Berlinerin kämpft nach Borreliose-Infektion um Therapie

90.000 Euro kostete die Behandlung von Vanessa G. bereits, ihre Krankenkasse weigert sich zu zahlen.

Vanessa G. ist chronisch krank und lebt von Hartz IV.
Vanessa G. ist chronisch krank und lebt von Hartz IV.Gerd Engelsmann

Sie sitzt in eine Decke eingekuschelt auf dem Sofa ihrer Altbauwohnung in Alt-Treptow. Vanessa G. ist kalt und sie ist müde. Müde vom Kämpfen gegen ihre chronische Erkrankung einerseits und ihre Krankenversicherung andererseits, die noch immer nicht für ihre Langzeittherapie (die Berliner Zeitung berichtete) aufkommen will. Ihr Anwalt hat gegen den ablehnenden Bescheid im Herbst 2020 Beschwerde beim Landessozialgericht in Berlin eingereicht, doch passiert ist bis heute nichts.

90.000 Euro hat Vanessa G. bereits in ihre medizinischen Behandlungen investieren müssen. Geld, das sie nicht hatte. Ohne Hilfe ihrer Mutter, die ihr den Großteil geliehen und dafür ihre komplette Altersvosorge aufgebraucht hat, und die Unterstützung privater Spender und Stiftungen, die auf ihr Schicksal unter www.buehnen-gaertnerin.de aufmerksam geworden sind, hätte sie die hohen Arzneikosten nicht zahlen können.

Vor dreieinhalb Jahren erkrankte sie lebensbedrohlich an einer chronischen Borreliose mit Co-Infektionen, die durch Zeckenbisse ausgelöst werden können. Bis ihre Krankheit von Medizinern diagnostiziert wurde, hatte die 46-Jährige einen langen Leidensweg. Sie hat ihr Schicksal öffentlich gemacht, um auf die Gesetzeslücke aufmerksam zu machen und anderen Betroffenen zu helfen.

 An fünf Tagen in der Woche fährt sie abwechselnd zu zwei verschiedenen Ärzten und bekommt dort Infusionen mit mehreren Antibiotika. Vor kurzem brauchte sie diese sogar noch an sieben Tagen in der Woche, morgens und abends. Im Monat kostet dieses Medikament 2500 Euro, weil sie nur noch die Hälfte als Dosis erhält, davor waren es 5000 Euro. In dem Betrag enthalten sind noch keine Behandlungskosten. Die erhält Vanessa G. von beiden Medizinern derzeit erlassen, um ihre finanzielle Last wenigstens etwas zu verringern.

Krankheit in Deutschland nicht anerkannt

Doch warum zahlt ihre Krankenkasse die Behandlung nicht? „Chronische Infektionen mit durch Zecken übertragene Erreger sind in Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, als Krankheit nicht anerkannt“, heißt es in einem Schreiben einer weiteren behandelnden Ärztin von Vanessa G., das der Berliner Zeitung vorliegt. Die medizinisch erforderliche Behandlung stelle immer einen „off-label use“ dar und sei damit im Rahmen der GKV so nicht durchführbar.

Die Behandlung einer Borreliose erfolge nach den medizinischen Leitlinien durch eine Antibiotikatherapie über zwei bis drei Wochen. Offenbar wenig erfolgsversprechend: Studien hätten gezeigt, dass sogar über eine Verabreichung von vier Wochen anschließend noch lebende Borrelien isoliert werden konnten und die Krankheit chronifiziert sei, erklärt die Medizinerin in dem Schreiben. Diese Forschungsergebnisse hätten zum Schaden der betroffenen Patienten noch keinen Eingang in die Versorgung gefunden.

Tragisch: Patienten wie Vanessa G., mit multiplen Infektionen, fänden in Deutschland keine adäquate fachliche Behandlung, beispielsweise in Krankenhäusern oder Spezialambulanzen.

Die Betroffenen seien sehr betreuungsintensiv. „Aus den mir vorliegenden Unterlagen entnehme ich, dass die Patientin im Frühjahr 2020 so krank war, dass ein lebensbedrohlicher Zustand vorlag. Trotz Verbesserung ihres Zustandes ist sie bis heute auf Infusionen mit Antibiotika angewiesen“, so die Ärztin. 

Trotz der Langzeitbehandlung ist Vanessa G. noch immer nicht arbeitsfähig. Bis vor ihrer Erkrankung war die freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin eine selbstständige Frau. Doch ihre Krankheit hat ihr auch die finanzielle Unabhängigkeit genommen. „Ich lebe momentan von Hartz IV, weil ich noch immer nicht vollständig genesen bin“, sagt sie.

Dennoch hat sich ihr Krankheitsbild enorm verbessert und sie kann sogar schon wieder Fahrrad fahren und auch kleinere Aufträge annehmen, sodass sie sich zu ihrem Hartz-IV-Satz, bis zur vorgeschriebenen Mindestgrenze, etwas dazuverdienen darf. Darüber sei sie schon sehr froh.

Rechtlich könnte die Beschwerde deshalb Aussicht auf Erfolg haben, da bei Vanessa G. zuvor keine andere Therapie angeschlagen hat. In diesem Fall will sie ihrer Mutter und anderen Spendern das Geld zurückzahlen.

Bemerkenswert sei, dass das Sozialgericht bisher kein eigenständiges gerichtliches Gutachten in Auftrag gegeben habe, erklärt Tim Oehler, Fachanwalt für Medizinrecht, der Vanessa G. juristisch betreut.

Medizinanwalt: „Bisher kein gerichtliches Gutachten in Auftrag gegeben“

„Angesichts der im Vordergrund stehenden medizinischen Fragen, die mit Sicherheit das Gericht mangels eigener medizinischer Qualifikation nicht von sich aus beantworten kann, wäre doch zu erwarten gewesen, dass hier ein auf die Erkrankung der Mandantin spezialisierter ärztlicher Sachverständiger hinzugezogen wird“, betont er.

Vor diesem Hintergrund sei es unverständlich, warum das Gerichtsverfahren so lange dauere. Regelmäßig nehmen Gerichtsverfahren nur dann längere Zeit in Anspruch, wenn Sachverständige hinzugezogen werden müssen, weil diese ihre Gutachten erst noch gegenüber dem Gericht und den beteiligten Parteien erstatten müssen.

Die Berliner Zeitung fragte auch bei der Techniker Krankenkasse an, bei der Vanessa G. versichert ist. Doch dort könne man sich zum laufenden Verfahren nicht äußern, erklärte Sprecher Lennart Paul.

Die Dauer des juristischen Verfahrens belastet Vanessa G. zusätzlich zu ihrer Krankheit. Da auch ihre Ärzte keine Prognose abgeben können, wie lange sie noch auf die Infusionen angewiesen ist, sorgt sie sich, die restliche Therapie nicht mehr finanzieren zu können. Sie sagt: „Ich habe große Angst, dass ich irgendwann keine Unterstützer mehr habe.“