Berlin - Manchmal geht es ganz schnell. Auch in der Politik. Sogar in Berlin. Innerhalb weniger Monate bekam die Stadt ihren zehnten Feiertag: den 8. März – den Internationalen Frauentag. Was des einen Freud, ist des anderen Leid. Denn der überraschend freie Tag – der diesmal auf einen Freitag fällt – wirbelt einiges durcheinander. Dass der Feiertag in gedruckten Kalendern 2019 fehlt, ist da eine Petitesse.

Justiz sagt Termine ab

Die Gerichte und die Bürgerämter sind oftmals chronisch überlastet, Termine werden Wochen im Voraus festgelegt. Nun muss die Justiz für den 8. März einiges umwerfen: An den drei Standorten des Berliner Landgerichts waren 80 Prozesstermine anberaumt, im Amtsgericht Mitte – eines von elf Amtsgerichten der Stadt – 31 Termine. Sie werden abgesagt. „An gesetzlichen Feiertagen finden grundsätzlich keine Verhandlungen in den Gerichten statt“, sagt Thomas Heymann, Sprecher der Zivilgerichte.

Viele Bürgerämter waren vorausschauender: Sie haben den Tag bereits Wochen vor dem Beschluss in ihren Systemen blockiert. Ein besonderer Fall sind die Standesämter, denn Hochzeiten werden Monate im Voraus geplant. In Pankow stehen fünf Trauungen an, heißt es. Sie werden stattfinden – zwei Mitarbeiter des Standesamts werden ihren Feiertag „auf freiwilliger Basis“ für die Pärchen opfern. (Annika Leister)

Geschlossene Schulen und Kitas

Gute Nachricht für Schüler: Sie haben länger Zeit zum Lernen. Denn an den Schulen müssen einige geplante Klausuren verschoben werden. Der Aufnahmetest für die 5. Klassen der naturwissenschaftlichen Klassen sollte am 8. März stattfinden und musste auf den 12. März verlegt werden.

Blöd nur, dass auch die Projekttage verlegt werden mussten. Die Berliner Kitas bleiben am neuen Feiertag ebenfalls geschlossen. Viele der schätzungsweise 180.000 Pendler, die in Brandenburg arbeiten, oder Menschen, die am Feiertag arbeiten müssen, haben nun ein Betreuungsproblem. (Martin Klesmann)

Zum Shoppen ins Umland

Da alle Geschäfte am Feiertag geschlossen sind, werde mit Umsatzeinbußen im zweistelligen Millionenbereich gerechnet, sagt Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg. Eine „kleine Versüßung“ dieses Ärgernisses sei der verkaufsoffene Sonntag in Berlin noch am selben Wochenende. Vielleicht reisen dann ja viele Brandenburger zum Shoppen in die Hauptstadt.

Gleichzeitig könnte der 8. März für den Brandenburger Handel ein Plus sein, weil viele Berliner vielleicht zum Einkaufen ins Umland fahren. Das Prinzip funktioniere ja auch am Reformationstag, den die Brandenburger feiern und an dem viele von ihnen zum Shoppen nach Berlin fahren. „Gottes Geschenk für den Berliner Handel“, nennt Busch-Petersen den Reformationstag. Ob der berlineigene Feiertag denselben Effekt auf Brandenburg hat, will der Verband genau erheben. (Annika Leister)

Flip-Flops oder Moonboots

Meteorologisch beginnt der Frühling am 1. März, doch kalendarisch ist der neue Feiertag noch ein Wintertag, denn der Frühling beginnt dieses Jahr am 20. März um 22.58 Uhr. „Klassischerweise ist Anfang März eine Übergangszeit mit einem noch immer deutlichen Hang zum Winter“, sagt Petra Grasse vom Institut für Meteorologie der FU Berlin.

Das zeigt der langjährige Temperaturmittelwert für den 8. März: Der liegt über den gesamten Tag gerechnet bei genau 3 Grad. „Aber die Extremwerte für diesen Tag zeigen, dass vieles möglich ist.“ Die niedrigste Temperatur, die seit 1909 an einem 8. März gemessen wurde, lag bei bitterkalten minus 14 Grad 1965. Fünf Jahre später lagen 42 Zentimeter Schnee. Es gibt auch wahre Hitzerekorde: 2015 wurden am 8. März 17,5 Grad gemessen, 2011 schien die Sonne sogar 10,9 Stunden lang. Ein Sommerwert. (Jens Blankennagel)

BVG zahlt drauf

Wichtig zu wissen: Am 8. März fahren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nicht nach dem Feiertags-, sondern nach dem Sonnabendfahrplan. „Er passt am besten, weil wir davor und danach einen durchgehenden Nachtverkehr anbieten“, erklärt Sprecherin Petra Nelken. Der neue Feiertag sei „wahnsinnig kurzfristig“ eingeführt worden, doch glücklicherweise habe die Personalvertretung der Anpassung der Dienstpläne rasch zugestimmt.

Im Vergleich zu regulären Freitagen werden 89 U-Bahn-Fahrer sowie je 200 Bus- und Straßenbahnfahrer nicht gebraucht. Doch unterm Strich werde die BVG wenig oder nichts sparen. Wer Dienst hat, erhält Feiertagszuschlag – und weil es weniger Fahrgäste gibt, dürften die Fahrgeldeinnahmen etwa 200.000 Euro niedriger liegen. (Peter Neumann)

Frauen an die Turntables

Während die einen über verlorene Umsätze schimpfen, könnten sich die Clubbesitzer freuen. Da der Feiertag ein Freitag ist, könnten sie ihre Pforten bereits am Donnerstag öffnen. Doch ganz so einfach ist es auch nicht: Der Beschluss zum Feiertag sei für viele Betreiber zu kurzfristig gekommen, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission.

Für viele, besonders für große Locations reiche die Zeit wohl nicht, um das nötige Personal zu beschaffen und die Veranstaltungen am Donnerstag zu bewerben. „Viele eruieren noch, wie groß das finanzielle Risiko ist“, sagt Leichsenring. Passend zum politischen Anlass des Tages hat die Commission einen besonderen Vorschlag: am Donnerstag nur weibliche DJs an die Turntables. (Annika Leister)

Ausschlafen statt streiken

Aktivistinnen planen in Deutschland Großes: Einen bundesweiten Streiktag. Und zwar am 8. März. Ihr Vorbild: Spanien. Dort hat eine feministische Bewegung das halbe Land lahmgelegt. Mehr als fünf Millionen Menschen gingen auf die Straße, Frauen legten ihre Arbeit nieder, blockierten Straßen und Unis, demonstrierten für mehr Rechte, eine bessere Bezahlung.

Das Netzwerk „Frauen*streik“ will solch einen Streiktag auch in Deutschland einführen. Nun hat Berlin ohnehin an diesem Tag frei. Damit bleibt der Streiktag für Berliner Feministinnen ein zahnloser Tiger. Statt Revolution kann nun ausgeschlafen werden. (Melanie Reinsch)

Ab ins Kino

Die Berliner Polizei schaut gelassen auf den Feiertag. Klar – es ist ja auch kein neuer 1. Mai mit jeder Menge Randale. Aber falls es doch krachen sollte, sei die Polizei jederzeit in der Lage, die Mitarbeiter zu mobilisieren und in den Dienst zu rufen, sagt Polizeisprecher Michael Gassen. Dafür gibt es spezielle Alarmierungspläne, die täglich aktualisiert werden. „Egal, ob es Feiertag ist oder nicht.“ Für den 8. März ist bislang aber keine einzige Großdemo angemeldet.

Die Mitarbeiter des Tagesdienstes in den Büros und Werkstätten werden sich über ein verlängertes Wochenende freuen. So auch eine Mitarbeiterin aus der Direktion 6. „Mir gefällt der zusätzliche Feiertag“, sagt sie. „Ich werde ihn mit zwei Freundinnen verbringen.“ Die Frauen wollen ins Kino gehen und ein Café besuchen. Ohne ihre Männer? „Die arbeiten beim Rettungsdienst der Feuerwehr und haben Dienst“, sagt die Polizistin. Lutz Schnedelbach

Liberale schuften

Als die FDP ihren Parteitag plante, hat sie kaum damit gerechnet, dass der auf einen Feiertag fallen würde. Am 8. und 9. März tagen die Liberalen im Ellington Hotel. Die Delegierten müssen also arbeiten. Ob es bei den Reden auch um Frauen gehen wird, bleibt abzuwarten.

Man sehe keine Auswirkungen für den Parteitag, sagte Generalsekretär Sebastian Czaja. Parteiveranstaltungen würden generell in der Freizeit der ehrenamtlichen Mitglieder organisiert. Die FDP hatte gegen den 8. März als Feiertag gestimmt. Schließlich sei bei der FDP jeder Tag Frauentag, behauptete Czaja zuvor auf Twitter. (Melanie Reinsch)

Ohne Kollegen ins Grüne

Berliner sind begeisterte Ausflügler. Wenn es raus ins Grüne geht, dann gern auch nach Brandenburg. Sie stellen dort einen Großteil der 93 Millionen Tagesausflügler pro Jahr. „Der Tourismus, auch die Tagesreisen der Berliner, sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Brandenburg“, sagt Patrick Kastner von der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH.

„Der Touristische Gesamtkonsum liegt pro Jahr bei 6,1 Milliarden Euro.“ Viele Ausflügler sind an Wochenenden und Feiertagen unterwegs. Mit der Aktion „Winterliches Brandenburg“ und unter dem Slogan „8. März ohne Kollegen“ soll nun besonders um Berliner geworben werden, die zu einem Kurzurlaub ins Nachbarland reisen. (Jens Blankennagel)

Wirtschaft is not amused

Bei den regionalen Unternehmensverbänden sowie der Industrie- und Handelskammer war man ob der Entscheidung alles andere als erfreut. Einen zusätzlichen Feiertag könne sich Berlin überhaupt nicht leisten, so die kollektive Einschätzung. Eine „Fehlentscheidung“, schäumte IHK-Präsidentin Beatrice Kramm, und prompt lieferten die Taschenrechner der Hausökonomen das zu erwartende Ausfallergebnis: Um etwa 160 Millionen Euro würde das Bruttosozialprodukt Berlins durch diesen einen Feiertag geschmälert werden. 

In der Gastronomie klagt man bereits über höhere Personalkosten wegen der nötigen Feiertagszuschläge. Wenngleich am 8. März in sehr vielen Bereichen der Wirtschaft tatsächlich keine Wertschöpfung stattfinden wird, sieht man die ökonomischen Auswirkungen des Feiertags bei der Investitionsbank Berlin weniger pessimistisch. „Der Gesamtnegativeffekt dürfte gering sein“, sagt IBB-Volkswirtin Sarah Kopp. Allein in der Gastronomie und in Freizeiteinrichtungen erwartet sie an diesem Tag einen Umsatzschub, der deutlich über dem Mehr an Personalkosten liegt.

In Bauwesen und Dienstleistungsbereich würde die Abarbeitung von Aufträgen sicher oft auf andere Tage verteilt. Außerdem sei davon auszugehen, dass mit einem freien Tag auch die Motivation und damit die Produktivität steigt. Und schließlich verweist die Volkswirtin auf andere Bundesländer. „Bayern hat 13 Feiertage und dennoch eine starke Wirtschaftsleistung.“