Berlin - Die Aufklärungsquoten sind niedrig, Polizisten auf Berliner Straßen kaum noch präsent, Mitarbeiter fühlen sich ausgebrannt: Nach Auffassung von Ex-Polizeipräsident Georg Schertz ist in den vergangenen Jahrzehnten an der falschen Stelle gespart worden.

Als er 1992 sein Amt als Polizeipräsident niederlegte, war die Polizei der Hauptstadt personell noch gut ausgestattet. Heute ist sie nur noch unter großen Schwierigkeiten in der Lage, die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. Nach Auffassung des 82-jährigen Schertz hat Berlin fast 8000 Polizisten zu wenig.

Von 1987 bis 1992 war Georg Schertz Polizeipräsident zunächst von West-Berlin, dann von Gesamt-Berlin. In dieser Zeit musste er bei dem von schweren Krawallen begleiteten Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan im Juni 1987 für Sicherheit sorgen.

Er erlebte den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung der Stadt, musste mit den Krawallen in der Mainzer Straße fertig werden und beide Polizeibehörden zusammenlegen. „Bis dahin hatte ich im Vollzugsdienst für Westberlin 17.000 Kräfte. Diese Ausstattung war leicht überhöht, weil circa 600 Kräfte davon für die Rundumbeobachtung der innerstädtischen Grenze, der Mauer, zum Einsatz kamen“, erinnert sich Schertz.

Laut Schertz bräuchte Berlin 24.000 Polizisten

„Mit dem Mauerfall wurden etwa 8000 Volkspolizisten in den Dienst des Landes Berlin übernommen, davon 4000 für den Exekutivbereich der Polizei. Mit den 17.000 West-Berliner Kräften standen somit nach dem Mauerfall zunächst 21.000 Exekutivkräfte zur Verfügung. Das war und bleibt aus meiner Sicht eine Orientierungszahl.“ Exekutivkräfte sind die Beamten auf der Straße.

Um die Sicherheit in der Hauptstadt optimal zu gewährleisten, wären laut Schertz sogar 24.000 Beamte nötig. „Denn Berlin hat eine stürmische Entwicklung durchgemacht.“ Auch die osteuropäische Grenzöffnung spiele eine Rolle für die Kriminalitätslage.

Allerdings begann sich die Zahl der damals 21.000 Vollzugsbeamten nach der Vereinigung beider Stadthälften schleichend zu reduzieren – bis 2001 auf rund 18.000. Denn die Behörde trennte sich von einigen aus der DDR übernommenen Volkspolizisten, weil sie politisch belastet waren. Hinzu kamen Pensionierungen. Schertz meint zudem: Damals habe „eine Euphorie vorgeherrscht, wie schön alles würde“. Möglicherweise habe man damals die kommenden Probleme unterschätzt.

Die Zahl der Vollzugsbeamten sank wegen Stellenabbau und Pensionierung

Nach dem Bankenskandal, über den 2001 der damalige Regierende CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen stürzte und der Berlin schwere Schulden hinterließ, kündigte der danach Regierende Klaus Wowereit (SPD) an zu „sparen bis es quietscht“. Die Zahl der Vollzugsbeamten sank wegen Stellenabbau und Pensionierung auf 16 150. Inzwischen gibt es wieder rund 16.450 Vollzugsbeamte. Die Zahl soll demnächst auf 18.000 erhöht werden.

Schertz sagt, dass sich das zwar viel anhöre. Doch wenn man einen 24-Stunden-Dienst in Betracht ziehe, Urlaub, Krankheit und Fortbildung, müsse man diese Zahl durch 6 teilen, um zu wissen, wie viele Leute man im Augenblick zur Verfügung hat. Die 6 ist eine Faustregel in allen Dienststellen.

„Den Polizeibeamten ist es ein Anliegen, ihren Aufgaben gerecht zu werden“, sagt er. „Aber sie leiden sehr daran, dass sie es nicht mehr schaffen mit den wenigen Leuten. Die Personalausstattung ist die Wurzel allen Übels. Es ist doch eine Illusion zu glauben, dass man ganz Berlin mit weniger Kräften schützten kann, als ich seinerzeit nur für West-Berlin hatte.“