Berlin - Terrorbedrohung, Angst vor Kriminalität und die Flüchtlingskrise lassen eine Branche boomen: das Wachschutzgewerbe. Im Jahr 2012 waren im der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft in Berlin noch 59 private Sicherheitsfirmen organisiert. Im ersten Quartal gehörten dem Verband nach Angaben einer Sprecherin bereits 76 Firmen an.

Allein die Flüchtlingskrise bedeutet für Wachschutzfirmen ein Riesengeschäft. Berlin gibt Millionen aus, um Flüchtlingseinrichtungen zu schützen. An der Turmstraße in Moabit, dem Sitz des Landesamte für Gesundheit und Soziales (Lageso), zahlte Berlin seit 2012 an Sicherheitsdienste wie Gegenbauer rund 9.275.000 Euro. Dies geht aus einer Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber hervor. An der Turmstraße war die Zentrale Aufnahmestelle. Zwar wurde sie im September durch eine neue Ankunftsstelle an der Bundesallee in Wilmersdorf entlastet. Doch in der Turmstraße wird an die Flüchtlinge das Taschengeld ausgezahlt. Entsprechend intensiv muss das Gebäude beschützt werden.

Wachschützer bewachen die Polizei

Rund 3,8 Millionen Euro Kosten pro Jahr entstehen dem Land laut Innenverwaltung für den Schutz der Ankunftsstelle an der Bundesallee, die durch das Landesamt für Flüchtlinge (LAF) betrieben wird. Für den Schutz der Unterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz, in der zurzeit 800 Menschen untergebracht sind, kassierten Sicherdienste bislang 3.150.000 Euro.

Private Wachschützer sind Pförtner an landeseigenen Einrichtungen wie der Ausländerbehörde am Friedrich-Krause-Ufer, der Keplerstraße und der Lise-Meitner-Straße. An diesen drei Einrichtungen rechneten die Sicherheitsfirmen beim Land rund 270.000 Euro ab. Dennoch plant die Innenbehörde nicht, dort die privaten Wachdienste durch polizeiliche Objektschützer abzulösen. „Pförtnerdienste zählen nicht zu den Aufgaben des polizeilichen Objektschutzes“, begründete Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD).

„Das alles ist ein Fall für den Rechnungshof“, sagt Tom Schreiber. Er hat den Verdacht, dass Millionen Euro im zwei- bis dreistelligen Bereich für Sicherheitsdienste ausgegeben wurden und fordert, dass die Befugnisse des zentralen Objektschutzes der Polizei erweitert werden. „Es ist auch unerklärbar, warum man Polizeidienststellen durch Sicherheitsdienste bewachen lässt und nicht durch eigene Leute. Und wir müssen darüber reden, wie klug es ist, alles zu privatisieren.“

In den vergangenen Jahren hat es in der Sicherheitsbranche einen Wildwuchs gegeben. Wachunternehmen gründeten zahlreiche Sub-Firmen, es gibt Mitarbeiter ohne polizeiliches Führungszeugnis, mittlerweile machen sich kriminelle, meist arabische, Clans in den Firmen breit oder betreiben diese sogar – und bewachen Flüchtlingsunterkünfte. So hatte es am Lageso mehrere Gewaltvorfälle mit einem von Gegenbauer engagierten Subunternehmen gegeben. Es gibt nicht einmal einen genauen Überblick, wie viele Firmen und Subunternehmen auf dem Markt sind.

Der Markt ist leergefegt

Das Landesamt für Flüchtlinge begann im Herbst damit, den Wildwuchs auszulichten: Für 18 Flüchtlingsunterkünfte schrieb es die Sicherheitsdienstleistungen neu aus. 14 wurden bereits an neue Firmen vergeben, von den restlichen Bewerbern entsprachen zwei nicht den Vergabekriterien. Sicherheitsunternehmen müssen unter anderem Angaben zu Umsatz, Mitarbeiterzahl und Qualifikationen darlegen. Alle Firmen verpflichten sich zur Tariftreue. „Unsere Kriterien sind jetzt transparent und nachvollziehbar“, sagt LAF-Sprecher Sascha Langenbach. Von den Unternehmen, die sich beworben haben, gab es auch keine Beschwerden dazu.“

Vor allem die Bewachung von Flüchtlingsunterkünften bleibt für die Sicherheitsbranche attraktiv. Allerdings ist der Markt leergefegt.Organisatoren von Abendveranstaltungen klagen immer häufiger darüber, dass sie keine Security-Leute bekommen. Auch der Karneval der Kulturen ist gefährdet, weil es an Sicherheitspersonal fehlt. (mit ls.)