Berlin - Es gibt sechs Bäder, fünf Küchen, große Gemeinschaftsflächen im Dachgeschoss, einen Projektraum und irgendwann auch noch einen Dachgarten. Was derzeit an der Malmöer Straße 29 in Prenzlauer Berg entsteht, zählt zu den wohl ungewöhnlichsten Wohnexperimenten der Stadt. 18 Erwachsene und drei Kinder wollen dort zusammen in einer Art Riesen-Wohngemeinschaft leben. Ende August soll das Haus fertig sein, dann will Berlins vermutlich größte WG einziehen.

Wenn die Bewohner über ihr Haus reden, sprechen sie immer von der Gruppe. Die Gruppe findet…, die Gruppe kauft…, die Gruppe hat entschieden… „Wir wollen aus den herkömmlichen Strukturen des Zusammenlebens ausbrechen“, sagt David Scheller. Der 33-Jährige ist Soziologe und beschäftigt sich mit den sozialen Entwicklungen in der Stadt. Der Aufwertung im Viertel, die mit Mietsteigerungen einhergehe, wolle man mit dem Hausprojekt etwas entgegensetzen.

Basisdemokratisches Kollektiv

Um die Riesen-WG zu organisieren, hat sich die Gruppe auf einen Grundkonsens verständigt: Antisexistisch, antirassistisch und antifaschistisch wolle man zusammenleben, heißt es. Als Kollektiv. Niemand steht über dem anderen, Entscheidungen fallen im Konsens und hierarchiefrei.

Gibt es ein Problem, etwa mit der Farbe des Hauses oder mit dem Bodenbelag, wird so lange geredet und nach einer Lösung gesucht, bis alle einverstanden sind. Mehrheitsentscheidungen sind ausgeschlossen. „Das verlangt sehr viel Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme“, sagt die Studentin Luisa Rossi.

Eine Küche für Raucher

Die Gruppe beschreibt sich als homogen. Es sind Chemiker, Architekten, Studenten, die sich zusammengefunden haben. Alle haben WG-Erfahrung und sind zwischen 21 und 37 Jahre alt. Die Kinder sind noch klein, acht Monate bis zweieinhalb Jahre. In dem Neubau ohne Keller mit zwei Wohnetagen und dem Dachgeschoss wird jeder Bewohner ein 16 Quadratmeter großes Zimmer erhalten.

Die Architektur des Hauses orientiere sich an den Gemeinschaftsflächen, sagt Architekt Oliver Clemens. Über verwinkelte Flure sind die Zimmer erreichbar. Es gibt keine abgetrennten Wohnungen. Das Individuelle steht im Hintergrund. „Das ist eine Art Zimmer-Sozialismus, die Wohnräume sind relativ klein und gleich.“ Rechnet man die Gemeinschaftsflächen mit, stehen jedem Bewohner 40 Quadratmeter zur Verfügung.

Die Bäder verteilen sich über alle drei Etagen, die Küchen auch. Im Dachgeschoss wird nicht gewohnt, dort gibt es eine Großküche, in der vegetarisch gekocht werden soll. Zudem gibt es kleinere Küchen für Fleischgerichte, in einer können Raucher unter sich sein, so dass man sich nicht immer der Gemeinschaft aussetzen muss. „Wir öffnen uns auch zum Kiez. Den Projektraum im Dach werden wir der Nachbarschaft und sozialen Initiativen zur Verfügung stellen“, sagt Lukas Fuchs.

Drei Jahre Vorbereitung

Das Hausprojekt wird seit drei Jahren vorbereitet und geplant. Realisiert wird es zusammen mit dem Mietshäusersyndikat, das seit 20 Jahren Projekte unterstützt und vernetzt, die Häuser kaufen und dem Markt entziehen wollen. Bundesweit gibt es inzwischen gut 60 dieser Projekte.

Die Gruppe in Prenzlauer Berg wollte ursprünglich einen Altbau kaufen, fand aber kein geeignetes Haus. Mit Hilfe des Syndikats wagte man sich dann an den Neubau und erwarb das Grundstück zwischen der S-Bahn und einem Hof der Stadtreinigung.

Rund eine Million Euro kostet das Projekt. Drei Viertel davon werden über einen ganz normalen Kredit bei der GLS Gemeinschaftsbank finanziert. Ein Viertel besteht aus Eigenkapital. Das wiederum wurde durch 50 kleine Kreditgeber zusammengebracht, die zwischen 800 und 3000 Euro als Direktkredite zu einer geringen Verzinsung in das Projekt investiert haben. „Da steckt bei den Leuten auch ein Stück Idealismus dahinter“, sagt Rico Schönberg vom Mietshäusersyndikat.

5,92 Euro Netto-Kaltmiete

Die Bewohner sollen ihre Kredite in 35 Jahren abgezahlt haben. Zu dem Konzept gehört auch, dass die verschiedenen Projekte in einen Solidarfonds einzahlen, um andere Wohnprojekte anzustoßen. Auch die Mieten sind vergleichsweise moderat: In den ersten drei Jahren beträgt sie 5,92 Euro netto kalt pro Quadratmeter, danach bleibt sie mit 7,20 Euro je Quadratmeter bis 2022 stabil.

Das war den Bewohnern wichtig, jeder zahlt pro Monat etwa 300 Euro. Deshalb findet Baustaatssekretär Ephraim Gothe (SPD) das Projekt „irre“. Es gebe kein Neubauprojekt in Berlin mit derart niedrigen Mieten.