Berlin - Die regionale Bauwirtschaft schlägt auf der Grundlage einer neuen Studie Alarm: Die „Schulbauoffensive“, eines der zentralen Projekte des rot-rot-grünen Senats, werde deutlich teurer und dauere länger. „Die bisherige Kostenkalkulation ist eine Milchmädchenrechnung des Senats“, sagte Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer.

Statt der ursprünglich kommunizierten 5,5 Milliarden Euro werde der Neubau und die Sanierung der vielen Gebäude mindestens 7,9 Milliarden Euro kosten. Das liege vor allem an den steigenden Baukosten und den Nachträgen, die Firmen nachträglich geltend machen. Und weil die öffentliche Hand an ihre Kapazitätsgrenzen stoße, werde die größte Infrastrukturmaßnahme in dieser Wahlperiode auch deutlich länger dauern. In den letzten Jahren des Schulbauprogrammes würden somit bereits weitere Ausgaben für Sanierung und Instandhaltung anfallen.

Große Hürden für die kleinen Firmen

Allerdings geht auch der Senat längst davon aus, dass die „Schulbauoffensive“ deutlich teurer wird.

Zudem bemängeln Handwerkskammer und Fachgemeinschaft Bau Berlin Brandenburg, dass die kleinen und mittelständischen Baufirmen in der Region vom Schulneubau viel zu wenig profitieren. Es würde in zu großen Losen ausgeschrieben. „Davon haben vor allem richtig große Baukonzerne etwas davon, die dann als Generalunternehmer agieren“, sagte Klaus-Dieter Müller, Präsident der Fachgemeinschaft Bau. Die von Handwerkskammer und FG Bau bei der Firma regioconsult in Auftrag gegebene Studie warnt auch davor, dass die Generalunternehmen der regionalen Bauwirtschaft die besten Mitarbeiter abwerben würden.

Tatsächlich hatte sich der Senat dazu entschlossen, die Neubauten in serieller Typenbauweise mit Hilfe von Generalunternehmern zu realisieren. „Die regionale Bauwirtschaft wird durch diese Losgrößen diskriminiert“, sagte Stephan Schwarz. Das serielle Bauen könnten nur wenige große, umsatzstarke Unternehmen umsetzen.

Kein Bieter für Holzbauten

Schwarz erinnerte daran, dass sich zuletzt für die 27 Kitas, die in serieller Holzbauweise gebaut werden sollen, kein einziger Bieter fand. Rückblickend hätten sich die regionalen Baufirmen offenbar gewünscht, dass jeder Schulneubau einzeln ausgeschrieben werde. Dafür hatte sich auch die Berliner Architektenkammer stark gemacht.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt: Bei öffentlichen Bauaufträgen in Berlin seien die Vergabevorschriften mittlerweile viel zu strikt und zu detailliert. Das schrecke viele kleinere und mittlere Firmen ab. Laut einer Umfrage der FG Bau bewerben sich nur noch 57 Prozent der Berliner Betriebe um öffentliche Aufträge, in Brandenburg bewerben sich mit 69 Prozent mehr als zwei Drittel der Betriebe, wenn die öffentliche Hand baut. „Wir haben es in Berlin mit einer Erosion des öffentlichen Auftragswesens zu tun“, sagte Schwarz. Eine Firma müsste zum Beispiel gezielte Frauenförderung nachweisen. „Frauenförderung ist im männlich geprägten Hochbau aber sehr schwierig“, merkte Klaus-Dieter Müller leicht süffisant an. Angesichts der guten Auftragslage würden schreckten viele Firmen inzwischen davor zurück, sich auf öffentliche Ausschreibungen zu bewerben.

Laut der regioconsult-Studie ist zudem die Unterausstattung der Bauabteilungen mittlerweile dramatisch. Zwar seien 40 zusätzliche Stellen beschlossen, sagte Uwe Luipold von regioconsult. „Legt man beispielsweise für die Hauptverwaltungen den bewältigten Umsatz je Mitarbeiter aus dem Jahr 2017 zugrunde, ergibt sich bis 2021 ein rechnerisches Defizit von 600 Stellen.“ Es zeichnet sich, dass sich die regionalen Baufirmen verstärkt der Schulsanierung zuwenden werden. Von dem eingeplanten Geld ist im Rahmen der „Schulbauoffensive“ nahezu die Hälfte für Sanierungen vorgesehen. Darunter auch viele „Großschadensfälle“. Denn seit der Jahrtausendwende ist zu wenig in die bauliche Unterhaltung der Schulen investiert worden. Das rächt sich jetzt.

Handwerkskammerpräsident Schwarz prägte dann noch einen ungewohnten Begriff: Er forderte ein Private Public Commitment. Eine private-öffentliche Verpflichtung für die Schulbauten.