Wie kann ein Zahnarzt innerhalb von 15 Monaten Leistungen abrechnen, die er niemals erbracht hat und damit einen Schaden von knapp einer Million Euro verursachen? „Gute Frage, aber man denkt offenbar nicht, dass ein Zahnarzt so dreist sein kann“, versucht der Staatsanwalt in einer Prozesspause die Frage zu beantworten.

Seit Dienstag müssen sich der promovierte Mediziner Axel G. und ein mitangeklagter Handwerker wegen gewerbsmäßigen Betrugs vor dem Berliner Landgericht verantworten. Man traut dem 51-jährige Zahnarzt mit den feinen Gesichtszügen und dem aufmerksamen Blick nicht zu, was ihm von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen wird.

Erste Raten selbst bezahlt

Axel G., der in Kreuzberg gemeldet ist, und in zwei Zahnarztpraxen praktizierte, soll zwischen März 2012 und Juni 2013 in insgesamt 33 Fällen Forderungen für teure zahnmedizinische Leistungen an eine privatärztliche Verrechnungsstelle (PVS) verkauft haben, die diese Forderungen bezahlte und mit den Rechnungen an den Patienten herantrat. Eine durchaus gängige Abrechnungspraxis. Knackpunkt ist nur, dass Axel G. diese Leistungen erfunden haben soll.

Der PVS fiel der Schwindel zunächst nicht auf, wohl auch, weil Axel G. die ersten Raten für die Laborrechnungen und die „Implantate“ seiner imaginären Patienten von eigens eingerichteten Patientenkonten noch selbst bezahlte. Um laut Anklage die Betrugstaten zu verschleiern.

Der Staatsanwalt sagt, dass der Zahnarzt die erste Zahlung vermutlich noch als Darlehen angesehen habe. Doch spätestens nach der dritten oder vierten eingereichten Rechnung müsse Axel G. klar gewesen sein, dass er das viele Geld nicht habe zurückzahlen können.

Mitangeklagter soll benötigte Patienten verschafft haben

Die von Dr. G. eingereichten Rechnungsbeträge lagen laut Anklage zwischen 6 000 und 48 400 Euro. Insgesamt soll sich der Arzt durch die Abrechnung von nicht gefertigten Prothesen, Implantaten und die dafür erforderlichen Laborarbeiten 907 939,26 Euro von der PVS erschlichen haben.

Der mitangeklagte Benjamin B. soll in 24 Fällen arbeitsteilig bei den Betrügereien mit dem Zahnarzt zusammengewirkt haben. Er soll dem Zahnarzt die benötigten Patienten verschafft oder deren Personalien und Kontodaten missbraucht und an den Mediziner weitergegeben haben.

Zumindest bei einigen der aufgeführten Behandelten gibt es laut Staatsanwaltschaft den Anfangsverdacht, von den Betrügereien gewusst zu haben. So sind unter den angeblich behandelten Patienten auch zwei Familienmitglieder des Zahnarztes.

Patient erstattete Anzeige

Laut Staatsanwalt verschickte die PVS sogar Mahnungen an die Patienten, die sich über die hohen Zahnarztgebühren wunderten. Als sie sich damit an ihren Zahnarzt wandten, soll Axel G. stets eine Erklärung parat gehabt haben. „Jedenfalls ist es ihm irgendwie gelungen, diese angeblichen Patienten zu beruhigen“, sagt der Staatsanwalt. Der Schwindel soll aufgeflogen sein, als ein Patient den Zahnarzt zur Rede stellte und Axel G. ihm offenbar Geld für sein Schweigen bot. Der Mann soll daraufhin Anzeige gegen den Mediziner erstattet haben.

Das Geld sollen sich Axel G. und Benjamin B. geteilt haben. Die Ermittler konnten nichts mehr davon sicherstellen. Wofür es von den Angeklagten ausgegeben wurde, ist unklar. Für teure Autos, Wohnungen oder einen luxuriösen Lebenswandel wohl eher nicht. Axel G. soll zur Miete wohnen und einen alten geleasten Mercedes fahren. Allerdings soll er Geld in seine Praxis gesteckt und auch mehrere Firmen gegründet haben.

Seit Mai in Haft

Beide Angeklagte sitzen seit Ende Mai dieses Jahres in Haft. Während der Zahnarzt ein Geständnis abgelegt haben soll, schweigt Benjamin B. zu den Vorwürfen. Es ist möglich, dass sich die Prozessbeteiligten in diesem Verfahren auf einen Deal einigen. Der Verteidiger hat dies angeregt.

Der Staatsanwalt hat sich noch nicht darauf festgelegt, nach einer ersten Überlegung aber davon gesprochen, dass er sich eine Haftstrafe zwischen dreieinhalb und vier Jahren für die Angeklagten vorstellen könne. Die Kammer will darüber beim nächsten Prozesstermin am Mittwoch nächster Woche beraten. Dann wollen sich die beiden Angeklagten auch zu den Betrugsvorwürfen äußern.