Hamburg/Berlin - Was für ein Pensum! Am Montag Nordrhein-Westfalen, am Dienstag Trier, dann Brüssel und Saarbrücken. Wanja Kilber ist derzeit viel unterwegs, seine Expertise zur Lage der Menschenrechte in Russland, insbesondere die der Homosexuellen, ist gefragt. An Universitäten, in Schwulengruppen und bis hin zum Menschenrechtsausschuss des Europaparlaments klärt der Aktivist auf über Diskriminierung und Verfolgung.

Kilbers Engagement ist noch wichtiger geworden, seit Russlands Regierung im Juni 2013 ein Gesetz verabschiedet hat, das jedes öffentliche Reden über Homosexualität im Beisein von Minderjährigen verbietet und unter Strafe stellt. Der 33-Jährige und seine Mitstreiter, organisiert bei Quarteera, einem Berliner Zusammenschluss russischsprachiger Lesben und Schwuler, Bi- und Transsexueller in Deutschland, organisieren von hier aus Protest gegen dieses sogenannte „Propagandagesetz“ – vor allem jetzt, im Vorfeld zu den Olympischen Winterspielen. An diesem Sonnabend ist Quarteera Mitveranstalter einer Tagung im Roten Rathaus, „Gold For Equal Rights“.

Wanja Kilber, der in Hamburg lebt, wirkt auf den ersten Blick sehr verletzlich, so schmal, wie er ist, und blickt wie aus großen Kinderaugen in die Welt. Doch das ist vergessen, sobald er zu reden beginnt. Sein Deutsch ist fehlerfrei, nur der Akzent verweist auf seine kasachische Herkunft. Er weiß, wovon er spricht, so oft hat er es schon getan, und doch bringt er eine Leidenschaft in sein Reden, als kämen Wut und Engagement zum ersten Mal zusammen.

Der Schoß der Kirche

Wie wird so einer zum Schwulenaktivisten in einem anderen Land, weit entfernt von Rudny, seiner Geburtsstadt im Norden von Kasachstan? „Das war die tiefste Provinz“, erzählt er, „wir wohnten am Stadtrand, vom Kinderzimmer blickte ich in die Weiten der Steppe.“ Er war elf, als er, wie Kilber sagt, „merkte, dass mit mir was nicht stimmt.“ Er schlug nach in der russischen Enzyklopädie, Stichwort Homosexualität. Da stand: Erstens ist es eine Krankheit, zweitens ein Überbleibsel des kapitalistischen Wertesystems und drittens ein Tatbestand, für den es bis zu fünf Jahren Haft gibt. „Da musste ich also in meinem Kopf zusammenbringen, dass ich krank bin, ins Gefängnis gehöre und ein kapitalistisches Rudiment bin, nur weil ich mich in einen Klassenkameraden verliebt hatte.“

Wanja Kilber ist 16, als seine Eltern auswandern. Sein Vater ist deutscher Abstammung, sie ziehen nach Nordrhein-Westfalen, wo Verwandte wohnen. Der Jugendliche nutzt den Neuanfang für sein Coming-out: Zum Weihnachtsfest offenbart er sich der Familie, dann fällt er in Ohnmacht: „Ich war schon immer ein sentimentaler Junge.“ Die Zweifel an seiner Homosexualität bleiben, die Lektüre der Enzyklopädie zeigt ihre Folgen, ebenso die Erfahrungen aus den Straßen von Rudny: „Da war Schwuchtel nicht nur ein Schimpfwort, das war ein Todesurteil.“

Kilber macht einen Rückzieher, sieht sich als Sünder und flüchtet in den Schoß der russisch-orthodoxen Kirche: „Die umgab etwas Geheimnisvolles, dazu der Dunst von Weihrauch. Ich sehnte mich wohl im protestantischen Deutschland nach dem Mysteriösen, weil ich nirgends ein Zuhause finden konnte.“

Die wirkliche Wende kommt erst, als er zum Studium nach Düsseldorf zieht – und seine große Liebe kennenlernt, einen Philosophiestudenten, mit dem er fünf Jahre zusammenlebt. Währenddessen, erzählt Wanja Kilber, habe auch sein Vater „die Phase überwunden, dass er Herztabletten schlucken musste, sobald die Rede auf Homosexualität kam. Da saß er nun mit meinem Freund, und die beiden machten Skizzen für unsere neue Kücheneinrichtung.“

„Vereint in ihrem Hass auf die Schwuchteln“

Aus den besorgten Eltern werden Vorzeigeaktivisten, und als Kilber in einer Liveschaltung aus Deutschland in einer russischen Talkshow auftritt, sitzt seine Mutter mit dabei und hält ein flammendes Plädoyer, ganz im Sinne ihres Sohnes. „Der Weg meiner Eltern“, sagt der, „ist ein Beweis dafür, dass Reden hilft und Offenheit. Dafür, dass Russland nicht verloren ist.“

Aber es gibt auch für ihn diese Momente, wo selbst das Reden vergeblich scheint. Wie an diesem nebelverhangenen Abend des 23. November 2013. Das rechtspopulistische Blatt Compact hat zu einer Konferenz nach Schkeuditz bei Leipzig geladen, Thema: „Für die Zukunft der Familie“. Unter den Rednern ist die Duma-Abgeordnete Elena Misulina, Mitverfasserin des berüchtigten Propaganda-Paragrafen. Für Wanja Kilber eine Provokation, er kann nicht glauben, dass sie ihre homophoben Thesen auch in Deutschland öffentlich vertreten darf. Den ganzen Tag sitzt er in der Kongresshalle, erträgt Hetzreden gegen Minderheiten und hört den Beifall der 600 Besucher.

Als der Gast aus Moskau die Bühne betritt, hält es ihn nicht mehr auf seinem Platz. Er stürmt mit einer Regenbogenflagge nach vorne, seine Hände rot bemalt. „Misulina hat Blut an den Händen“, ruft er auf Deutsch und Russisch in den Saal, „Blut von getöteten Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Russland.“ Unbeirrt redet Elena Misulina weiter, Wanja Kilber wird von der Security abgeführt. „Nein, ich habe keine Angst gehabt in dem Moment“, erinnert er sich, „nur vor dieser applaudierenden Masse im Saal. Ich wusste nicht, welchen Teil der deutschen Bevölkerung sie repräsentieren. Das hat mir wirklich Angst gemacht.“

Dass die Regierungspolitik in Russland die Homosexuellenfeindlichkeit für sich entdeckt hat, ist für Wanja Kilber nicht weiter verwunderlich. In einem Land, das keinerlei Sexualaufklärung kennt und in dem die sexualitätsfeindliche orthodoxe Kirche einen bestimmenden Platz hat in der Gesellschaft, sei es ein Leichtes, die Bevölkerung gegen jene aufzuwiegeln, die anders leben, anders fühlen: „Da stehen der Neo-Nazi, die Babuschka mit Ikone und der Otto-Normalrusse vereint in ihrem Hass auf die Schwuchteln nebeneinander.“

Sotschi als Bewährungsprobe

Aber Wanja Kilber hat noch eine andere Erklärung für die Verachtung homosexueller Männer. „Das Gefängnis- und Straflagerleben, auch der Militärdienst, haben schon zu Sowjetzeiten, aber auch heute in Russland, eine Art Paralleluniversum geschaffen, mit dem ein Drittel der männlichen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens in Berührung gekommen ist.“ Sie hätten da ein Wertesystem kennengelernt, einem Kastensystem ähnlich, mit den Unberührbaren als unterster Kaste. Männer, die vergewaltigt worden sind und mit denen man deshalb nicht reden und ihnen nicht die Hand geben dürfe. „Wenn du eine solchen Mann berührst, machst du dich selbst zum Unberührbaren. Den Quantensprung von einem Mann zu einem Nichts schaffst du in Sekunden.“

Was für eine bitterböse Ironie. Erst jetzt, nachdem das Anti-Homosexuellen-Gesetz die Stimmung verschärft hat, wird über Homosexualität geredet. Selbsthilfegruppen bilden sich, um der Staatspropaganda ein Schnippchen zu schlagen; in den Medien, die noch unabhängig sind, wird diskutiert in einem Ausmaß, das vor ein paar Jahren noch nicht vorstellbar war. „Durch das neue Gesetz wurde Homophobie sichtbar, und man kann nur über etwas reden, was man sieht“, sagt Kilber.

Für ihn und die anderen Aktivisten sind die Winterspiele in Sotschi eine Bewährungsprobe. Wird es Putin gelingen, sich und sein Land als modern und tolerant darzustellen? Die Menschenrechtslage wurde im Vorfeld weltweit kritisiert. Kann der Präsident dagegenhalten, ohne seine Positionen aufzugeben? Kilber hofft auf die kleinen Zeichen und Aktionen inmitten der Propagandashow: „Man muss in Sotschi die Gelegenheit nutzen und Partei ergreifen für die Millionen Homosexuellen, die in Russland mundtot gemacht werden.“

Damit der Protest auch in Deutschland gehört wird, rufen die Mitglieder von Quarteera auf zu Demonstrationen in Hamburg, München und Wiesbaden. Und sie werden dabei sein, wenn am 7. Februar zum Start der Olympischen Spiele in Sotschi am Potsdamer Platz die „Rainbow Flame“ entzündet wird, ein buntes Feuer, das während der gesamten Spiele brennen soll, Tag und Nacht, begleitet von einer Mahnwache.

Kraft der Offenheit und des Gesprächs

Wanja Kilber ist im Hauptberuf Bühnenbildner und Figurenmacher für Schattentheater. Mit Märchen- und Poesieprogrammen geht er in Schulen und Altenheime, gerade arbeitet er an den Figuren für die Geschichte vom kleinen Prinzen nach Antoine de Saint-Exupéry. Seine berufliche Welt ist die der Fantasie und Träumerei – das Gegenteil von den harten politischen Auseinandersetzungen, die er führt. Woher er die Kraft dafür nimmt? „Ich habe eine starke, fast greifbare Vorstellung davon, was Russland einmal sein wird in ein paar Jahren“, erklärt er. „Eine Vorstellung, die sich aus den vielen Reisen nach Russland speist und aus den Begegnungen mit den wunderbarsten Menschen dort.“

Diese Menschen, sagt er, „sind aufgeklärt und wissensdurstig, human, gebildet und kultiviert. Ihr Widerstand ist groß und sie haben ihre eigene Kraft erkannt.“ Und dann erzählt er noch von seiner Tante, die in einer Kleinstadt im Uralgebirge lebt. Wie lange hat er mit ihr geredet und diskutiert darüber, dass er schwul ist! Bis sie ihn verstanden, ein Mitgefühl entwickelt hat. „Das ist einer der Gründe dafür, dass ich geworden bin, was ich bin, ein Aktivist. Ich habe die Verbitterung über die verpassten Chancen in meiner Jugend erlebt, aber auch die Kraft der Offenheit und des Gesprächs.“