So wollten die Demonstranten am Sonnabend die Berliner Ravekultur retten: ohne Abstand, senza Mundschutz. Nicht nur das ärgert unseren Autoren.
Foto: imago images/Travel-Stock-Image

BerlinIn Venedig hätte am vergangenen Pfingstsonntag die weltgrößte Regatta für mit Händen oder Füßen bewegte Wasserfahrzeuge stattfinden sollen. Die Voga Longa. Ein lustiger Wettbewerb für alle, einmal ohne Hast um die nördliche Lagune herumgepaddelt und dann durch den herrlichen Canal Grande. Tausende von Menschen in schlanken Eskimokajaks, Ruder-, Falt- oder Drachenbooten, Galeeren und selbstverständlich Gondeln aller Art. Ein einzigartiger Klang, wenn ihre Paddel beim Start vor San Giorgio Maggiore gleichzeitig ins Wasser hauen.

Doch diesmal wurde die Voga Longa von dem Veranstalterverein abgesagt. Frei zitiert: Wir können die Abstände nicht garantieren – in den Straßen, an den Ufern, auf dem Wasser, in der Lagune.  Wir wollen die Menschen in den Krankenhäusern, die Alten und die Behinderten vor Corona schützen. Wir wollen ein gutes Beispiel sein. Kurz: Die Voga Longa nahm Rücksicht auf die Schutzbedürftigen, übte sich in Bescheidenheit. Sie zeigte all das, was den Berliner Rave-Demo-Anmeldern fehlte, als sie vor einigen Tagen auf Schlauchbooten durch die Stadt wummerten, was den hysterischen „Hygiene“-Demonstranten vor der Volksbühne fehlt, was den sich vielzahlig im Mauerpark, im Tiergarten, im Volkspark Friedrichshain, im Görlitzer Park, am Tegeler Hafen oder auf den Wiesen rund um die Seen in Zehlendorf Versammelnden fehlt: Anstand und Bürgerreife.

Wir sind ja so cool, uns kann keiner was vorschreiben

Dass der Berliner Rave vor einem Krankenhaus endete, war kein Versehen. Das war geplant, auch wenn die Sache dann aus dem Ruder lief. Aber der Ort war ehrlich gewählt: Die Teilnehmer solcher Veranstaltungen sind überwiegend jung und fühlen sich stark, erhaben über all die Masken-Memmen und Abstandhalter. Sie setzen ihr unbezweifeltes Meinungsrecht – die Behauptung, irgendetwas dürfte in Deutschland nicht gesagt werden, ist wohl eine der übelsten Fake News überhaupt! – und ihre Vergnügungslust auch auf Kosten der Gesundheit von anderen durch. Wozu Abstand, wozu Maske? Wir sind ja so cool, uns kann keiner was vorschreiben. Wozu Rücksicht auf Alte, Kranke, Diabetiker, Asthmatiker, Krebs- und MS-Kranke, auf Arme, Obdachlose, Flüchtlinge und ausgebeutete, erschöpfte Putzkräfte oder Kinderhütende ohne Lobby und staatliche Hilfsgelder nehmen. Lasst es wummern, wir sind die Zukunft.

Dass es in Italien, in Venedig, solche Demos nicht gibt, hat einen einfachen Grund: Dort weiß inzwischen jeder aus dem engsten Familien- und Freundeskreis, was Covid-19 bedeutet. In Deutschland konnte eine solche Katastrophe bisher verhindert werden, weil die meisten Menschen Rücksicht nehmen und vorsichtig sind. Aber wegen der, Pardon, wenigen, dafür aber besonders lautstarken Maskenfeinde, Näherkommer, Raver, Anti-Hygieniker und Partyfreunde sind die Berliner Ansteckungszahlen nach zwei Wochen Öffnungspolitik wieder gestiegen. Nur noch Schwerst- und Todkranke dürfen in den Krankenhäusern von ihren Familienangehörigen besucht werden. Danke auch dafür, ihr schamlosen Egoisten – die ihr euch tanzend darauf verlasst, dass genau die, die ihr der Ansteckung aussetzt, eure Heilung finanzieren werden, falls ihr doch an Covid-19 erkrankt. Fröhliches Wochenende wünsche ich. Bleibt mir bloß vom Leib.