Silke und Holger Friedrich, ein Berliner Ehepaar aus der Bildungs- und Technologie-Branche, sind die zukünftigen Eigentümer des Berliner Verlags, in dem unter anderem die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier erscheinen. Am Mittwoch, ihrem zweiten Tag im Berliner Verlag – den sie nach der kartellrechtlichen Freigabe übernehmen wollen – haben sie noch einmal der Redaktion ihren Antrieb und ihre Ideen erläutert. Und dazu auch ein eingehendes Gespräch mit der Chefredaktion geführt, das wir hier dokumentieren.

Herzlich willkommen im Berliner Verlag. Für die Redaktion, den Verlag und die Stadt war es am Dienstag eine große Überraschung, dass Sie beide als Berliner Ehepaar angetreten sind, den Berliner Verlag zu kaufen und sich hier zu engagieren. Wir wollen nun natürlich wissen, was Sie antreibt, was Sie dazu gebracht hat?

HOLGER FRIEDRICH (zu seiner Frau): Du fängst an.

SILKE FRIEDRICH: Eine Hauptmotivation ist für uns, einen Beitrag zu leisten im gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Weil wir im persönlichen Umfeld und auch aus eigener Erfahrung feststellen können, dass es eine Politik- und Medienverdrossenheit gibt und eine ganz große Skepsis. Viele Menschen fühlen sich nicht abgeholt. Als Berliner glauben wir, dass der Berliner Verlag ein gutes Medium ist, um viele Leute zu erreichen, um einen wichtigen Beitrag zu leisten für eine Änderung dieser Entwicklung.

Sie haben gesagt, dass Sie die Berliner Zeitung als ein Juwel sehen, warum?

HOLGER FRIEDRICH: Die Berliner Zeitung habe ich Zeit meines bewussten Daseins als einen Ort wahrgenommen, der sich um eine bessere Idee bemüht hat. Sie ist in den Diskurs gegangen als Institution und als Objekt. Es gibt in dieser Stadt sehr unterschiedliche Kulturen, Ansprüche und Wege, ein Ziel zu erreichen. Ich habe die Berliner Zeitung immer als einen Versuch wahrgenommen, möglichst ehrlich zu sein und das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Deswegen ist sie heute noch da. Wir sind sehr dankbar dafür. Und wir können für diese Zeitung etwas einbringen, einen hohen Grad an Unabhängigkeit, das Wissen um technologische Zusammenhänge und eine gewisse Angstfreiheit. Vielleicht sind wir füreinander wechselseitig eine Chance.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass regionale Medien wie die Berliner Zeitung eine besondere Glaubwürdigkeit genießen. Ist das ein Grund dafür, in so eine Zeitung zu investieren?

HOLGER FRIEDRICH: Ja und nein. Es gibt eine emotionale Bindung zur Berliner Zeitung. Wenn es heute die gleiche Verkaufs-Diskussion zum Tagesspiegel gegeben hätte – das hätten wir nicht gemacht. Ich bin mit der Berliner Zeitung groß geworden. Es gab zu Hause das Neue Deutschland und die Berliner Zeitung. Und ich habe als Kind nur die Berliner Zeitung gelesen. Das hat damit zu tun, dass sie mir zu DDR-Zeiten etwas weniger gebeugt vorkam. Nach dem Mauerfall hat die Berliner Zeitung versucht, sich zu behaupten. Und dann kommt dazu, dass sie ein regionales Medium ist. Es gibt die Familie, den Beruf und die Region, und wenn wir das zusammenbringen, sind wir wieder bei der Glaubwürdigkeit, die wir suchen. Anders als bei überregionalen Medien ist alles unmittelbar überprüfbar. Man kann hier Glaubwürdigkeit beweisen.

SILKE FRIEDRICH: Das ist mit einer hohen Verantwortung verbunden. Das reizt uns.

Die Branche fragt sich, warum sich Menschen, die aus der Technologie- und Bildungsbranche kommen, so sehr für eine Zeitung interessieren. Sind Sie auf den Spuren von Jeff Bezos, der die Washington Post gekauft hat?

SILKE FRIEDRICH: Nee, sind wir nicht.

HOLGER FRIEDRICH: Wir machen das nicht aus einem Mäzenatentum, sondern aus einem bürgerlichen Engagement heraus und weil unser Ehrgeiz angestachelt ist.

Aber Sie wollen auch Geld verdienen damit?

HOLGER FRIEDRICH: Ja, klar.

SILKE FRIEDRICH: Wir wollen erfolgreich sein.

Worin besteht Ihr Ehrgeiz?

SILKE FRIEDRICH: Wir sind branchenfremd, aber wir sehen das als absolutes Potenzial, als Chance für den Verlag, für uns und für die Branche, in der wir uns bewegen. Wir wollen eintauchen und uns vertiefen, lernen, uns austauschen mit anderen. Das ist die Kompetenz der Zukunft. Wir glauben nicht, dass wir die besten Verleger sind, aber dafür haben wir ja ein tolles Team. Wir sehen es als unsere Aufgabe, Leute zusammenzubringen und kraftschlüssig aufzustellen. Wir wollen das System befruchten. Wenn die Branche in einer Selbstfindungskrise ist, möchten wir zur Selbstfindung beitragen. Wir glauben nicht an den Abgesang des Journalismus. Ganz im Gegenteil, wir brauchen gute Medien und zwar meinungsstark, reflektiert, faktenorientiert als Navigation in dieser unfassbar komplexen Welt.

HOLGER FRIEDRICH: Wir haben zum Beispiel eine hochrestriktive Verkehrspolitik in Berlin und gleichzeitig so viele Pkw-Zulassungen wie noch nie. Wir haben eine enorm restriktive Wohnungswirtschaftspolitik in Berlin und gleichzeitig die am stärksten wachsenden Mieten in Europa. Wir haben die teuersten Schulplätze in ganz Deutschland und mit Abstand die schlechtesten Ergebnisse. Unser Ehrgeiz ist geweckt, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit transparent und konstruktiv zu diskutieren, damit diejenigen, die ein Interesse haben, dass die Widersprüche aufgelöst werden, eine Plattform bekommen, auf der man die Fakten zur Meinungsbildung sammelt. Man sollte für die Gesellschaft Lösungen finden, anstatt sich im Lagerkampf zu verstricken. Da geht noch mehr.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den Berliner Kurier?

HOLGER FRIEDRICH: Ich fliege sehr viel und dort nehme ich mir grundsätzlich sowohl die hochintellektuellen als auch die Boulevardzeitungen. Die Kombination komplettiert mein Meinungsbild, so weitet sich der Horizont.

SILKE FRIEDRICH: Fakten sind Fakten. Es kommt nur darauf an, sie in verschiedene Kanäle einzuspeisen. Wir sollten die Leser da abholen, wo sie stehen.

Engagieren Sie sich auch aus Liebe zu Berlin für den Verlag ?

HOLGER FRIEDRICH: Ich liebe Berlin. Es ist die freieste Stadt in ganz Deutschland. Wenn man es sich aussuchen kann, sollte man in Berlin leben, weil Berlin für jeden alles bietet. Gleichzeitig ist Berlin sehr selbstreferenziell und im Anspruch genügsam. Es gibt bei mir eine hohe emotionale Bindung zu dieser Stadt und eine starke Leidenschaft, aber auch eine gewisse Trauer darüber, wie fahrlässig mit dem Potenzial dieser Stadt umgegangen wird.

Was muss passieren, damit Ihre Kinder auch gern in Berlin leben wollen?

HOLGER FRIEDRICH: Unsere Kinder sind leider im Kopf schon weg, Berlin hat sie bereits enttäuscht. Sie sind von den Möglichkeiten der Welt viel mehr fasziniert als den Restriktionen von Berlin.

SILKE FRIEDRICH: Eine Stadt wie Berlin zu organisieren, ist sicher etwas anderes, als den Berliner Verlag zu organisieren. Es geht nicht darum, was wir tun, sondern wie wir es tun. Es geht um die Frage, wer sind die Vorbilder, wer sind die Diskutanten. Die Vorbilder fehlen hier.

Sind Sie Vertreter einer neuen Bürgerlichkeit, die Verantwortung übernimmt?

SILKE FRIEDRICH: Damit kann ich gar nichts anfangen. Ich bin Bürger wie alle anderen. Ich würde davon ausgehen, dass jeder morgens aufsteht und sagt, ich möchte ein schönes Leben haben, ein anständiges Leben. Dieses Schichtendenken finde ich schrecklich. Der einzelne Bürger nimmt ja Verantwortung war, aber wir müssen uns fragen, inwieweit wir Strukturen geschaffen haben, die den einzelnen Bürger ermächtigen, ein kreatives Leben zu leben. Dazu gehört eben auch, dass der Einzelne informiert ist.

Wie wichtig ist die Technik für die Informationsentwicklung?

HOLGER FRIEDRICH: In 5000 Jahren Kulturgeschichte haben wir gelernt, wer das bessere Werkzeug hat, hat einen Effizienzvorteil. Wir haben aber zurzeit keine Diskussion über den Einsatz der effizientesten Technologie für die beste Idee. Es wird nicht gefragt, wie wir Technologie im positiven Sinne für unser Leben einsetzen können, auch im Verlagswesen. Wenn Sie sich selber fragen, was Sie lesen, wird das mal Print sein, meistens aber Digital. Also müssen wir uns fragen, wie können wir das versöhnen.

Und wie können wir das tun?

HOLGER FRIEDRICH: Der Inhalt hat jederzeit aktuell an jedem Ort mit niedrigschwelligem Zugang zur Verfügung zu stehen. Sodass man jederzeit in jedem Kanal publiziert. Ein Kanal ist print, und dort bitte richtig gut, der andere ist digital.

Sie haben gestern unser Druckhaus in Lichtenberg besucht, warum?

HOLGER FRIEDRICH: Wir wollten ein Zeichen setzen. Das gedruckte Wort jetzt einfach in die Ecke zu schieben, halte ich für falsch. Es muss eine Rückkopplung geben. Wir werden dafür sorgen, dass dieses Druckhaus ausgelastet wird, vielleicht nicht nur mit Produkten des Berliner Verlages.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht gerade Verlage kaufen, in Ihrer Freizeit?

SILKE FRIEDRICH: Wir haben drei tolle Kinder und ein Abo in der Philharmonie.

Sie sind auch Union-Fan?

HOLGER FRIEDRICH: Union wurde von Schlossern aus Oberschöneweide gegründet, und Schlosser ist ein Beruf, den ich in Niederschöneweide lernen durfte. Insofern gibt es da eine gewisse Zwangsläufigkeit. Ja, ich bin ordentliches Vereinsmitglied.

Unsere Leser sind dieses Jahr in einem besonderen Austausch mit uns wegen des Jubiläums 30 Jahre Mauerfall. Was bedeutet das für Sie?

HOLGER FRIEDRICH: 30 Jahre, da kriegt man schon einen Schreck. Für mich ist die Zeit damals immer noch sehr präsent. International wird man sehr häufig darauf angesprochen und ich glaube, wir können sehr stolz darauf sein, dass wir das so friedlich hinbekommen haben.

SILKE FRIEDRICH: Es macht einen aber auch traurig, dass sich viele nach 30 Jahren so abgehängt fühlen.

Sie sind jetzt Mitglied im erlauchten Kreis deutscher Verleger. Was macht für Sie einen guten Verleger aus?

SILKE FRIEDRICH: Er sollte der Wahrheit verpflichtet sein, der persönlichen und institutionellen Integrität. Ich glaube, dass Verleger eine übergeordnete Verantwortung tragen. Die Medienindustrie ist die vierte Gewalt im Staat. Der Verleger sollte gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Kräften ein gutes Miteinander befördern, progressiv nach vorne. Unabhängigen Journalismus zu ermöglichen, ist dabei eine zwingende Notwendigkeit. Aufklärung im Sinne von Wissensvermittlung ist auch eine zwingende Notwendigkeit.