Berlin - Wer hätte das gedacht: Anfangs wurde die nicht zuletzt von der FDP angestoßene Unterschriftensammlung für den in Ehren ergrauten Flughafen Tegel (TXL) belächelt. Nun zeigt sich, das der Airport mehr Fans hat als gedacht. Im Berliner Norden sorgt der Drang für dessen Offenhaltung jedoch für Frust. In Pankow und angrenzenden Kiezen herrscht TXL-Wut in XXL.

Lächelnd schiebt Lisa Mangold ihren Kinderwagen durch die Breite Straße. Die Reporter sprechen sie an, wollen ihre Meinung zu Tegel hören. Die 30-Jährige hält inne. Eine Propeller-Maschine von Air Berlin donnert gerade über den Kiez. „Der Krach nervt. In unserem Hof kann ich mich bei anfliegenden Maschinen nicht mehr unterhalten, die Wohnung zu lüften ist nicht möglich“, so die Projektplanerin. Vor zwei Jahren zog Mangold nach Pankow. Tegel sollte da längst geschlossen sein. Nun überlegt sie, mit ihrem Partner schnell wieder weg zu ziehen. „Ich habe Unverständnis für diejenigen, die Tegel behalten möchten.“

Die Organisatoren des Volksbegehrens für den Weiterbetrieb des innerstädtischen Flughafens dürfte das kaum interessieren. Zu lange haben sie für Tegel gekämpft, haben rund 247.000 Unterschriften für ihr Anliegen eingereicht. Diese Zahl gab Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach gestern bekannt. Ob alle Unterschriften gültig sind, steht nach entsprechenden Prüfungen erst am 4. April fest. Damit sich das Abgeordnetenhaus mit der Forderung auseinandersetzt, müssen gültige Unterschriften von sieben Prozent aller Stimmberechtigten vorliegen – also etwa 174.000. Folgt das Parlament dem unterstützten Anliegen nicht, was zu erwarten ist, folgt ein Volksentscheid.

Monika Lehmann wüsste, wo sie ihr Kreuzchen setzen würde. Als Kind in Neukölln, Ende der 40er-Jahre, sehnte sie die auf dem Flughafen Tempelhof landenden alliierten Flugzeuge der Luftbrücke herbei. Nun würde sie die Schwergewichte in der Luft gern loswerden. Seit mehr als vier Jahrzehnten lebt sie in Pankow unterhalb der Einflugschneise. „Mein Biorhythmus hat sich an die Flieger gewöhnt. Ich muss 6.30 Uhr aufstehen, Punkt 6 Uhr werde ich mit dem ersten Flugzeug wach.“

Zwar ist der Balkon der Rentnerin häufig Treffpunkt von Familiennachmittagen („Wir staunen immer wieder über die vielen uns noch unbekannten Fluggesellschaften“), gegen durchgehende Ruhe hätte Monika Lehmann trotzdem nichts einzuwenden. „Dann wäre die Zeit vorbei, in der man bei älteren Flugzeugen und Militärmaschinen aufhört zu kauen und darüber nachdenkt, ob der Pilot nicht mal langsam vom Gas gehen könnte, um nicht in unser Haus zu knallen.“

Seit 1960 gibt es in Pankow Krach. Vor 57 Jahren startete Tegel als Verkehrsflughafen. Nach der bisherigen Beschlusslage schließt TXL spätestens sechs Monate, nachdem der neue Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld in Betrieb geht. Nach mehreren Terminverschiebungen soll das im nächsten Jahr passieren – möglicherweise jedenfalls. Wenn nicht wieder was dazwischenkommt.

Tegel-Befürworter FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja sagte am Dienstag: „Wir danken den vielen Tegel-Rettern, die schlauer sind als der Senat und die rot-rot-grüne Koalition, die diesen Flughafen schließen wollen“. Die Berliner Senat lehnt einen Weiterbetrieb Tegels ab. Genau wie die rot-rote Koalitionsregierung in Brandenburg. Die Diskussion sei abwegig und Quatsch, sagte SPD-Fraktionschef Mike Bischoff. Ein Parallelbetrieb stelle die Planfeststellung für den BER infrage und gefährde das Projekt als Ganzes, erklärte ebenso Linken-Fraktionschef Ralf Christoffers. Sie alle verweisen zudem auf die fortgeschrittenen Pläne für einen Forschungs- und Industriepark sowie Wohnungen auf dem bisherigen Flughafengelände.

Laut Sebastian Czaja werde Tegel gebraucht, weil der neue BER zu klein sei. Um weitere Argumente pro TXL zu sammeln, will er eine Expertenkommission ernennen. Mit der Wut der Pankower jedenfalls kann er jetzt schon rechnen.