fast ein halbes Jahr.“

Monatliche Kosten von 11.000 Euro

Auch wenn das Theater Ost eine kleine Spielstätte ist, seien etwa 11.000 Euro pro Monat an Betriebs-, Miet- und Personalkosten fällig, so die Intendantin. „Doch woher das Geld nehmen, wenn keine Einnahmen da sind, weil wir nicht spielen dürfen?“, sagt Schülein. So verbrachte die Theaterchefin viel Zeit damit, sich durch einen Wust von Bestimmungen durchzuarbeiten, um Fördergelder und Überbrückungshilfen zu beantragen. Die Mühe lohnte sich. „Wären die Gelder nicht geflossen, wären wir vielleicht pleite“, sagt Schülein. „Allein durch das Sonderprogramm ,Neustart Kultur‘ des Bundes sind nun 80 Prozent der Personalkosten für die acht Mitarbeiter bis zum Ende dieses Jahres abgesichert.“

Jetzt geht das Theaterleben in Adlershof wieder los. Der Spielplan füllt sich. Neben dem „Eulenspiegel“-Stück stehen auch wieder Konzerte und Lesungen an. Kathrin Schülein hofft, dass bald mehr Zuschauer kommen dürfen und die jetzige Öffnung aus dem Lockdown nicht erneut zu einem kurzen Intermezzo wird: „Wir wollen spielen – und nicht nur einen Sommer und einen kurzen Herbst lang wie im vergangenem Jahr.“