Berlin - Es könnte ein streikreiches Jahr werden. Fahrgäste der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) müssen ebenfalls mit Arbeitsniederlegungen rechnen – wenn auch aus einem anderen Anlass als im Falle des Ausstands an den Schulen. Weil die Verhandlungen über den künftigen Manteltarifvertrag für den Berliner Nahverkehr nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi bislang nicht vorangehen, hat Verhandlungsführer Frank Bäsler am Montag mit einer Eskalation des Streits gedroht.

„Wir fordern den Kommunalen Arbeitgeberverband auf, endlich konkrete und verhandelbare Vorschläge vorzulegen“, sagte Bäsler der Berliner Zeitung. „Sollte das bis zur Verhandlung am 19. März nicht passieren, muss er mit Aktionen rechnen.“ Dazu könnte ein Warnstreik gehören, bei dem Busse und Bahnen der BVG stundenlang stillstehen. „Spaß macht uns so etwas nicht“, gestand der Gewerkschafter ein. „Aber wir und unsere Kollegen fühlen uns nicht ernst genommen.“

Kürzer arbeiten, mehr verdienen

Während der Warnstreik der Pädagogen Teil des bundesweiten Tarifstreits um eine bessere Bezahlung im öffentlichen Dienst war, geht es bei der BVG derzeit nicht um Löhne und Gehälter – noch nicht. Ein Manteltarifvertrag regelt andere wichtige Dinge, zum Beispiel die Arbeitszeit, den Urlaub und Zulagen zum Lohn. Am heutigen Dienstag verhandeln Bäsler und seine Mitstreiter zum fünften Mal mit dem Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) über eine Fortschreibung der gekündigten Vereinbarung – mit möglichst vielen Verbesserungen.

So fordert Verdi, dass alle Auszubildenden nach bestandener Prüfung unbefristet übernommen werden. Beschäftigte, die erst seit einigen Jahren bei der BVG tätig sind, sollen statt 39 nur 38 Stunden pro Woche arbeiten – bei vollem Lohnausgleich. Zulagen sollen steigen. Außerdem müsse die BVG dem demografischen Wandel Rechnung tragen, so Bäsler. Auch bei ihr steige der Anteil der Älteren. Damit sie länger als Fahrer arbeiten können und seltener krank werden, sollen Belastungen ermittelt und verringert werden. Dabei müsse es um Wende- und Pausenzeiten gehen, aber auch um lange und geteilte Dienstschichten, die besonders stressig seien.

„Zulasten der Bevölkerung“

Erste Rechnungen des Arbeitgeberverbands gehen davon aus, dass die Verdi-Forderungen die mit mehr als 800 Millionen Euro verschuldete BVG mit 24 Millionen Euro belasten würden – jährlich. Das sei unfinanzierbar, sagte KAV-Sprecherin Silke Leicht-Gilles. „Es ist einfach kein Geld da.“ Ein Verhandlungsergebnis sei nur denkbar, wenn es für das Landesunternehmen kostenneutral ausfalle. Für jede Verbesserung müsse anderswo gespart werden.

Über die meisten Verdi-Forderungen wollten die Arbeitgeber bisher nicht einmal sprechen, klagte Frank Bäsler. Stattdessen hätten sie einen eigenen Forderungskatalog präsentiert, der Verschlechterungen vorsehe. So sollen viele BVG-Beschäftigte für Nachtarbeit geringere Zuschläge bekommen. Auch sollen die Arbeitsbedingungen des Fahrpersonals neu geregelt werden.

Konflikte könnte sich ausweiten

Zuletzt hatte Verdi vor einem Jahr zu einem Warnstreik aufgerufen. Am 18. Februar 2012, einem Sonnabend, standen Busse und Bahnen 15 Stunden lang still. Ein Ausstand an einem Wochenendtag, der nicht so viele Berufstätige träfe, wäre kurz nach dem 19. März denkbar, hieß es.

Der KAV zeigte sich erstaunt über die drohende Eskalation. „Wir hatten bisher den Eindruck, dass die Verhandlungen in einer sachlichen Atmosphäre vorangehen“, sagte Silke Leicht-Gilles. „Streiks gehen immer zulasten der Bevölkerung.“

Inzwischen droht eine Ausdehnung des Konflikts. „Wahrscheinlich werden wir Mitte März auch die Entgelttabelle kündigen“, sagte Bäsler. Dann geht es auch bei der BVG um höhere Löhne und Gehälter. Verdi will dort ebenfalls einen Aufschlag von 6,5 Prozent fordern.