Berlins erste Medizin-Professorin: Die Stadt bekommt ein Rahel-Hirsch-Center

Das neue Rahel-Hirsch-Center an der Charité soll Forscher, Ärzte und Patienten zusammenbringen. Ziel sind neuartige Therapien von schweren Erkrankungen.

Das neue Rahel-Hirsch-Center am Charité-Bettenhochhaus in Mitte, vom Robert-Koch-Platz aus gesehen.
Das neue Rahel-Hirsch-Center am Charité-Bettenhochhaus in Mitte, vom Robert-Koch-Platz aus gesehen.Konstantin Börner/RHC

Rahel Hirsch war die erste Frau in Preußen, die einen Professorentitel in Medizin erhielt. 1870 als eines von elf Kindern einer liberalen jüdischen Familie in Frankfurt am Main geboren, hatte sie es geschafft, in Zürich Medizin zu studieren. Sie machte ihren Doktor und wurde 1903 Assistenzärztin an der Berliner Charité – als zweite Ärztin überhaupt in der ganzen Klinikgeschichte.

1913 verkündete schließlich eine Zeitschrift: „In der deutschen Residenz, in welcher ein Professor der Universität grundsätzlich Studentinnen den Zutritt zu seinen Vorlesungen versagt, ist nun eine Dame, Frl. Rahel Hirsch, zum Professor an der medizinischen Fakultät ernannt worden.“

An diese erste Professorin erinnert Berlin jetzt mit einem neuen Zentrum. Es heißt Rahel-Hirsch-Center für Translationale Medizin. Eröffnet wird es an diesem Donnerstag (19. Januar) an der Charité in Mitte. Es befindet sich in der Luisenstraße 65, direkt neben dem Charité-Hochhaus. Der ehemalige Operations- und Intensivtrakt der Charité aus den 1980er-Jahren wurde seit 2016 für etwa 88 Millionen Euro kernsaniert. Danach bietet es eine Nutzfläche von insgesamt 14.875 Quadratmetern. Etwa 9600 Quadratmeter davon sind für das Berlin Institute of Health (BIH) vorgesehen, das auch Berliner Institut für Gesundheitsforschung genannt wird.

Wo Krebs beginnt und welche Rolle das Mikrobiom des Darms spielt

Dieses BIH war 2013 gegründet worden, um in Berlin die sogenannte Translation voranzubringen – die Überführung von neuen Forschungsergebnissen in klinische Studien. Gemeinsam getragen wurde das Institut zunächst von der Charité und dem Max-Delbrück-Center. Nach einigen organisatorischen Querelen wurde das BIH dann 2021 in die Charité integriert, als eigenständige Institution, mit dem Max-Delbrück-Center als Partner.

Wissenschaftler sind am BIH unter anderem Vorgängen im Erbgut und in Zellen auf der Spur, die zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunkrankheiten, Krebs, Alzheimer, Parkinson und vielen anderen Krankheiten führen. Die Forscher wollen zum Beispiel wissen: In welchen Zellen beginnt Krebs? Welche Rolle spielen die Blutgefäße bei der Tatsache, dass jemand einen Schlaganfall überlebt, ein anderer jedoch nicht? Wie trägt das Mikrobiom des Darms dazu bei, dass wir gesund bleiben oder krank werden?

Rahel Hirsch etwa zu der Zeit, als sie zur Professorin ernannt wurde
Rahel Hirsch etwa zu der Zeit, als sie zur Professorin ernannt wurdeImago/piemags

Forscher, Ärzte und Patienten unter einem Dach

Ziel der Forschung ist eine personalisierte, auf die einzelnen Patienten zugeschnittene Medizin. Dafür gibt es eine Reihe von neuen Ansätzen, die in Berlin entwickelt wurden, etwa eine Immuntherapie gegen Krebs, ein Mittel gegen erbliche Blutgerinnungsstörungen oder eine regenerative Therapie für genetisch bedingte Muskelerkrankungen. Erst 2021 entstand in Berlin-Buch das neue Käthe-Beutler-Haus – als gemeinsames Zentrum des Max-Delbrück-Centers und des BIH auf dem Gebiet der Blutgefäßmedizin.

Das neue Rahel-Hirsch-Center wird von der Charité und dem BIH gemeinsam genutzt. Das sechsgeschossige Gebäude am Charité-Bettenhochhaus soll „die innovative, patientennahe und translationale Forschung des BIH mit der medizinischen Versorgung der Charité unter einem Dach vereinen“, wie es in der Beschreibung heißt. Kurz: Wissenschaftler, Ärzte und Patienten arbeiten in einem Haus mit kurzen Wegen.

Im neuen Zentrum werden viele Forschungseinheiten zusammengeführt, die bisher über Berlin verteilt sind. Sie erhalten Büros, Labore und modernste Technologie, die für alle zur Verfügung stehen soll. Ärzte sollen hier für den Umgang mit neuesten Techniken und Verfahren geschult werden. Das Gebäude bietet Räume für Veranstaltungen und Kooperationsprojekte mit der Industrie, wie es in der Ankündigung heißt.

Rahel Hirsch arbeitete an der Charité ohne Gehalt

Im Patientenzentrum der Clinical Research Unit von BIH und Charité befinden sich Untersuchungs- und Behandlungsräume für klinische Studien. Aber auch Patienten außerhalb von Studien werden im neuen Gebäude behandelt, zum Beispiel im Hauttumorzentrum der dermatologischen Klinik. Vertreten sind ebenfalls die Hochschulambulanzen des Charité Comprehensive Cancer Centers (CCCC) – wo es um die fachübergreifende Betreuung von Patienten mit Krebs- und Bluterkrankungen geht – sowie der Neuropathologie und Neurochirurgie. Es gibt einen direkten Übergang zum Bettenhochhaus der Charité.

Rahel Hirsch, die forschende Ärztin, Professorin und Leiterin der Poliklinik an der II. Medizinischen Klinik der Charité, bekam einst übrigens selbst kein Geld für ihre Arbeit. Die Charité verwehrte ihr einen Lehrstuhl und ein Gehalt. Ihre Forschung wurde erst mehr als 50 Jahre später anerkannt. Der nach ihr benannte Hirsch-Effekt bezeichnet die Durchlässigkeit der Schleimhäute im Dünndarm.

Emigration nach London und traurige letzte Lebensjahre

1919 verließ Rahel Hirsch die Charité und konzentrierte sich auf ihre eigene Arztpraxis. Später entzogen die Nazis ihr die Kassenzulassung. Sie durfte Nichtjuden nicht mehr behandeln. 1938 emigrierte sie nach London, wo ihre Schwester lebte, arbeitete als Laborassistentin und Übersetzerin. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in einer Nervenheilanstalt, geplagt von Depressionen und Verfolgungsängsten. 1953 verstarb sie im Alter von 83 Jahren.

An der Eröffnung des neuen Zentrums am Donnerstag soll auch Eva Alberman teilnehmen, die Großnichte von Rahel Hirsch. Sie emigrierte mit ihren Eltern bereits 1933 nach London. Sie war ebenfalls Medizinerin – so wie ihre Großtante. Als Professorin für Klinische Epidemiologie arbeitete sie unter anderem am Royal London Hospital. Die heute 93-Jährige ist außerdem die Nichte von Stefan Zweig und verwaltet dessen Nachlass.