Für den Verein „Neue Freie Volksbühne“ entstand 1913-14 einer der modernsten Theaterbauten Berlins. Das Motto: „Die Kunst dem Volke“.
Foto: Landesarchiv Berlin/Oskar Kaufmann

BerlinDie Revue „Teatro Piscator“ an diesem Montagabend in der Volksbühne sollte eine gewaltige Sause werden und den 130. Geburtstag des Vereins Freie Volksbühne feiern. Natürlich ist alles abgesagt. Dabei hätte der Abend den Überlebenswillen eines Vereins demonstriert, der vor zehn Jahren schon mehr tot als lebendig war. Schließlich hat er mehrfach alles verloren – darunter zwei stolze Theater und hunderttausend Mitglieder. Aber seit 2012 sammelt er neuen Elan und trat unter seiner energischen Geschäftsführerin Alice Ströver eine entschlossene Verjüngungskur an.

„Gespenster“ statt Salongeisterei

Erstmal zurück an den Anfang. Vor 130 Jahren stellte sich der Verein den Auftrag „Die Kunst dem Volke“. Das klingt wie eine leere Losung aus DDR-Zeiten: Für wen soll Kunst denn sonst sein? Aber 1890 waren die Bühnen eben nicht für alle da. In ein Hoftheater wie die Königliche Oper kamen Arbeiter nicht rein, und die kommerziellen Bühnen waren für sie zu teuer. Der Philosoph Bruno Wille, der den Verein mit Gleichgesinnten ins Leben rief, um Arbeitern für wenig Eintritt Theaterbesuche zu ermöglichen, ging mit Sendungsbewusstsein an die Sache. Er setzte sich ein für „hohen Kunstgenuss“ statt einfacher Ergüsse des Kolportageromans, „fader Salongeisterei“ oder Zirkus. So entstand der Verein. Ein Mitglied zahlte 50 Pfennig im Vierteljahr, konnte dafür an drei Sonntagen nachmittags ins Theater gehen.

Waren das Zeiten! Als es Arbeiter und Arbeiterinnen mit kargem Lohn an ihrem einzigen freien Nachmittag der Woche ins Theater zog. Zumal ihnen eben nicht nur leichte Kost vorgesetzt wurde, sondern Stücke, die sonst unter die preußische Zensur fielen. Ibsens Familiendrama „Gespenster“ zum Beispiel oder Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ – gesellschaftskritische Stücke, die nicht öffentlich gespielt werden durften. Einem Verein dagegen waren die Aufführungen erlaubt.

Im neuen Jahrhundert gewann die Freie Volksbühne an Einfluss, ihre Mitgliederzahl wuchs auf 70.000, sie wollte nun ein eigenes Theater. Und tatsächlich, ab 1913 wurde gebaut, aus Spenden und Arbeitergroschen. Nicht im historischen Stadtkern, da durften die Arbeiter und ihre Bühne nicht hin, aber „draußen“ im Scheunenviertel mit seinen engen Gassen und schlechtem Ruf, da war noch Platz.

Der jüdische Architekt Oskar Kaufmann entwarf für den Bülowplatz, heute Rosa-Luxemburg-Platz, ein Theater mit griechisch-demokratischem Antlitz, also mit Säulen, aber ohne barocken Zierrat und Logen wie üblich. Der Zuschauer sollte von überall gut sehen können. Die Karten zum Einheitspreis wurden verlost. Die Volksbühne mit 2000 Plätzen entstand in 16 Monaten, obwohl 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. „Eine Kulturtat inmitten der Kriegswirren“, schrieb die Presse, blieb aber Proletariern gegenüber grundsätzlich misstrauisch.

Ein Arbeiterverein mit eigenem Theater und selbst gesetztem Programm, wegen seiner ideologischen Ausrichtung stets von der Politik beobachtet – konnte das gut gehen? Natürlich nicht. Aber der Wille war da und bald eine Größe, sich mit klassischen bürgerlichen Bühnen zu messen, auch was die Vielfalt der Stücke betraf. 1915 übernahm Max Reinhardt die Intendanz. In den 1920ern erlebte der Verein eine Blütezeit mit 160.000 Mitgliedern allein in Berlin, so viele wie nie wieder. In Hamburg, München und anderen Städten gründeten sich auch Volksbühnen. In Berlin bestimmten Regisseure wie Erwin Piscator und Schauspieler wie Heinrich George das Bühnengeschehen, moderne zeitkritische Stücke fanden in den Spielplan. Aber nur kurz währte das Gefühl, Kulturbringer für eine ganze Volksgemeinschaft zu sein. Noch vor dem Absturz in die Weltwirtschaftskrise 1929 und der großen Inflation, als die Karten bis zu 150.000 Reichsmark kosteten, unbezahlbar, kam es zu künstlerisch-politischen Zerwürfnissen innerhalb des Vereins.

Das zweite Haus

Eröffnung: Am 1. Mai 1963 wurde der Neubau für das Theater der Freien Volksbühne an Intendant Erwin Piscator übergeben. Es war auf dem Wilmersdorfer Grundstück Schaperstraße-Ecke-Meierottostraße errichtet worden.
Spitzeninszenierung: Mit Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ (Uraufführung 1963 noch im Theater am Kurfürstendamm) lieferte Piscator eine der meist beachteten wie umstrittenen Theaterarbeiten der 1960er-Jahre.
Schluss: Nach Streichung der öffentlichen Mittel musste der Verein 1999 die Bühne verkaufen. Sie fungiert nunmehr als Haus der Berliner Festspiele.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 nahte das vorläufige Ende der Freien Volksbühne. Alle Kulturorganisationen waren nun unter dem Propaganda-Apparat von Goebbels gleichgeschaltet, dem Reichsverband Deutsche Bühne unterstellt. 1939 wurde der Verein ganz aufgelöst, sein Rest-Vermögen von zwei Millionen Reichsmark beschlagnahmt.

Sein erstes eigenes Theater, im Krieg zerstört, verlor der Verein damals für immer. Nach dem Wiederaufbau übernahm es die DDR, nach dem Mauerfall das Land Berlin. Doch tatsächlich schaffte es der Verein, auch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch einmal einen phänomenalen Aufstieg hinzulegen, gefolgt von einem beinharten Absturz: Er baute sich ein zweites Theater und verlor auch das.

Das alles bietet schon Stoff für ein eigenes Bühnendrama. Doch zurück zu 1948, als sich die Freie Volksbühne neu gründete und trotz Konkurrenz durch Besucherorganisationen wie die bürgerlich-christliche TheaterGemeinde unbeirrt durchsetzte. Sie scharte in Spitzenzeiten wieder 120 000 Mitglieder um sich, gewann das Theater am Kurfürstendamm für seinen Spielbetrieb und ließ den Architekten Fritz Bornemann noch vor dem Mauerbau mit den Planungen zu einem eigenen Haus beginnen. 1963 wurde die herrlich lichtdurchflutete Freie Volksbühne in der Schaperstraße eröffnet, der Stolz des Vereins. Hier fanden die großen Premieren statt, die gesellschaftliche Debatten auslösten wie Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ (noch am Kurfürstendamm), umstrittene Stücke von Peter Handke.

Kurt Hübner und Hans Neuenfels führten die Intendanz, Regisseure wie Rudolf Noelte, Luc Bondy, Klaus-Michael Grüber inszenierten, selbst einen eigenen Gerhart-Hauptmann-Theaterpreis lobte der Verein aus. Ausgerechnet nach dem Fall der Mauer, als die Freie Volksbühne doch neue Zuschauer aus der anderen Stadthälfte erwartete und 1990 sein Hundertjähriges feierte, da setzte der Zerfall ein. Die Ost-Berliner Theater hatten noch Bestandsschutz, aber dem Privattheater Freie Volksbühne strich der Senat 1992 kühl die Förder-Millionen wie später dem Schillertheater. Kein Repertoire-Theater überlebt inmitten einer hochsubventionierten Konkurrenz.

Der Verein versuchte nun, sein Theater zu vermieten, geriet an Musical-Bankrotteure, verlor weiter Geld, wollte das Haus nur noch loswerden. Er bot es dem Land an und dem Bund, immerhin fanden hier immer die Berliner Festspiele statt. Der Verein senkte den Preis, flehte – und wurde ignoriert. 1999 verkaufte er Theater und Grundstück für lächerliche sieben Millionen Euro an Hamburger Kaufleute.

Die Tinte unter dem Vertrag war noch nicht trocken, als der Bund von den Kaufleuten alles für 14 Millionen Euro zurück mietete, auf 20 Jahre. Der Bund zahlte nun jahrelang Miete für sein Festspielhaus, bevor er es schließlich 2013 für 13 Millionen Euro kaufte, alles Steuergeld. So mies benahm sich die Politik gegenüber einem Traditionsverein. Da kann schon mal Todessehnsucht aufkommen.

Ein neuer Name: Kulturvolk

Seit 2012 krempelt Alice Ströver, zuvor lange Kultursprecherin der Grünen, den Verein als Geschäftsführerin um, bringt ihn zurück in die Öffentlichkeit. Konzentriert sich wieder auf die Vermittlung günstiger Theaterkarten, verjüngt das Durchschnittsalter um zehn auf 60 Jahre, nimmt auch Museen, Kinos und die freie Szene ins Programm auf. Sie veranstaltet Sendungen, Ausstellungen, Kulturtalks, entwickelt eine Datenbank mit dem besten Überblick auf das komplette Kulturangebot Berlins, wo man direkt Karten buchen kann. Um ewige Verwechslungen mit den Volksbühnen auszuschließen nennt sich der Verein jetzt Kulturvolk. Der Umsatz hat sich bei nur 6500 Mitgliedern auf 1,5 Millionen Euro verdoppelt. Ein gutes Ergebnis, wenn es nicht gerade durch Corona-Karten-Stornierungen über 100 000 Euro aufgefressen wird. Das kann den agilsten Verein torpedieren. Mal sehen, wie sich die Politik dieses Mal verhält.