Berliner und die Energiekrise: „Und, schon die Heizung an?“

Unsere Kolumnistin hat der Ehrgeiz gepackt. Sie will die Energiekonzerne überlisten. Und stellt fest, dass sie im Heizwettbewerb einen leichten Vorteil hat.

Die Energiepreise steigen: Heizen wird im Winter zum Luxusgut. Voll aufdrehen wird für viele Menschen in diesem Jahr nicht möglich sein. 
Die Energiepreise steigen: Heizen wird im Winter zum Luxusgut. Voll aufdrehen wird für viele Menschen in diesem Jahr nicht möglich sein. imago/Westend61

Ich hatte mal eine Kollegin, die bis mindestens Ende Oktober keine Socken trug. Sie kam jeden Morgen mit Designer-Slippern ins Büro und weigerte sich, Nylonstrümpfe darunter zu tragen. Sie verachtete Strümpfe aller Art und erklärte, nicht zu frieren.

Die Kollegin war älter als ich und neben mir die Einzige in der Redaktion, die schon Kinder hatte. Sie hatte drei, ich eins. Es waren die Neunziger, es war West-Berlin, damals blieben die meisten Mütter mit ihren Kindern zu Hause, bis sie zur Schule kamen oder an die Universität gingen. Die Kollegin war immer gut gelaunt, brachte selbstgebackenen Kuchen mit und gab mir Tipps, wie man ein Au-pair-Mädchen findet. Sie war meine Verbündete, mein role model. Später beriet sie die Kanzlerin.

Jetzt, da sich der Oktober dem Ende neigt, muss ich wieder an die Kollegin denken. Sie trug keine Strümpfe, ich lasse die Heizung aus. Wegen der Energiekrise, aber auch weil ich wissen will, wie lange ich durchhalte. Es ist wie ein Wettbewerb mit mir selbst. Und mit den anderen.

Wie in der DDR: Oben Zwischenboden, unten Auslegeware

„Und, schon die Heizung an?“, ist die meist gestellte Frage in diesen Tagen. Eine Nachbarin steht morgens um sechs auf, dreht schnell die Heizung an, macht Frühstück, duscht, dreht die Heizung wieder aus. Eine Bekannte heizt mit Radiator, eine Freundin trägt Skiunterwäsche, eine andere überlegt, eine zweite Ebene in ihr Zimmer einzuziehen. Wie zu DDR-Zeiten, als in fast jeder Altberliner Wohnung der Stuck an der Decke unter sogenannten Zwischenböden verschwand, gerne holzvertäfelt. Ich dachte immer, das sei eine Modeerscheinung gewesen – oben Zwischenboden, unten Auslegeware – erst jetzt verstehe ich, dass es mit der Wärme zu tun hat, die sich in niedrigen Räumen besser staut.

Ich verstehe einiges besser seit der Energiekrise. Ich weiß zum Beispiel, dass es früher verboten war, in der eigenen Wohnung Wäsche zu waschen und zu trocknen, wegen der Schimmelgefahr. Die Wäsche sollte im Dachboden erledigt werden. Später wurden Wäschehäuser gebaut. In dem Lichtenberger Bauhauskomplex, in dem ich aufwuchs, gab es so ein Wäschehaus. Ich rieche noch den Seifengeruch und sehe die Frauen mit ihren Kopftüchern an den Mangeln stehen.

Das Wäschehaus in Lichtenberg ist weg, Wäscheböden sind rar geworden. In die Dächer wurden Wohnungen gebaut. Ich schreibe das mit schlechtem Gewissen, denn ich lebe in so einer Wohnung. Oben, wo die Sonne länger scheint und die Fenster größer sind. Ein Vorteil im Heizwettbewerb, ganz klar.

Der New Yorker Freund hört verwundert zu

Morgens ziehe ich einen Pullover an, aber spätestens um die Mittagszeit wird es warm bei uns. Mein Mann trägt kurze Hosen, ich sitze im T-Shirt am Schreibtisch. Unserem Sohn, der mit seiner Freundin im Altbau wohnt, erster Stock, Nordseite, habe ich angeboten, seine Wäsche bei uns abzugeben. Als die Mutter seiner Freundin, eine Engländerin, letztes Wochenende zu Besuch kam und die hohen Decken sah, hat sie vorgeschlagen, Zwischenböden einzuziehen. In London lassen sie auch noch die Heizung aus, hat sie gesagt. Ein Freund aus New York, der ebenfalls gerade zu Besuch war, hat verwundert zugehört. Als wären wir Aliens. Wir Europäer mit unseren Krisen.

Ich merke, wie mich immer mehr der Ehrgeiz packt, die Energiekonzerne mit ihren hohen Preisen zu überlisten, durchzuhalten, solange es geht. Vor ein paar Tagen waren mein Mann und ich in einem Brandenburger See baden – Ende Oktober, so spät wie noch nie.