Die Berliner Wirtschaft läuft. Am Dienstag verkündete das Amt für Statistik, dass erstmals die Zwei-Millionen-Marke geknackt wurde: 2018 waren in Berlin 2,003 Millionen Menschen erwerbstätig – also 47.500 mehr als ein Jahr zuvor und 300.000 mehr als 1991. Berlin hat sogar im siebten Jahr in Folge die höchste Wachstumsrate bundesweit. Gleichzeitig ist mitunter von Investorenfeindlichkeit die Rede. Eine solche herrsche „in Teilen der Koalition“.

Diese Bestandsaufnahme zog kürzlich Christian Gaebler (SPD), als Chef der Senatskanzlei ein gewichtiger Mann der Koalition. Er mag damit die ablehnende Haltung des vorherrschenden grün-linken Milieus in der Stadt gegen den Weltkonzern Google und dessen geplanten Campus in Kreuzberg gemeint haben – der bekanntlich nicht realisiert wird. Und Google ist allenfalls das prominenteste Beispiel.

Land saß immer mit am Tisch

Zuvor avancierte das Unternehmen Hypoport zum Kronzeugen für unterlassene Wirtschaftsförderung in Berlin. Dieses Technologieunternehmen der Finanzwirtschaft mit bundesweit 1500 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mehr als 200 Millionen Euro residiert seit zwölf Jahren in einem Bürohaus an der Klosterstraße in Mitte. 300 Mitarbeiter sind dort tätig. Da der Mietvertrag dieses Jahr ausläuft, wollte es die Firma kaufen und nach eigenen Angaben etwa zehn Millionen Euro in die Modernisierung investieren.

Dreieinhalb Jahre verhandelte Hypoport mit dem Eigentümer. Stets saßen Vertreter des Landes mit am Tisch, da Berlin ein Vorkaufsrecht für die Immobilie besaß. Dass die Stadt davon tatsächlich Gebrauch machen könnte, ahnte bei dem Unternehmen niemand, bis es das Land am letzten Verhandlungstag doch tat. Ergebnis: Hypoport muss in diesem Jahr die Immobilie räumen, weil die Stadt Eigenbedarf anmeldet. Teile der Innenverwaltung sollen die freiwerdenden Büros beziehen.

Der Bedarf an Wohnraum wird immer größer

Wird sich Hypoport nun ganz aus Berlin zurückziehen? „Das war nie ein Thema“, sagt Firmensprecher Sven Westmattelmann. Aber man habe sehr wohl erwogen, den Firmensitz nach Lübeck zu verlagern, wo Hypoport seinen zweitgrößten Standort bundesweit hat. Vorerst bleiben Berlin die Steuereinnahmen erhalten. Es fanden sich Büros in der „Europa-City“ nahe des Hauptbahnhofs. Büroangebote der Stadt gab es auch. Aber die hätten sich als untauglich erwiesen, sagt Westsattelmann. Insbesondere die Stadtrandnähe lehnte man ab. „Das ist schwierig, wenn man als Tech-Unternehmen mit anderen im Wettbewerb um die besten Köpfe steht“, sagt er. Da sei der Standort ziemlich bedeutsam.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) kennt diesen Fall sehr gut. Für sie ist er ein Beispiel für die Nutzungskonflikte um die knapper werdenden Flächen in einer wachsenden Metropole. „Wenn die Stadt wächst, muss auch die Verwaltung wachsen und der Bedarf an Wohnraum wird größer“, sagt Pop. Bei aller Unterstützung dafür dürfe man die Arbeitsplatzentwicklung nicht aus dem Blick verlieren.

Der Deal mit DotSource

Die Kreuzberger Innenstadtlage war es, die auch die Jenaer Firma DotSource lockte. Die 2006 gegründete Digitalagentur mit nahezu 250 Mitarbeitern hat seit sechs Jahren in Berlin eine Filiale und etliche Kunden. Doch DotSource hat mehr vor. „In den nächsten fünf Jahren wollen wir in Berlin auf 100 Mitarbeiter wachsen“, sagt Firmenchef und -gründer Christian Otto Grötsch.

Ein Haus am Erkelenzdamm bot sich an. Der Nutzer, ein Handwerksbetrieb, wollte sein Erbpachtrecht veräußern. Alles schien perfekt. Sechs Monate lang verhandelte der Jenaer Unternehmer mit dem Eigentürmer, dem Senat und der landeseigenen Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM). „Wir fühlten uns insbesondere bei der Berliner Wirtschaftsförderung gut aufgehoben“, sagt Grötsch heute.

Gefahr für den „Jobmotor der Berliner Wirtschaft“?

Am Ende platzte der Deal dennoch. Überraschend kaufte das Land die Erbpacht für die Immobilie. Nach Grötschs Wahrnehmung sei Kreuzbergs grüner Bezirksbaustadtrat Florian Schmidt dazwischengegrätscht und habe die Übernahme „im letzten Moment“ verhindert. Das Haus sollte für produzierendes Gewerbe reserviert werden. „Ein einzelner Mann. Ich war erschüttert“, sagt der DotSource-Chef.

Auch Sascha Schubert schäumt. Der Multi-Gründer, Berlin-Kenner und Co-Chef des Start-up-Bundesverbands sagt: „Die Aktion des Baustadtrats Schmidt ist ein Bärendienst für eine wachsende und umweltfreundliche Stadt.“ Er wittert eine Gefahr für den Digitalstandort als „Jobmotor der Berliner Wirtschaft“. Dass sich ein grüner Stadtrat für lautes und emissionsstarkes Gewerbe entscheidet und gegen emissionsarme digitale Jobs in innerstädtischen Lagen, sei der falsche Weg.

Der „Investorenschreck“

Der Stadtrat sieht’s gelassen. Gegenwind ist er gewohnt. Längst gilt der 44-Jährige als „Investorenschreck“. Er sei nicht dazwischengegrätscht, sondern äußerte als Bezirk bei der BIM Bedenken und bat, dem Verkauf nicht zuzustimmen, sagt er. „Das war keine Einzelentscheidung.“

Dennoch ging DotSource leer aus. Die landeseigene BIM nutzte den 50 Millionen Euro schweren Gewerbeimmobilienfonds des Landes und zahlt dem Eigentümer für die Erbbaupacht am Erkelenzdamm 1,5 Millionen Euro, die auch die Thüringer gezahlt hätten. Aber es soll weiterhin Gewerberäume geben.

„Ich bin nicht wirtschaftsfeindlich“, sagt Schmidt. Er will Raum für Gewerbetreibende und Handwerk sichern. Die Strategie habe der Bezirk in einem Gewerberaumkonzept formuliert, das der zunehmenden Verdrängung von Fertigung durch Büros entgegenwirken soll. „Ich will eine gesunde Mischung“, sagt Schmidt, keine digitale Monokultur. „Hier sollen nicht nur Arm und Reich nebeneinander wohnen, hier sollen neben Hightech-Firmen auch kleine Betriebe Platz finden, die sich keine teuren Mieten leisten können.“