Berlin - Eigentlich hätte dieses Buch erst in ein paar Monaten rauskommen dürfen: „Berlin zum Abkacken – Alle Arschlöcher nach Bezirken“. Ein Buch, das alle Berliner kollektiv als Arschlöcher, Idioten und Heuchler bezeichnet. Ein junger Autor, der sich hinter einem albernen Pseudonym versteckt und sein Gesicht nicht zeigen möchte. Es ist ein Buch wie geschaffen für das literarische Sommerloch. Nicht für den März mit der Leipziger Buchmesse und den wichtigen Veröffentlichungen. Das kann kaum ein Skandal werden. Oder doch?

Das Café Rix in Neukölln ist um halb zehn Uhr morgens noch kaum gefüllt. Kristjan Knall hat sein Buch auf einen Tisch gelegt. Knallgelbes Cover, ein stilisiertes Männchen darauf hält einem anderen eine Pistole an den Kopf. Knall sitzt hinten an einer Wand des Cafés. Mit seinen kurzen blonden Haaren und der schwarzen Sportjacke wirkt der junge Mann eher wie der Typ Informatikstudent denn wie ein Indierocker. Hier geht er sonst nie hin, nur mit Journalisten, die mit ihm über sein Buch sprechen wollen.

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Bezirk für Bezirk rechnet er darin mit einer Stadt ab, die er als größtenteils lebensunwert bezeichnet. Neukölln? Voller Prolls. Tempelhof? Isoliert und spießig. Prenzlauer Berg? Mehr München als Berlin. Lichtenberg? So hässlich, dass man dort nicht mal erschossen werden möchte. Und so weiter. Ein bisschen wirkt es wie ein Reiseführer für Elendstouristen, wenn man davon ausgeht, dass auch klinische Sauberkeit Elend darstellt. Es ist nicht besonders originell.

Reiseführer für Elendstouristen

Dennoch muss man ihm zugute halten: Er legt sich mit allen an, mit dem gleichen Eifer, der gleichen Intensität. Ob Spandau oder Friedrichshain, ob Charlottenburg oder Marzahn. Er kennt sich aus in der Stadt, die er so hasst.

Von sich selbst gibt er wenig preis. Er sei gebürtiger Berliner, sagt aber weder, in welchem Bezirk er aufgewachsen ist, noch wo er wohnt. Er sei viel rumgekommen in der Stadt und „in Strukturen abseits des Mainstreams“ aufgewachsen. Was auch immer das bedeutet. Nicht mal sein genaues Alter will der Mittzwanziger verraten und fotografieren lässt er sich sowieso nur mit Fellmütze und Pilotenbrille. Selbstschutz oder nur peinliche Wichtigtuerei? Er habe schon Todesdrohungen bekommen, sagt er. Er nehme es aber nicht so ernst. Sowas gehe im Internet relativ schnell.

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Im besten Fall kann man Knall attestieren, dass er sich Sorgen um die Stadt macht. Er bedauert das Verschwinden von Freiräumen und die zunehmende Kommerzialisierung, die allmählich dazu führe, dass Berlin seinen eigenen Charakter verliert und zu einer von vielen austauschbaren Metropolen wird. Der offensichtliche Schuldige ist klar: „Ich kreide keine Firma an, die aus dem Elend der Leute Geld macht. Das ist Kapitalismus. Da muss halt die Politik ran. Aber was die gerade macht, ist genau das Gegenteil.“

Er ist nicht unsympathisch, kann kluge Gedankengänge formulieren, wenn er will. Seine Ablehnung von Mainstream und Konventionen ist ebenso berechtigt wie charmant. Irgendwie aber wirkt er bei den meisten seiner politischen Aussagen wie aus der Zeit gefallen. Er verlangt nach einer neuen APO. Springer-Verlag und CDU sind für ihn sowieso Nazis.

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Und wo bitte, fragt er mit leuchtenden Augen, bleibt der gute alte Stein gegen das Establishment. Er ist sehr darauf bedacht, mit schlagkräftigen Sätzen zu punkten. Aussagen wie „Verbrannte Autos sind besser als stehende Autos“ versieht er mit der Bitte, sie zu schreiben. In der Wiederholung aber entlarvt sich das als dasselbe Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, das er den Hipstern, den sogenannten Künstlern und den Modeopfern dieser Stadt vorwirft.

„Berlin kann noch richtig nerven.“

Wenn er könnte, würde Knall aufs Land ziehen. Weg von den sogenannten Arschlöchern, denen er immer wieder auf der Straße begegnet und die seine Aggressionen auslösen. Städte seien grundsätzlich falsch für ihn. Warum er nicht weg kann, sagt er nicht.

Er stellt es sich so vor: Unter der Woche als Einsiedler auf dem Land leben, am Wochenende in die Stadt reinfahren. Sich zuknallen, Spaß haben. So ganz kann er doch nicht von der Stadt lassen. Denn einen kleinen positiven Aspekt sieht Knall dann doch an seiner Heimatstadt: „Berlin kann noch richtig nerven.“ Das könnten viele andere Städte nicht.

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Es wäre müßig, sich über das Buch aufzuregen. Zum einen ist es nicht so schlecht, wie der Titel es vermuten lässt. Ja, an einigen Stellen ist es tatsächlich amüsant zu lesen und in seiner drastischen Sprache und schonungslosen Direktheit oft wahrheitsgetreuer als die anderen selbstverliebten Betrachtungen dieser Stadt. Zum anderen würde die Aufregung dem Autor in die Karten spielen. Er liebt die Provokation. Er liebt die Wut der Leute. Und was bitte ist langweiliger, als einem Provokateur diesen Gefallen zu tun?

Buchpremiere: Berlin zum Abkacken – Alle Arschlöcher nach Bezirken: Ein Handbuch. Mit Kristjan Knall, Mi 20.3.2013, 20.15 Uhr, Eintritt: 7,50/5 Euro, Lehmanns Buchhandlung, Hardenbergstraße 5. Leseprobe hier.