Ich arbeite an der Bar in einem Club, als ich zum ersten Mal Günther Anton Krabbenhöft tanzen sehe. Ich bin fasziniert und gehe zu ihm, um ihn kennenzulernen. Wir reden kurz und verabreden uns für den nächsten Tag. Er kommt zu meiner Foto-Ausstellung, wir unterhalten uns lange über Kunst, Pflanzen, sein und mein Leben.

Er sagt Sätze wie: "Manchmal denke ich, müsste man Bücher schreiben, um fast vergessene Spiele, Gerichte und Worte am Leben zu erhalten." Dieser 70-jährige Mann inspiriert mich, ich will mehr über ihn wissen. Wer steckt hinter dieser stylischen Uniform?

Wir verabreden uns für einen weiteren Tag und gehen auf einen Cortado in seine Lieblingsbar, die Kaffeebar in der Kreuzberger Gräfestraße. Die Zeit vergeht wie im Flug, als wir uns über sein Leben unterhalten. Es macht Spaß, Anton zuzuhören. Er ist jung geblieben und packt trotzdem immer wieder, wie man es von älteren Herrschaften kennt, Weisheiten aus. Er erzählt von seinen Erfahrungen in Berlin, erinnert sich noch heute an die alten Gerüche dieser Stadt. Die Stadt, die es ihm so angetan hat.

Fest verwurzelt im Gräfekiez

Anton könnte sich niemals vorstellen, an den Stadtrand zu ziehen. Der Kreuzberger Kiez ist sein Zuhause. Er liebt es, im Auge des Taifuns zu wohnen und wundert sich oft, dass keine Gleichaltrigen vorbei spazieren. Dabei sei es doch so schön in seinem Kiez.

Wir machen uns auf zu seiner Wohnung. Er lebt in einem ehemals besetzten Haus, seit fast 30 Jahren zusammen mit den Leuten der ersten Stunde. Sein Dachgeschoss-Appartement ist lichtdurchflutet, offen und mit schönen Designmöbeln bestückt. Hin und wieder verzichtet Anton schon mal auf Ferienreisen, um sich ein neues Möbelstück zu kaufen, sagt er.

Dass sein Stilgefühl eine Gabe ist, spiegelt sich nicht nur in Antons Wohnung, sondern auch in seiner großen Hut- und Fliegensammlung wider. Er erzählt mir von seinem Lieblingseinstecktuch, seinen Porkypie-Hüten, deren Geschichten und woher er sie bekommen hat.

Obwohl Antons Äußeres einer durchkomponierten Malerei gleicht, macht er sich nicht besonders viele Gedanken darüber. Er trägt einfach schon sein Leben lang diese Klamotten - und wundert sich nun darüber, dass sich die Medien für ihn interessieren (seit ein Foto bei Facebook die Runde machte, das ihn in eleganter Dandy-Mode am U-Bahnhof Kottbusser Tor zeigt, Anm. d. Red.). Dabei liebt Anton einfach schöne Dinge, eine besondere Haptik, wie er sagt.

Anton geht regelmäßig zum Sport - aber nicht aufs Laufband, wie man jetzt denken könnte. Sondern zum Tanzen. Daraus zieht er seine Energie. Die Leute reagieren auf ihn und sein stylisches Erscheinungsbild. In mehreren angesagten Techno-Clubs ist er inzwischen Stammgast. Mit mehr Taktgefühl als die Hälfte der anderen, jüngeren Gäste, wippt er dort stundenlang bei Cola oder Mate über die Tanzfläche. Früher verbrachte er seine Nächte im "Dschungel" oder im "Café Mitropa", später im "Café M", erzählt er.

Für mich ist Anton ein  bewundernswerter Mensch, er ist vielen voraus. Er gibt dem nach, was er fühlt - genau, wie es viele jüngere Leute in Berlin auch tun. Hier, wo alles immer im Wandel ist, will er nicht zurückdenken oder nach vorne. Er lebt im Hier und Jetzt, immer aufs Neue, jeden Tag. Fei nach dem Motto: Neuer Tag, neues Outfit, neues Glück.