Berliner um die 30: Was suchen wir eigentlich in der Liebe?

Die Eltern unseres Autors wuchsen in der Sowjetunion auf. Sie heirateten nach dem sechsten Date. Warum will das eigentlich niemand mehr, fragt er sich.

Menschen treffen sich auf dem Tempelhofer Feld.
Menschen treffen sich auf dem Tempelhofer Feld.Imago

Ich benutze gerne die Umfragefunktion meines Instagram-Accounts, des Mikrokosmos der Generation Y, um Meinungen zu tagesaktuellen Themen zu erfahren und Grundtendenzen herausfinden, zu erspüren, wie Menschen in meinem näheren Umfeld denken.

Überraschenderweise nehmen viele Follower daran teil und verspüren offenkundig das Bedürfnis, ihre Meinung mitzuteilen, wenn man sie fragt. Neu war aber für mich, wie viele Leute antworteten, als ich anfing, sie zu den Themen Beziehung, Intimität und Sexualität auszufragen. Der große Rücklauf brachte mich dazu, selbst mehr über diese Fragen nachzudenken. Ich bin wie die meisten meiner Freunde um die 30 und lebe in Berlin. Was erwarten wir von der Liebe? Wie wollen wir leben? In welchen Beziehungsmodellen fühlen wir uns wohl?

Der berühmte Satz des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“ passt ausgezeichnet zu meinem eigenen Wunsch, nach dem Vorbild meiner Eltern mit Mitte 20 zu heiraten, die Steuerklasse von I auf III zu ändern, kurz darauf ein Kind in die Welt zu setzen und dann bis zu meinem Ende ein glückliches Familienleben zu führen.

Ich bin von diesem Plan nicht grundsätzlich abgewichen, jedoch gibt es einerseits bereits eine sechsjährige Verspätung und andererseits würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass mein Umfeld mich nicht beeinflusst. Ich gehöre zu 17 Millionen Singles in Deutschland. Wir sind mehr als die ADAC-Mitglieder.

Viele haben lange Beziehungen, aber niemand heiratet

Wenn ich meine Mutter zu den Beziehungen (bzw. Nichtbeziehungen) meiner Generation befrage, sagt sie: „Wenn ich mit deinem Vater so lange zusammen gewesen wäre, wie die heutigen Paare, hätte ich ihn definitiv nicht geheiratet.“ Meine Eltern sind in der Sowjetunion aufgewachsen und haben nach ihrem sechsten Treffen geheiratet. Sie gaben mir ihr sowjetische Erbe in Form von Erziehung mit.

Das sowjetische Familienverständnis war im Gegenteil zum Westen weitgehend konservativ, die sexuelle Erziehung minimal, und flüchtige Beziehungen, vor allem von Frauen, waren gesellschaftlich eher verpönt. Der Marxismus-Leninismus hat zwar durchaus progressive Frauenrechte vorgesehen, jedoch blieben Lust und Erotik offenbar im Abseits. Einer sowjetischen Redewendung zufolge gab es im Sozialismus keinen Sex.

Doch auch wenn die Aussage meiner Mutter auf den ersten Blick humoristisch und ein bisschen altbacken klingt, hat sie doch einen wahren Kern. Die obsessive Beschäftigung mit der eigenen Beziehung – als Ziel oder als Prozess – ist in meinem Umfeld weit verbreitet und durchaus mit Problemen behaftet.

Ich hatte bei meiner Instagram-Umfrage gefragt, was das Ziel einer Liebesbeziehung ist, und zwei Optionen zur Auswahl gegeben: heiraten oder einfach weiterhin eine Beziehung führen. Die Mehrheit meiner Follower stimmte fürs Heiraten. Die Frauen noch etwas häufiger als die Männer.

Laut Statistischem Bundesamt hat die Anzahl der Eheschließungen in Deutschland in den letzten Jahren zwar wieder leicht zugenommen, es wird aber immer noch viel seltener geheiratet als früher. In den 1950er-Jahren gab es in Deutschland noch fast zehn Ehe­schließungen pro Jahr je 1000 Einwohner – 2018 waren es fünf.

Tatsächlich ändert sich nicht nur die Einstellung zur klassischen Ehe sondern auch zu Beziehungen und ihren unterschiedlichen Formen. Laut einer Analyse des amerikanischen Pew Research Center leben zwei Prozent der Weltbevölkerung in polygamen Beziehungen. Diese Beziehungen mit mehr als zwei Partnern sind natürlich kein Massenphänomen, aber ihre Zahl nimmt zu. Andere Paare entscheiden sich, vor allem in Berlin, eine offene Beziehung zu führen – und gehen damit auch offen um.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis dominieren aber noch die monogamen Beziehungen, oft bleiben die Paare lange zusammen. Dies kann auch daran liegen, dass meine engen Freunde wie ich eine postsowjetische Erziehung genossen und feste Beziehungen als Modell vorgelebt bekommen haben.

Sind Dating-Apps eine Katastrophe?

Aber meine Freunde heiraten, wenn überhaupt, erst nach vielen oder sehr vielen gemeinsamen Jahren und nicht nach ein paar Treffen, wie unsere Eltern. Bei vielen hat das Warten auch mit ökonomischer Unsicherheit zu tun. Man möchte erst genug verdienen, das Leben geordnet haben. Mit Anfang 30 sind die meisten meiner Freunde in festen Partnerschaften, aber kaum jemand ist verheiratet. Ein Bekannter, der es schon ist, sagte dazu neulich: „Bevor ihr alle verheiratet seid, bin ich zum zweiten Mal geschieden.“

Wenn man keine Beziehung hat, wie lernt man potenzielle (Sex-)Partner kennen? Auch das wollte ich wissen und habe meine Follower auf Instagram gefragt, wie sie zu Dating-Apps stehen. Zwei Optionen standen zur Auswahl: „Ja, super“ und „Katastrophe“. Eine knappe Mehrheit stimmte für eine positive Bewertung von Dating-Apps.

Neun Millionen Menschen nutzen in Deutschland Seiten oder Apps für Onlinedating – ein absolutes Massenphänomen. Auch ich gehöre – als Single – dazu.

Doch die Dating-Apps helfen mir kaum, meine Sehnsucht nach einer Partnerschaft zu stillen. Statistiken bekräftigen meine subjektive Erfahrung, dass die Stabilität von Beziehungen aus Dating-Apps zu wünschen übrig lässt und viele Nutzer sich nicht langfristig binden wollen. Es gibt kaum Verbindlichkeiten, und anstelle eines Menschen trifft man auf ein Profil, was für starke Entfremdung sorgt.

Trotz aller konservativen Werte und Erziehung bekomme ich aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis mit, dass hedonistische und sexpositive Clubs wie das legendäre KitKat an der Heinrich-Heine-Straße, großes Interesse wecken. Paare, die noch vor einigen Jahren solche Partys als pervers oder eklig abgestempelt hätten, fragen mich inzwischen, was man da wohl anzuziehen hätte.

Wir reden in unserer Gesellschaft so viel über Sex. Einige Blogger und Influencerinnen leben davon, in irgendwelchen Podcasts über Vaginas und Penisse zu erzählen oder darüber zu philosophieren, wie der Analsex auf der Clubtoilette in der letzten Woche verlief. Sex ist demnach allgegenwärtig und dadurch weniger spannend geworden. Ich habe meiner Instagram-Community auch diese grundsätzliche Frage gestellt: Hat (guter) Sex jemals eine Beziehung gerettet? Die Antwort fiel am eindeutigsten von allen aus: Nein.

Alkoholfreies Bier, Soja-Pattys mit Fleischgeschmack oder Sex ohne Liebe: Kann man alles machen, wird alles gemacht. Für mich persönlich geht es am Wesen der Sache vorbei. Natürlich kann man da völlig anderer Meinung sein. In meinen unzähligen Gesprächen zu diesem Thema haben aber selbst die größten Verfechter offener Beziehungen, eines freizügigen Lebensstils und großer sexueller Experimentierlust zugegeben, dass ihnen wirkliche menschliche Nähe und Intimität oft fehlen.

Sex ist eben mehr als in überteuerten knappen Klamotten in Clubs zu gehen oder seine Partner bei Tinder öfter zu wechseln als seine Socken.

Der Autor Michael Groys arbeitet als Politikberater in Berlin.

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