Die zwei Travestie-Stars, Sheila Wolf (r.) und Gloria Viagra, beleben den Berliner „Tuntenball" neu. 
Foto: Thomas Uhlemann

BerlinIn der Silvesternacht ist Berlin in die neuen 20er-Jahre gerauscht – und erlebt jetzt eine Renaissance der Trends aus dem Goldenen Jahrzehnt. Nun soll es auch eine neue Anlaufstelle für das freie, verruchte, dennoch schicke Feiern der damaligen Zeit geben: einen neuen „Tuntenball“. Das Tanz-Event war in den 20er-Jahren und, nach kriegsbedingter Pause, in den 70er-Jahren Kult.

Und wird nun von der Berliner Burlesque-Ikone Sheila Wolf und Drag-Queen Gloria Viagra neu belebt. Im „Metropol“ soll der Ball am 18. April 2020 steigen – und damit eine alte Tradition für eine hoffentlich lange Zeit neu beleben. „Wir sind seit Jahren jedes Jahr auf dem Presseball zu Gast“, sagt Sheila Wolf. „Dort trafen wir beim letzten Mal eine ältere Dame, die uns fragte, warum es den Tuntenball eigentlich nicht mehr gibt. Sie fand das immer so hübsch und so bunt, zwischen all den Paradiesvögeln.“

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Zwei Jahre ist diese Begegnung her – seitdem beschäftigten sich die beiden Szene-Größen mit der Idee. Der letzte Auslöser sei die Wiedereröffnung des „Metropol“ im Jahr 2019 gewesen. Das Theater am Nollendorfplatz, einst bekannt für Komödien und Operetten, Varieté- und Revuevorstellungen, war jahrelang eine Institution. In den 50er-Jahren wurde daraus ein Filmtheater, das sich in den 70ern auf pornographische Streifen spezialisierte. Dann hielt eine Disco Einzug.

„Tuntenball“ kam Anfang der 70er nach Berlin

„Das Haus liegt mitten im Szene-Distrikt Schöneberg. Jeder erinnert sich an die legendären Ereignisse, die hier damals stattfanden“, sagt Sheila Wolf. Viele Partys gab es, alle Künstler, die Rang und Namen hatten, spielten in dem Gemäuer.

In der Vergangenheit waren die Bälle auch eine Anlaufszene für viele Heterosexuelle, die es genossen, einmal im Jahr in die Rolle des Paradiesvogels zu schlüpfen“ 

Sheila Wolf organisiert gemeinsam mit Dragqueen Glorian Viagra die Neuauflage des legendären Berliner „Tuntenballs"

„Das Metropol war das Berliner Studio 54“, sagt Gloria Viagra. „Alles, was die Stadt bunt und schön machte, spielte sich hier ab.“ Die alte Tradition des Hauses trifft nun auf die Tradition der Tuntenbälle – denn das Event als solches blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die ersten Tuntenbälle gab es bereits im Jahr 1919, so ist es zumindest überliefert.

Definitiv nach Berlin kam der Ball Anfang der 70er-Jahre. Gastwirt Willi Höhne, Chef des Lokals „Andreas’ Kneipe“ am Wittenbergplatz, organisierte einen Tanzabend in Walterschens Ballhaus in der Bülowstraße. 1975 zog der Ball in die „Neue Welt“ in Neukölln. Nach kurzer Pause führte Höhne den Ball 1979 im Berliner ICC fort – hier trat als Gast-Star sogar Hildegard Knef auf.

Schnell entwickelte sich der Ball zur Kult-Veranstaltung der homosexuellen Szene der Hauptstadt. Bis 1995 feierten Hunderte jährlich im ICC – bis das Event wegen niedriger Nachfrage und hoher Kosten abgesagt werden musste. Zwischendurch versuchten der „Fummelball“ und der „Regenbogenball“, an die alte Tradition anzuknüpfen, doch keine der Veranstaltungen wurde so erfolgreich wie der Klassiker.

Bunt und schräg: Gloria Viagra und Sheila Wolf (r.) starten den Tuntenball. 
Foto: Thomas Uhlemann

„Es gibt zwar viele Partys für die Szene, aber kaum Veranstaltungen, bei denen es darum geht, auf hohem Niveau wegzugehen und sich zu amüsieren“, sagt Sheila Wolf. Wert legen die Organisatorinnen auch darauf, dass der Tuntenball keinesfalls ein Event ausschließlich für Angehörige der LGBTI-Szene sein soll.

Promis sollen Programm beim „Tuntenball“ gestalten

„In der Vergangenheit waren die Bälle auch eine Anlaufszene für viele Heterosexuelle, die es genossen, einmal im Jahr in die Rolle des Paradiesvogels zu schlüpfen. Die Leute hatten zusammen Spaß – und so soll es auch dieses Mal wieder sein.“ Für die beiden sei es eine Verpflichtung, diese Tradition aufleben zu lassen. Sie wollen wieder einen Ort schaffen, an dem bunt und schrill gefeiert werden kann.

Das Motto lautet „Märchen“, die Räume werden entsprechend dekoriert. Und Promis sollen das Programm gestalten – bestätigt sind ESC-Siegerin Conchita Wurst, Sängerin Katharine Mehrling und Stars aus der Drag-Szene, darunter Sherry Vine, Bambi Mercury und Detox aus der TV-Serie „RuPauls Drag Race“.

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Auf einer der Toiletten, die zu einer Dschungel-Landschaft umgestaltet werden soll, wird Loveparade-Gründer Dr. Motte auflegen. Nach der Bühnen-Show soll ab 0.30 Uhr Foto-Verbot herrschen. „Die Leute sollen die Sau rauslassen können“, sagt Gloria Viagra.