Im Polizeiabschnitt 62 in Berlin-Biesdorf ging erst die Heizung kaputt. Dann fiel der Strom aus.
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BerlinJahrelang hieß es in Berlin „sparen, bis es quietscht!“. Dieser Spruch kam vom damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Öffentliche Verwaltung, Polizei und Feuerwehr wurden dermaßen zusammengespart, dass vielerorts die Dienststellen marode sind. Putz fällt von Decken, Abwasserrohre brechen, Ratten kommen aus Toiletten, Heizungen und Strom fallen aus – zuletzt im Polizeiabschnitt 62 an der Cecilienstraße in Biesdorf.

Dort ging am 20. Dezember die Heizung kaputt. Die Polizisten trugen von überall her elektrische Ölradiatoren zusammen. Wegen des Stromverbrauchs brannten am Donnerstag die Sicherungen durch. Rechner stürzten ab, elektrische Eingangstüren blieben zu, Funkwagen konnten nicht mehr koordiniert werden. Die Wache wurde geschlossen, die Streifenwagen wurden vom Nachbarabschnitt zu Notfällen geschickt.

Im Abschnitt 64 in Lichtenberg fiel den Kripo-Beamten die Decke auf den Kopf.
Foto: GdP

Am Freitag nahm die Wache den Betrieb wieder auf. Elektriker hatten die Sicherungen gewechselt. Doch in vielen Bereichen des in den 70er-Jahren gebauten Hauses mit einer Nettogeschossfläche von 18.000 Quadratmetern ist es immer noch kalt, während in einigen Räumen die Heizkörper lauwarm sind. Die alte Heizanlage kann aus einem noch unbekannten Grund die Wärme aus dem Fernwärmenetz nicht richtig verteilen. „Der Dienstleister konnte es noch nicht klären, er arbeitet mit Hochdruck daran“, sagt Johanna Steinke von der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die die Polizeiliegenschaften verwaltet.  

Schimmel und bröckelnde Decken

Der Abschnitt 62 steht exemplarisch für die Arbeitsbedingungen in vielen Dienststellen der Polizei. Der Sanierungsstau bei der Behörde liegt laut Senatsfinanzverwaltung bei rund 1,1 Milliarden Euro.

Vor zehn Jahren erschien ein Mann im Abschnitt 61 an der Pablo-Picasso-Straße in Neu-Hohenschönhausen. Er legte ein Stück Putz auf den Tresen. Es war neben ihm aufgeschlagen, als er vorbeiging. Seitdem hängen  Fangnetze an der Fassade, um Passanten zu schützen. Vor gut einem Jahr fielen in einer Toilette des Staatsschutzes am Bayernring in Tempelhof Teile der Decke herunter. Auch der Kripo im Abschnitt 64 an der Nöldnerstraße in Lichtenberg fiel eines Tages die Decke auf den Kopf. Nicht viel besser sieht es in den Sanitäranlagen an der Friesenstraße in Kreuzberg aus, in den Büros und Toiletten an der Kruppstraße in Moabit oder bei der Bereitschaftspolizei in Schulzendorf. An der Friedrichstraße in Kreuzberg sind Räume wegen Schimmelbefalls gesperrt.

Auf dem "stillen Örtchen" des Staatsschutzes kamen ebenfalls Deckenteile herunter.
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Für besondere Probleme sorgte 2019 die Einsatzleitzentrale am Platz der Luftbrücke, wo die Notrufe eingehen und von wo aus die Funkwagen geschickt werden. Es hatte durchgeregnet. Die Beamten mussten in ein anderes Haus umziehen und konnten nur ein Provisorium betreiben. Es kam zu langen Wartezeiten beim Notruf 110. Polizei und Feuerwehr planen eine gemeinsame Leitstelle in Lankwitz. Sie soll aber erst im Jahr 2023 ihren Betrieb aufnehmen.

Deutschlandweite Bekanntheit erlangten die maroden Schießstände, die nach und nach geschlossen werden mussten. Inzwischen werden neue Schießanlagen gebaut, finanziert aus einen gesonderten Infrastrukturfond. Eine solche Trainingsstätte entsteht unter anderem auf dem Riesenareal an der Cecilienstraße. Dort befindet sich übrigens auch die Sicherstellungsfläche für beschlagnahmte Fahrzeuge. Sie ist durch einen desolaten Zaun geschützt, sodass dort mehrfach Autos entwendet oder angezündet wurden, um Spuren zu vernichten.

So ist das Kfz-Sicherstellungsgelände an der Cecilienstraße in Biesdorf gesichert.
Foto: Eric Richard

„Der Sanierungsstau von weit mehr als einer Milliarde Euro hat seine Folgen. Die BIM ist in der Verantwortung, letztlich aber nur der Puffer für den Senat, der die benötigten Gelder bereitstellen muss“, sagt Norbert Cioma, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei. „Führende Politiker sagen uns, dass Geld keine Rolle spielt, in den Siwana-Töpfen noch Milliarden vor sich hin schmoren.“ Er fordert ein Sanierungskonzept für alle Liegenschaften des öffentlichen Dienstes und eine landeseigene Baufirma.

„Insgesamt hat sich die Situation deutlich verbessert“, sagt BIM-Sprecherin Steinke. „Uns steht inzwischen viel mehr Geld zur Verfügung als früher.“ Als die BIM 2007 die Polizeiliegenschaften übernahm, habe sie rund sieben Millionen Euro für Sanierungen zur Verfügung gehabt. „Heute stehen uns für den Bauunterhalt rund 33 Millionen zur Verfügung, zusätzlich noch für kleinere Reparaturen und Havariebeseitigungen rund sieben Millionen. Bei den Liegenschaften werde eine Prioritätenliste abgearbeitet. „Es passiert viel“, sagt sie. „Es ist auf jeden Fall ein langer aber eben kein aussichtsloser Prozess.“