Anne-Claire Dani (24) spielt für Reporter Florian Thalmann (30).
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Berlin-NeuköllnWoran werden Sie sich erinnern, wenn Sie in zehn Jahren an die Corona-Krise denken? An Hamsterkäufe? An die Maskenpflicht? Daran, wie still es war auf den Straßen dieser Stadt? Jede Krise hat ihre Momente, die jenen, die sie erlebten, noch Jahre später ins Gedächtnis kommen. Einer meiner Corona-Augenblicke passierte am Mittwoch um 19.15 Uhr im Neuköllner Heimathafen.

Ich betrete den leeren Theatersaal, das Licht ist an, der Blick geht zur Bühne. Zwei Stühle stehen dort, Meter voneinander entfernt. Der linke ist leer, auf dem rechten sitzt eine Frau mit einem Cello. Ich gehe auf die Bühne zu, wie hypnotisiert, währenddessen wird das Licht gedimmt. Ein magischer Moment. Kurze Pause vor der Treppe, tief durchatmen. Dann gehe ich die Treppe nach oben, setze mich auf den leeren Stuhl. Die Frau mit dem Cello sieht mich an.

Zehn Minuten Musik von Mensch zu Mensch

Nur wir beide sind im leeren Saal, es ist still – und mich erwartet ein Konzert, wie ich es nie wieder erleben werde. „1:1 Concerts“ heißt das Musikprojekt, initiiert zugunsten der Orchestermusiker, die wegen der Corona-Krise nicht spielen können. Die Idee: Ein Ort, zwei Stühle, ein Musiker, ein Zuhörer. Erst eine Minute stummer Blickkontakt, dann zehn Minuten Musik von Mensch zu Mensch. Das Ganze ist ein Blind Date mit einem Musiker oder, für den Musiker, mit einem Zuhörer. Nach dem Konzert verlässt der Gast den Raum, bekommt einen Zettel mit den Namen von Künstler, Komponist und Stück – und geht. Jeder kann sich kostenfrei anmelden, um Spenden für den Nothilfefonds der Orchester-Stiftung wird gebeten.

Die Idee nahm bei einem Kammermusikfestival in Thüringen ihren Anfang, hier organisierten Szenografin Franziska Ritter, 40, und Kulturvermittler Christian Siegmund, 44, im vergangenen Jahr erste 1:1-Konzerte, weil das Thema des Festivals „Einfach“ lautete. Nun, etwas später, kommt die Corona-Krise, „und da passte das Format natürlich besser denn je“, sagt Ritter. Also wurde die Idee zu einer eigenen Reihe. „Wir sehen es als unseren Gegenentwurf zu diesem Virus“, sagt Siegmund. Die Idee, dass zwei Menschen im Rahmen des Mikro-Konzerts einen so intimen Moment miteinander erleben, setze in Zeiten der Distanz der Distanz etwas entgegen.

Das Konzert beginnt mit intensivem Blickkontakt, eine Minute lang schauen die Musikerin und ich uns stumm in die Augen. Zuerst ist es beklemmend, doch dann baut sich, schwer zu beschreiben, eine Verbindung zwischen uns auf. „Ich merke dann, dass es sich so anfühlt, als würden unsere Atemzüge gleichmäßig werden“, wird sie später sagen. „Und dann beginne ich mit dem Spielen.“

Seit ihrem vierten Lebensjahr spielt Anne-Claire Dani Cello.Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Sie heißt Anne-Claire Dani, ist 24 Jahre alt. Ich lerne sie nach dem Konzert kennen, ein Treffen, das normalerweise nicht vorgesehen ist. Seit ihrem vierten Lebensjahr spielt sie Cello, erzählt sie. „Mit dem Instrument kann ich alles sagen und ausdrücken.“ Unterricht in Kindheit und Jugend, nach dem Abitur folgte das Studium an der Hochschule für Musik in Saarbrücken, später die Fortsetzung der Ausbildung an der Berliner UdK. Heute ist Anne-Claira Akademistin an der Deutschen Oper.

Sie nimmt ihr Cello. Ein Stück von Bach, getragen, aber plötzlich wieder hoffnungsvoll. Der dunkle Klang, der leere Saal, die Zweisamkeit, all das ist völlig überwältigend. Es ist eine Achterbahn der Gefühle: Mal überwiegt die Faszination für Anne-Claires Spiel, dann fühlt es sich merkwürdig an, hier zu sitzen, dann kommen Tränen, weil die Musik die eigenen Gefühle aus den hinteren Ecken des Gehirns an die Oberfläche trägt. Die Cellistin scheint gefangen in ihrer Welt, ich in meiner, doch die Musik schafft für zehn Minuten eine Verbindung zwischen uns beiden.

Die Corona-Krise trifft Anne-Claire. Als der Shutdown begann, hätte sie in der Oper spielen sollen, „eine ‚Zauberflöte‘ und einen ‚Schwanensee‘“, sagt sie. Außerdem stand ein Konzert der Akademisten an. „Niemand hat damit gerechnet, dass die Situation so lange dauern wird.“ Warum sie nun die 1:1-Konzerte spielt? Musiker, ihre Existenzen, ihre Familien seien durch die Krise gefährdet. Mit den gesammelten Spenden könne man etwas für jene tun, die in Schieflage geraten, sagt Anne-Claire. Hinzu kommt: Jedem Künstler fehlen die Auftritte, die Chance, andere glücklich zu machen.

Wer es verstehen will, muss es selbst erleben

Die Sorgen scheinen wie weggeweht, als sie spielt. Ein Stück, dann das nächste. Später wird sie sagen, es sei ihr längstes 1:1-Konzert gewesen, es habe sich einfach nicht nach Aufhören angefühlt. Erst nach dem dritten lässt sie den Bogen sinken. Applaus und Sprechen – beides ist verboten. Wir stehen auf. Stumm nicke ich ihr zu. Sie hält sich die Hand an ihr Herz, und ich mache es ihr nach, weil ich nicht weiß, wie ich mich sonst bedanken kann. Dann drehe ich mich um und gehe von der Bühne.

Das Licht geht an, ich verlasse den Saal. Ich brauche ein paar Minuten, um wieder in der realen Welt anzukommen. Wer es verstehen will, muss es selbst erleben. Knapp 700 solcher Konzerte wurden in ganz Deutschland bisher durchgeführt, in Berlin ist die Reihe gerade gestartet. Überall wird gespielt: Im Heimathafen, im Hinterhof, in der Physiotherapie-Praxis. Die ersten Termine sind ausgebucht, weitere folgen. Auch Anne-Claire will wieder spielen, sagt sie zum Schluss. Beim ersten Mal sei sie nervös gewesen, die Situation ungewohnt. „Aber es ist herrlich, nicht festgelegt zu sein auf eine Länge, auf ein Stück. Und einen anderen Menschen auf diese Weise kennenzulernen, verändert die eigene Wahrnehmung.“