Der Moskauer Exilant Edward Snowden ist der bekannteste Informant (englisch: Whistleblower) der Welt. So einen wie Edward Snowden hätte er auch gerne, sagt Christoph Partsch: „Einen Whistleblower.“ Ein großes Wort.

Christoph Partsch nimmt Hinweise und Klagen von Berliner Informanten entgegen. Bei Partsch geht es freilich nicht um allmächtige und deshalb unheimliche Geheimdienste, sondern um alltägliche gesellschaftliche Übel, die zwar menschlich sind, deren Zurückdrängen aber doch von allgemeinem Interesse ist: Korruption, Vorteilsnahme, Bestechung. Partsch ist seit drei Jahren unabhängiger Vertrauensanwalt des Landes Berlin, „ein lebender Briefkasten“, wie Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) sagt.

Informant oder Wichtigtuer?

Bei Vertrauensanwalt Partsch kann man sich melden, auch anonym, wenn man etwa weiß, dass ein Konkurrent bei einer Auftragsvergabe ungerechtfertigt bevorzugt wurde – und der Sachbearbeiter hält danach Freikarten für ein Konzert in der Hand.

Oder wenn man weiß, dass Nachbar XY mehr Sozialleistungen erhält als man selber, obwohl man identische Ansprüche hat. Oder wenn man weiß, dass Kollegin Z aus dem Bürgeramt um die Ecke immer mal für ganz normales Behördenhandeln zum Essen eingeladen wird. Und all diese Vorwürfe im besten Fall auch belegen kann. Partsch leitet die Information dann an die entsprechenden Behörden weiter – im Zweifel auch an die Staatsanwaltschaft, die bei einem Anfangsverdacht Ermittlungen aufnimmt.

Schwierig wird es für den Vertrauensanwalt immer dann, wenn ein Informant doch nur ein missgünstiger Wichtigtuer ist oder einfach unrecht hat. Er könne nicht sagen, wie viele Informanten bewusst oder unbewusst Fehlmeldungen an ihn adressierten, aber es seien viele, sagt Partsch. Er selbst sieht sich in einer „sehr großen Filterfunktion“.

Dabei gibt es in wenigen Kriminalfeldern ein so großes Dunkelfeld wie bei der Korruption. „Das liegt daran, dass es fast nur Täter gibt, kaum Opfer. Und die Täter sagen von sich aus alle gar nichts“, sagt Oberstaatsanwalt Rüdiger Reiff, der in Berlin die Zentralstelle für Korruptionsbekämpfung leitet.

Zwei bis drei Kontakte pro Tag

Wie groß das Dunkelfeld ist, mögen die geringen Fallzahlen belegen. So gab es nach Reiffs Angaben voriges Jahr vor Berliner Gerichten 19 Hauptverhandlungen mit Korruptionsbezug. 7 Angeklagte wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, 15 erhielten Geldstrafen. Für dieses Jahr sind ähnliche Zahlen zu erwarten. Kaum vorstellbar, dass sie auch nur entfernt die Realität in einer 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt korrekt widerspiegeln. „Deshalb ist das Amt eines Vertrauensanwalts wichtig. Wir erhoffen uns mehr Informationen und belastbare Hinweisgeber, gerne auch anonym“, sagt Reiff.

Einen Edward Snowden hat Partsch in seiner Zeit als Vertrauensanwalt wahrscheinlich noch nicht angetroffen – und wenn, dann würde er es nicht sagen. Schließlich gilt für ihn als Rechtsanwalt mit Kanzlei am Kudamm nicht nur Mandantenschutz, sondern auch das Recht auf Zeugnisverweigerung.

Diese Verschwiegenheit macht eine Bewertung seiner (ehrenamtlichen) Arbeit der vergangenen drei Jahre schwierig. „Zwei bis drei Kontakte“, schätzt Partsch, habe er pro Tag. Dieses Jahr habe er 15 Hinweise weitergegeben, schätzt er. Und ist über die Zahl selber überrascht. „Ich hätte gedacht, dass es schon etwas mehr zu tun ist“, sagt er. Wahrscheinlich wüssten bisher zu wenig Leute, dass es ihn überhaupt gibt.

Mehr Informationen bekommen Sie hier: www.vertrauensanwalt.com