Erlaubt war, was gefiel. Die Loveparade war stets ein Hochamt für Hedonisten, Selbstdarstellung - viel nackte Haut inklusive.
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BerlinEs gibt Ideen, die sind unkaputtbar. Da hat es über Jahre zig Abgesänge gegeben auf die Loveparade, Pleiten, Trittbrettfahrerei, missglückte Reanimierungsversuche und nicht zuletzt eine Mischung an Gewinnstreben und Fahrlässigkeit mit tödlicher Wirkung – dennoch befürworten die Berliner eine Neuauflage der Techno-Straßenparade.

Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung hervor. Doch das Thema ist komplex. Insgesamt nämlich fänden die Befragten mehr Straßenparaden und Umzüge eher schlecht. Es sind vor allem der Lärm und der Müll, die an solchen Massenpartys nerven, hat Forsa ermittelt. Das galt stets auch für die Loveparade. Wie also passen diese Aussagen zusammen?

Erste Loveparade 1989 mit 150 Partyleuten

Matthias Roeingh, besser bekannt als Dr. Motte, landete Anfang dieses Jahres einen kleinen PR-Coup, als er ankündigte, diesen Sommer wieder eine Loveparade in Berlin stattfinden zu lassen. Wer, wenn nicht er?

Der heute 59-jährige Spandauer war jahrelang Musiker und Labelbetreiber, ehe er die erste Loveparade organisierte: Im Juli 1989 zogen 150 Partyleute zu ohrenbetäubenden Beats über den Kurfürstendamm. Sogar ein hübsch doppeldeutiges, politisch-unpolitisches Motto gab es: „Friede, Freude, Eierkuchen“. Was in danach kam, war ein Phänomen.

Der Berliner DJ Matthias Roeingh ("Dr. Motte").
Foto: Jörg Carstensen/dpa

1990 wurden 2000 Teilnehmer, gezählt. Als am 8. Juli 1995 schon 300.000 Raver und ihre schweren Trucks unter dem Motto „Peace On Earth“ die noblen Gründerzeithäuser der Prachtstraße im alten Westen erzittern ließen, war klar, dass man umziehen musste – dahin, wo Platz ist.

Dreck, Lärm, Drogen - Loveparade-Kritik wurde lauter

Im Jahr darauf zogen 750.000 als „We Are One Family“ rund um die Siegessäule im Tiergarten. Längst reisten Leute von überall an, die Rede war von „der größten Straßenparty der Welt“. Doch es ging weiter mit den Superlativen.

Immer mehr Menschen kamen – 1999 sollen es 1,5 Millionen gewesen sein –, gleichzeitig wurde die Kritik immer schärfer. Die Parade war laut, dreckig, durchkommerzialisiert und drogenverseucht, der Tiergarten wurde einmal im Jahr zu einem öffentlichen Klo, die Schäden in der dringend benötigten grünen Lunge der Innenstadt waren immens.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Forsa

Als der Parade nach dem Jahr 2000 der Status einer politischen Demonstration aberkannt wurde, war das der Anfang vom Ende. Die Relevanz schwand und mit ihr auch die Anzahl der Besucher. 2004 und 2005 fiel der Umzug ganz aus, der Veranstalter ging insolvent. 2006 gab es dann einen Neustart. Rainer Schaller, Besitzer einer Fitnessstudiokette, hatte die Namensrechte an der Loveparade erworben. Es kamen 1,2 Millionen Gäste.

Doch kaum jemand schien wirklich zu trauern, als Schaller bald darauf erklärte, die Loveparade wolle Berlin verlassen. Geplant war eine Tour durchs Ruhrgebiet. Zum Start zog der Rave 2007 durch Essen. Schaller sprach von 1,2 Millionen Teilnehmern, Schätzungen gingen von 400.000 aus. Ähnlich sah es im Jahr darauf in Dortmund aus. 2009 fand keine Loveparade statt – die Austragung 2010 endete in der Katastrophe.

Die Katastrophe von Duisburg

Bis zu 285.000 Menschen drängten sich durch eine Unterführung zum Güterbahnhof Duisburg. Dabei kamen 21 Menschen zu Tode, mehr als 500 wurden verletzt, etwa 40 davon schwer. Die juristische Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten läuft bis heute. Die Loveparade war von einem Tag auf den anderen Geschichte.

Diese Geschichte kennt natürlich auch Parade-Erfinder Roeingh. Dennoch will er eine neue „Sehnsucht nach der Loveparade“ ausgemacht haben. Beim Pressetermin im Januar sagte er: „Wir stellen die Frage: Wollt ihr eine neue Loveparade?“ Die Antwort darauf könne nur Ja sein.

Jüngere Generation für Neuanfang, ältere dagegen

Nun, ganz so eindeutig fiel das Ergebnis bei der Forsa-Umfrage nicht aus. Von den 1 011 Befragten sagten 55 Prozent, dass sie eine Rückkehr der Loveparade gut finden würden, 31 Prozent waren dagegen (siehe Grafik).

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Forsa

Wenig überraschend, sind vor allem die Jüngeren für einen Neuanfang, die Älteren sind dagegen. Das positive Votum ist dennoch überraschend, lehnen die Berliner doch prinzipiell mehr Paraden und Züge ab (48 zu 33 Prozent). Hauptgründe dafür sind Lärm (56 Prozent), Müll (30 Prozent) sowie Einschränkungen im Straßenverkehr (25 Prozent).

Friedlich, bunt, international: Ein Bild, von dem Berlin bis heute profitiert

Doch woher kommt der Impuls, für die Loveparade diese eine Ausnahme zu machen. Möglicherweise durch die Haltung von Leuten wie Jack Lang. Der damalige französische Kulturminister erlebte 1997 in Berlin seine erste Loveparade mit.

Millionen auf der Straße tanzende Menschen beeindruckten den Politiker aus dem Nachbarland, der ein „verwandeltes Berlin, überall junge Menschen“ vorfand. Und das gerade sieben Jahre nach der Wiedervereinigung, mit der bekanntlich nicht nur die Franzosen fremdelten.

Und das alles im Angesicht der Siegessäule, die ursprünglich (auch) an den Sieg im Krieg mit Frankreich 1870/71 erinnerte, und jetzt ein ganz anderes Bild der Stadt transportierte: friedlich, bunt, international. Von diesem Bild profitiert Berlin bis heute. Im Ausland sicher noch mehr als im eigenen Land. Und daran erinnern sich die Berliner voller Stolz und Nostalgie.