BerlinWarum sollte man diese Frau umbringen? Eine verletzlich wirkende ältere Dame? Sechs Millionen Juden hat die deutsche Vernichtungsmaschine zermahlen. Die meisten Gesichter und Namen der im Holocaust Ermordeten sind inzwischen bekannt. Individuelles Gedenken ist möglich – an Verlorene wie Agathe Lasch. Eine „Gelehrtin“.

Das letzte bekannte Foto von Fräulein Professor Dr. Agathe Lasch stammt vom Oktober 1930. Es zeigt eine zierliche Person von 51 Jahren mit hochgeschlossenem dunklen Kleid und zum Dutt gefasstem Haar aufrecht am Schreibtisch sitzend. An den Wänden des Arbeitszimmers türmen sich Zettelkästen und Bücher. Sie war die erste Frau in Deutschland, die als Germanistikprofessorin in Deutschland forschen, lehren und dafür Gehalt beziehen durfte. 1928 hatte sie ihr bekanntestes Werk publiziert: „Berlinisch. Eine berlinische Sprachgeschichte“, die erste große wissenschaftliche Untersuchung des Hauptstadtdialekts.

Als das Foto entstand, steckte Agathe Lasch mitten in der Arbeit für das „Mittelniederdeutsche Handwörterbuch“. Vollenden durfte sie dieses Großprojekt nicht. Ihre nationalsozialistischen Kollegen drängten die jüdische Konkurrentin ins akademische Abseits. 1933 konnte die Intervention ausländischer Wissenschaftler die Entlassung noch aufschieben, ein Jahr später half auch das nicht mehr. Zum Nachfolger berufen wurde ein SA- und NSDAP-Mitglied ohne Qualifikation. Agathe Laschs Leben endete am 18. August 1942 in einem Wald nahe Riga.

Begonnen hatte es am 4. Juli 1879 in Berlin. Ihr Vater, Siegbert Lasch, litt sein Leben lang an seinem anspruchsarmen Beruf als Lederhändler „en gros“. Mit Leidenschaft verschlang er historische Bücher und blieb geschäftlich erfolglos. Agathe und ihre vier Geschwister bekamen die finanziell prekäre Situation zu spüren. Immerhin besuchte Agathe wie zwei ihrer Schwestern die Höhere Töchterschule und das Lehrerinnenseminar. Der Beruf versetzte sie in die Lage, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Doch das hochbegabte, sensible Mädchen ertrug die geistige Unterforderung nicht. „Ich musste studieren, weil ich produzieren musste“, beschrieb sie ihren Drang. 1906, im Alter von 27 Jahren, legte sie am evangelisch-national ausgerichteten Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg das externe Abitur ab, studierte in Halle und Heidelberg Germanistik und wurde drei Jahre später promoviert. Das Thema der Dissertation lautete „Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts“. Eine „besonders treffliche Leistung“, die  über die gewöhnlichen Dissertationen um ein Merkliches hervorrage,  schrieb Laschs Heidelberger Doktorvater Wilhelm Braune in seinem Gutachten. Die akademische Lehre blieb ihr in Deutschland zunächst versagt.

Jüdische Frauen voran

Karriere: Agathe Lasch konnte ihre Wissenschaftskarriere trotz herausragender Promotion in Deutschland zunächst nicht fortsetzen, weil sie eine Frau war. Sie fand akademische Förderer in den USA. In den 20er-Jahren konnte sie hierzulande Professorin werden, doch wurde ihre Karriere zwangsbeendet, weil sie Jüdin war.

Vorläuferinnen: Elsa Neumann, die 1899 als erste Frau in Berlin ausnahmsweise die Promotion in Physik ablegte, durfte danach nur als Privatgelehrte wirken. Lydia Rabinowitsch-Kempner, die 1912 als erste Frau in Berlin als Tuberkuloseexpertin den Professorentitel bekam, durfte bei Robert Koch hochwertige, aber unbezahlte Dienste leisten.

Bildungsnahe Familien: Dass diese drei Frauen aus jüdischen Familien kamen, war kein Zufall, sondern lag im Eifer jüdischer Eltern begründet, nicht nur den Knaben, sondern auch den Töchtern Bildung zukommen zu lassen: 1901 besuchten in Berlin 11,5-mal so viele jüdische Mädchen eine weiterführende Schule wie christliche.

Das Jüdische spielte in der Familie Lasch nur eine formale Rolle. Man gehörte zwar der Israelitischen Kultusgemeinde an, feierte aber Weihnachten wie die Nachbarn. Für die angehende Lehrerin bedeutete die Herkunft Beschränkung: Die Aussicht, als Jüdin an einer staatlichen Schule Anstellung zu finden, war gering.

Agathe Lasch gelangte mithilfe einer Amerikanerin in die USA, konnte dort als Professorin lehren und 1914 ihre „Mittelniederdeutsche Grammatik“ vorlegen. Von deutschem Patriotismus erfüllt, kehrte sie mitten im Ersten Weltkrieg 1917 zurück, fand Anstellung an der Universität Hamburg, wo sie allseits überzeugte. Sie beherrschte neben etlichen modernen Sprachen Sanskrit, Gothisch, Altnordisch, Altsächsisch, Altfranzösisch sowie sämtliche norddeutschen Dialekte. Der Habilitation 1919 folgte 1923 der Professorentitel. 1926 richtete die Hamburger Universität einen Lehrstuhl für Niederdeutsche Philologie ein – der Personalvorschlag lautete: die „Gelehrtin“ Agathe Lasch „an erster und einziger Stelle“. Die überraschte Hochschulbehörde verlangte weitere Besetzungsvorschläge, doch die Fakultät blieb dabei: „Man komme nicht umhin …“. Zum Wort Professorin fanden die Zeitungen nicht, in den Schlagzeilen hieß es „Fräulein Professor“.

Betrachtet man Fotos der jüngeren wie der älteren Agathe Lasch, glaubt man, eine melancholische, in sich gekehrte Person zu sehen. Kein Lächeln, immer dunkle Kleidung mit langen Ärmeln, in denen sie unauffällig ihre Taschentücher verschwinden ließ, wie Zeitgenossen sich erinnerten. Wohl plagten sie auch Migräneanfälle. Doch das Publikum, das ihre Vorträge oder Lehrveranstaltungen hörte und ihre Texte las, lobte den „lebendigen Stil“. Von Respekt einflößender „souveräner Sachkenntnis und ausführlicher Gründlichkeit“ wird berichtet.

Bei aller wissenschaftlichen Akribie – ihre Freude am Humor, besonders am spezifisch Berlinischen, steckt an. Genussvoll bringt sie in ihrem Buch zum „Berlinischen“ Beispiele für den sprachlichen Einfluss der literarisch stark interessierten jüdischen Intelligenz Berlins im 19. Jahrhundert. Sie fand, dass „deren zersetzende kritische Art sich mit der berlinischen traf“. So spottete man wortwitzig über Goethes 1814 anlässlich des Sieges über Napoleon verfasstes Festspiel „Epimenides“: „Eh wie meen Se des?“ Voller Zuneigung widmete sie sich der Mundart ihrer Heimatstadt, um „die sich die Wissenschaft bisher nicht gekümmert“ habe, und legte ebenso kämpferisch wie selbstbewusst schon im Vorwort los: „Ich bin mir bewusst, dass ich manch liebgewordene Idee zerstören muss. Die alte dilettantische Betrachtung des Berlinischen ist in vielen Fällen zum Gemeingut geworden, und ihre immer wiederholten Angaben gelten als Tatsachen.“

Stolperstein vor der Universität Hamburg
Erinnerung

Berlin: In Halensee gibt es seit 2004 den Agathe-Lasch-Platz nahe dem Kurfürstendamm. In Schmargendorf wurde 2010 ein Stolperstein vor den Haus Caspar-Theyß-Straße 26 für Agathe Lasch und ihre Schwestern Elsbeth und Margarete Lasch verlegt.

Hamburg: 1970 wurde in Othmarschen der Agathe-Lasch-Weg eingerichtet. In der Universität Hamburg trägt ein Hörsaal seit 1999 ihren Namen. Es gibt zwei Stolpersteine: vor der Universität und vor dem Haus Nr. 9 in der Gustav-Leo-Straße. Der Senat verleiht alle drei Jahre den mit 5000 Euro dotierten Agathe-Lasch-Preis für niederdeutsche Sprachforschung. Im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof steht ein Erinnerungsstein.

Mit ebenso großer Erneuerungslust wirkte sie im Sachverständigenausschuss für die Neuordnung der deutschen Rechtschreibung in der jungen Weimarer Republik. Ein Sitzungsprotokoll vom 20. Dezember 1920 hält fest, sie habe sich „für eine weitergehende Neuordnung, z.B. für die Beseitigung der Großbuchstaben“, ausgesprochen. Solch radikale Reformen verhinderte der Bürgerprotest.

Einmal lässt sie im Berlinisch-Buch erkennen, auf welche Schwierigkeiten sie als seltenes weibliches Exemplar im Forschungsbetrieb stieß, hier speziell im Berliner Archiv- und Bibliothekswesen. „In mehr als einem Falle“ sei das Entgegenkommen der leitenden Beamten durch untere Beamte wieder aufgehoben worden. Sie vermied es, als Frau aufzufallen. Die lockere Mode der „Neuen Frau“ der 20er-Jahre mit ihren Bubiköpfen lag Agathe Lasch fern. Sie blieb allein mit ihrer Forschung verheiratet und soll über sich selbst gesagt haben: „Ich habe zwei Abstrakta geliebt – Germanistik und Deutschland.“

Ihre vielgeliebte Bibliothek von 4000 Büchern war eine treue Partnerin, die sie rettete, als sie von der offiziellen Wissenschaft ausgeschlossen, der Zugang zu Universität, Bibliothek, Archiv verboten, der Kontakt zu Kollegen verloren war. Unter Tränen soll sie gefragt haben: „Wem würde ich schaden, wenn ich arbeiten dürfte?“ 1937 entschloss sie sich zur Rückkehr in die Heimatstadt Berlin, in die Nähe ihrer Schwestern. Noch hatte sie ihre Bücher bei sich, als sie in die Caspar-Theiß-Straße 26 in Schmargendorf zog. Nach einer neuerlichen antijüdischen Schikane zogen im April 1939 die Schwestern Elsbeth und Margarethe zu ihr.

Am 9. Juli 1942 verfügte die Gestapo den Einzug der Privatbibliothek. Schon zuvor hatte Agathe Lasch von Versuchen der Hamburger Universität erfahren, ihre Bücher für ein Institut „zu sichern“, falls die einstige Kollegin „abgeschoben“ würde. Am 15. August 1942 gehörten Agathe, Elsbeth und Margarethe Lasch zu den 1004 Menschen, die mit dem 18. Berliner Osttransport vom Güterbahnhof Moabit nach Riga transportiert wurden. Der Zug erreichte nach drei Tagen den Bahnhof Riga Skirotava. Unmittelbar nach Ankunft wurden die Menschen bei Massenerschießungen in den umliegenden Wäldern umgebracht und in Massengräbern verscharrt. Zwei Stolpersteine in Hamburg und einer vor ihrer letzten Wohnung erinnern an sie. Ihr Ehrenmal hat sich Agathe Lasch mit ihrem wissenschaftlichen Werk selbst errichtet.