Jochen Arntz, Chefredakteur der Berliner Zeitung und Robert Ide vom Tagesspiegel.
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinLieder wurden gesungen und sogar Tränen vergossen – im Sonderzug der Berliner Zeitung, der am Sonnabend auf der Linie der U2 zwischen Ost und West tingelte. Die Berliner Zeitung, ehemals eine Ost-Zeitung, feierte das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls gemeinsam mit dem Tagesspiegel, einem originär Westberliner Blatt. Zeitzeugen waren geladen – und sehr viele Berliner stiegen ein und schilderten selbst ihre Eindrücke von der historischen Nacht.

Rollende Redaktion in der U-Bahnlinie U2 zwischen Pankow und Ruhleben.
Foto: Gerd Engelsmann

Michael Raphaelian war in der Nacht des Mauerfalls als Busfahrer für die BVG unterwegs. Mit der Linie 100 fuhr er als einer der ersten durch das Brandenburger Tor. Ein „erhebendes Gefühl“ sagt er. Weil der Andrang in den Westen so groß war, die Busse hoffnungslos überfüllt, kamen Kollegen aus anderen Städten und halfen den Kollegen. „Die wussten manchmal gar nicht, ob sie links oder rechts fahren sollten“, erinnert sich Petra Nelken, Sprecherin der BVG an das Chaos. „Großartige Kollegen!“

Petra Nelken, Sprecherin der BVG.
Foto: Annika Leister/ Twitter

Nelken war nach der Wende die erste ostdeutsche Sprecherin des Berliner Senats. Sie erinnert sich: An die Überraschung der Kollegen und Politiker, wenn sie hörten, dass Nelken aus dem Osten kam. Und an die abgebrochenen Verbindungen, die überall in der Stadt wieder aufgenommen wurden. Jede Brücke, jede Straße, die wieder geöffnet wurde, sei damals „ein großes Fest“ gewesen.

Ostdeutsche sollten stolz sein

Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse (SPD), weiß noch, wie er vor der Mauer stand und mit anderen rief: „Lasst uns rüber, wir kommen wieder!“ Er lehnt den Begriff „Wende“ strikt ab, empfindet ihn als Herabsetzung der Leistung der Bürgerbewegung gegenüber. Was er heute am meisten bedauere, so Thierse: „Die fehlende Bereitschaft vieler Ostdeutscher zur positiven Selbstwahrnehmung.“ Ostdeutsche sollten stolz sein auf ihre friedliche Revolution, eines der wichtigsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Für Lothar Heinke, einst Redakteur der DDR-Zeitung „Der Morgen“, heute dienstältester Redakteur des Tagesspiegels, brachte der Mauerfall die Pressefreiheit. Plötzlich diktierte nicht mehr die Politik, was Zeitungen zu schreiben hatten, sondern die Redakteure. Für Heinke eine „völlig neue Sicht“ und „eine Befreiung“. Die neue Zusammenarbeit zwischen Ost- und West-Journalisten sei für beide Seiten ein „großer Lernprozess“ gewesen.

Regine Sylvester, ehemalige Redakteurin der Berliner Zeitung, wird noch heute zur wütenden „Ostfrau“, wenn jemand, der keine Ahnung vom Osten hat, schlecht über ihn redet. Sie war bei der Öffnung der Mauer dabei, wurde mit ihrer kleinen Tochter erst von den Menschenmassen fast zerdrückt, dann durch einen kleinen Spalt „in den Westen gespuckt“.

Regine Sylvester, ehemalige Redakteurin der Berliner Zeitung.
Foto: Annika Leister/ Twitter

Tränen am Ende der Fahrt

Was ist ganz materiell geblieben vom Mauerfall? Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband (IGEB) hat selbst einige Stücke aus der Mauer geschlagen. Noch heute verschenkt er sie an Freunde. Auch eine Zeitung hat er aufgehoben: die B.Z. vom 10. November.

Jens Wieseke, Berliner Fahrgastverband (links) und Peter Neumann, Redakteur der Berliner Zeitung.(rechts).
Foto: Annika Leister/ Twitter

Sybille Thomczyk kommen am Ende der Fahrt die Tränen – wenn sie daran denkt, wie sie – ehemalige Tempelhoferin – den Mauerfall nur vor dem Fernseher miterleben konnte. Sie war kurz zuvor nach Frankfurt am Main gezogen, um dort eine Ausbildung im IT-Sektor zu beginnen. Dort wohnt sie noch heute. „Aber mein Herz ist in Berlin geblieben“, sagt sie – und spricht die wichtigste Botschaft mit brüchiger Stimme ins Mikrofon: „Egal was passiert, wir dürfen uns nie mehr auseinander nehmen lassen.“