Berliner Unterwelten-Verein: DDR-Fluchttunnel unter der Bernauer Straße wiederentdeckt

Er sollte für 17 DDR-Bürgern der Weg in die Freiheit werden. Der letzte Fluchttunnel in Berlin, der in den Jahren 1970 und 1971 unter der Bernauer Straße gegraben wurde. Es fehlten nur noch zehn Meter, dann hätten die Frauen, Männer und Kinder vom Ost-Berliner in den West-Berliner Teil der Brunnenstraße fliehen können.

Doch der Tunnelbau, der bis zu zehn Metern unterhalb von Todesstreifen und Mauer lag, wurde kurz vor der Fertigstellung von der Stasi aufgespürt. Die Geschichte dieser gescheiterten Flucht vor 46 Jahren ist heute längst in Vergessenheit geraten. Doch nun hat der Verein Berliner Unterwelten e.V. durch einen Zufall den letzten Berliner Fluchttunnel wiederentdeckt.

Ausgerechnet die Planungen für einen neuen Tunnelbau an der Brunnenstraße führte den Verein auf die historische Spur. „Seit Jahren haben wir vor, auf dem Gelände der ehemaligen Oswald-Brauerei an der Brunnenstraße 143 einen unterirdischen Gang für Besucher zum Nachbarhaus zu legen, um die Geschichte der Tunnelfluchten zu erzählen“, sagte Dietmar Arnold, der Chef der Berliner Unterwelten.

Fluchthelfer lieferten Unterlagen

Nach dem das Vorhaben genehmigt wurde, begannen in diesem Jahr erste Probebohrungen im Brauerei-Gewölbe. „Durch moderne Laser-Messungen entdeckten wir einen Hohlraum und stießen so auf den Fluchttunnel“, sagte Arnold. „Anhand von Unterlagen wussten wir ja längst von seiner Existenz.“

Die Dokumente lieferten Hasso Herschel und Ulrich Pfeifer. Die beidenWest-Berliner waren als Fluchthelfer damals am Tunnelbau beteiligt. Initiator war Herschel. „1970 sollten wir helfen, wieder Menschen aus der DDR in den Westen zu bringen“, berichtete er.

„Für uns schien ein Tunnel an der Bernauer Straße die beste Lösung. Ich dachte damals, jetzt hat ja lange keiner mehr einen Tunnel dort gebaut und die DDR rechnet nicht damit, dass das noch mal gemacht wird.“

Sieben Freunde graben Fluchttunnel

Die Gegend um die Mauer an der Bernauer Straße war in den 1960er-Jahren ein Brennpunkt für Tunnel-fluchten von Ost- nach West-Berlin. Auf einer Streckenlänge von nur 350 Metern wurden die Grenzsperranlagen dort insgesamt siebenmal untertunnelt. Historiker schätzen, dass es in Berlin insgesamt 75 Tunnel-Projekte gab. Demnach konnten etwa 300 DDR-Bürger so in den Westen flüchten.

Erfolgreich sollte auch der Tunnel sein, den Herschel mit sechs Freunden Ende 1970 anfing zu graben. Die Vermessungen führte Fluchthelfer Ulrich Pfeifer durch. Ein Bauingenieur. 115 Meter lang und 90 Zentimeter hoch sollte der unterirdische Gang sein, der vom Mietshaus Brunnenstraße 137 im Westteil unterhalb der Bernauer Straße zur Brunnenstraße 141 im Ostteil führen sollte. „Von dort sollte die Flucht beginnen“, sagte Pfeifer.

Mit den Grabungen wurde Ende 1970 in der Brunnenstraße 137 begonnen. „So etwa neun Wochen verbrachten wir bis zu neun Meter tief unter der Erde“, sagte Initiator Herschel. „Wir gruben nicht nur, wir lebten auch in dieser ganzen Zeit in dem Gang.

„Es war klar, man hatte uns entdeckt.“

Denn aus Sicherheitsgründen durfte niemand von uns die Baustelle verlassen.“ Die Arbeiten gingen zügig voran. Bis auf zehn Meter kamen die Fluchthelfer im Februar 1971 an ihr Ziel heran. Doch dann mussten sie plötzlich aus dem Tunnel heraus.

„Ein Bagger der Grenztruppen war auf dem Todesstreifen aufgetaucht, wühlte genau dort in der Erde, wo wir mit unserem Tunnel waren“, berichtete Herschel. „Es war klar, man hatte uns entdeckt.“

Aus Stasi-Akten wissen Herschel und Pfeifer heute, dass ihr Unternehmen wohl von einem IM-Spitzel im Umfeld der Fluchthelfer verraten wurde. „Außerdem hatten die DDR-Grenztruppen im Erdreich im Bereich des Todesstreifens an der Bernauer Straße ein Mikrofonsystem eingebaut, um mögliche neue Grabungen an Fluchttunneln aufzudecken“, erklärte der Berliner-Unterwelten-Chef Dietmar Arnold.

200.000 Euro Baukosten

Dieser will nun mit seinem Besuchertunnel-Projekt Berlinern und Touristen den letzten Fluchttunnel zeigen. In sieben Metern Tiefe soll der 30 Meter lange, 150 Meter breite und zwei Meter hohe unterirdische Gang des Vereins unter der einstigen Oswald-Brauerei quasi als Rundgang zur benachbarten Brunnenstraße 141 führen.

„Dabei kommen wir auch an den Fluchttunnel heran, der nach seiner Entdeckung von der Stasi und den Grenztruppen mit Beton fast komplett zugefüllt wurde“, sagte Arnold. „Dort, wo der neue auf den historischen Tunnel trifft, werden Besucher durch eine Scheibe in die düstere Stille des verratenen Tunnels blicken können.“

Mit den Grabungen soll ab der kommenden Woche begonnen werden. Zwei Baufirmen werden die Vereinsmitglieder bei ihrer Arbeit unterstützen, die Gänge mit 360 Betonplatten abstützen. Die Baukosten betragen 200.000 Euro. Im Sommer 2018 soll der Tunnel fertig sein.