Der Berliner Totentanz ist wieder da und sagt: Macht und Vermögen sind nutzlos

Feierliche Eröffnung am Sonnabend: Nach zwei Jahren Renovierung ist eines der wichtigsten Berliner Kunstwerke wieder zugänglich – ein 23 Meter langes Fresko.

Der zentrale Teil des Berliner Toentanzes zeigt eine Kreuzigungsgruppe.
Der zentrale Teil des Berliner Toentanzes zeigt eine Kreuzigungsgruppe.St.Mariengemeinde Berlin

Einer der eindrucksvollsten Berliner Kunstschätze wird wieder zugänglich: Nach zwei Jahren Renovierungsarbeiten in der Turmhalle der St. Marienkirche kann die Öffentlichkeit das 550 Jahre alte Totentanz-Fresko wieder besichtigen. In dem fast 23 Meter langen in Secco-Technik gemalten Wandfresko reihen sich nahezu lebensgroße Figuren zu einem besonderen Reigen: Je ein Vertreter der geistlichen und einer der weltlichen Ständereihe bilden ein Paar, in der Mitte gehalten und geführt von einer tänzelnden, skelettähnlichen Todesgestalt. Unterhalb der Paare stehen jeweils zwei Strophen zu sechs Versen.

Von den ursprünglich 60 Figuren sind 54 teilweise, von den ursprünglich 360 Versen sind etwa Dreiviertel ganz oder teilweise erhalten.

Demut zu Zeiten der Pest

„Hier verbinden sich Geschichte und Gegenwart für alle Berlinerinnen und Berliner an der Frage danach, wie wir leben wollen“, sagt Pfarrer Eric Haußmann von der St. Marienkirche zur Wiedereröffnung: „Wir haben lange darauf hingearbeitet, diesen Schatz in unserer Stadt neu zu präsentieren und ihn zu bewahren.“ Möglich wurde die Sanirung dank umfangreicher Förderung der Lottostiftung Berlin in Höhe von 1,2 Millionen Euro und der Unterstützung des Landesdenkmalamtes Berlin sowie der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Die Totentanzdarstellungen kamen in Europa in der Zeit der großen Pestzüge auf. In den Dialogen geht es um existenzielle menschliche Fragen: So spricht der Tod zur „hohen Frau von Geburt“: „Ich habe Euch besonders auserwählt: / Ihr müsst zum Tanz des Todes auch mit, / weil Ihr gern all die neuen Kleider tragt. / Mach ein Ende und gebt mir Eure Hand !/ Ihr müsst schnell mit mir in ein anderes Land.“ Die Dame im langen Gewand antwortet mit einem mitleidheischenden „O weh mir armer Frau“ und versucht mit einer Reuebekundung, noch einmal davonzukommen: „… dass ich ganz unbedacht gelebt habe!“

Sie feilscht um Aufschub. Gewährt wird er nicht – niemandem im Reigen. Die Botschaft könnte nicht deutlicher sein: Vor dem Tod sind alle gleich. Kein Stand und kein Geschlecht wird vor ihm verschont. Macht, Vermögen und Schönheit sind nutzlos.

Der Berliner Totentanz gilt in der Stadt- und Religionsgeschichte Berlins als zentrales Wandbild, zumal sich hier die ersten niedergeschriebenen Verse Berliner Literatur finden. Er gehört zu den seltenen noch erhaltenen Totentänzen aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Und es handelt sich um ein wirklich originär Berliner Kunstwerk – an Ort und Stelle verblieben seit seinem Entstehen. Das unterscheidet den Totentanz von den zahlreichen Kunstwerken aus aller Herren Länder, mit denen sich Berlin gerne schmückt. Schon aus diesem Grund kommt der Bilderreihe eine herausragende Bedeutung zu.

Weihnachtsmarkt 2022 vor der Marienkirche. Von der Krippe mit dem Neugeborenen sind es nur wenige Schritte zum Totentanzfresko in der Halle unter dem Kirchturm.
Weihnachtsmarkt 2022 vor der Marienkirche. Von der Krippe mit dem Neugeborenen sind es nur wenige Schritte zum Totentanzfresko in der Halle unter dem Kirchturm.AFP/Mac Dougall

Die Begegnung mit den mittelalterlichen Berliner Figuren aller Stände ist ganz einfach: Sie halten sich im Eingangsbereich der Marienkirche zwischen Alexanderplatz und Schloss auf.

Die Festlichkeiten zur Wiedereröffnung am Vorabend des 1. Advent beginnen mit einer 15-minütigen-Open-Air-Andacht vor der St. Marienkirche. Begleitet von Bläser-Klängen zieht die Gemeinde im Anschluss durch den nun wieder zugänglichen Haupteingang in der Turmhalle vorbei am Totentanz-Fresko in die Kirche. Dort wird die Eröffnung mit festlicher Musik fortgesetzt. Erwartet werden der evangelische Bischof Christian Stäblein, Landeskonservator Christoph Rauhut sowie Fachleute und Interessierte.

Für März 2023 plant die evangelische Kirchengemeinde St. Marien-Friedrichswerder ein weiterführendes Programm zur Wiedereröffnung.