Bei der Buckower Kleinbahn ist alles etwas anders. Stress, Hektik, Gedränge gibt es hier nicht. Im Bahnhof Müncheberg, der südlichen Endstation, weiden Schafe am Gleis 7. Behaglich rupfend arbeiten sich die Tiere durch das dichte Gras auf dem Bahnsteig. Ungewöhnlich ist auch, was da plötzlich angefahren kommt. Ein kastenförmiger elektrischer Triebzug beendet ächzend seine Fahrt. An den beiden rot-weißen Wagen prangt „DR“ – DR wie Deutsche Reichsbahn, einst die Staatsbahn der DDR. Der Arbeiter- und Bauern-Staat lebt auch im Zug weiter. Ein Plakat, das einen Zehn-Mark-Schein mit der grimmig dreinschauenden Clara Zetkin zeigt, warnt die Reisenden: „Schwarzfahrer zahlen drauf.“ Und da kommt auch schon der Zugbegleiter, um das Fahrgeld zu kassieren. Er ist zwölf Jahre alt und heißt Ben. Diese Bahn ist wirklich anders.

Nicht einmal fünf Kilometer misst die Buckower Kleinbahn, die sich durch die wald- und seenreiche Märkische Schweiz zieht, vom Anfang bis zum Ende. Von Müncheberg bis Buckow brauchen die Züge, die von April bis in den Oktober hinein an allen Wochenenden und Feiertagen verkehren, nur zwölf Minuten. Doch die kurze Bahn hat schon eine lange Geschichte hinter sich – und ein rundes Jubiläum vor sich. Am 26. Juli 1897, vor 120 Jahren, begann auf der Nebenbahn 50 Kilometer östlich von Berlin der Betrieb.

Dass sie so alt geworden ist, mutet aus der Rückschau wie ein Wunder an. Doch die Bahn hat immer wieder überlebt. Anlass genug, am Sonnabend den Jahrestag zu feiern: mit einem Bahnhofsfest in Buckow, Sonderfahrten und Aktivitäten rund um die Strecke. Ein alter Ikarus-Bus bringt die Gäste vom S-Bahnhof Strausberg Nord nach Buckow.

Wieder mal Glück gehabt

„Hin- und Rückfahrt nach Buckow? Fünf Euro bitte!“ Ben Krüger zieht eine Fahrkarte aus seinem Kasten. Eine Klimaanlage gibt es nicht im Zug. Die Fenster lassen sich öffnen, der Sommerwind weht herein. Gegen den Reinigungsmittelgeruch, der sich zu DDR-Zeiten in den Wagen festgesetzt hat, kommt er nicht an. Doch das stört hier niemanden, auch Bens Vater Frank Krüger nicht. Er ist der Lokführer. Zu seinem Führerstand gehört ein Aschenbecher, ebenfalls mit Reichsbahn-Kürzel.

Im Alltag steuert der Hellersdorfer S-Bahnen durch Berlin. Am Wochenende fährt er auf der Buckower Kleinbahn, ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Doch dafür opfert Krüger gern seine Freizeit. „Im Vergleich zur S-Bahn ist das hier unglaublich entspannend.“ Tempo 10 bis 40, ausgeruhte Ausflügler anstelle von gehetzten Pendlern – „und immer im Grünen, raus aus der Stadt. Das genieße ich jedes Mal“, berichtet er.

Dann rollen der Triebwagen 479.603 und sein Beiwagen langsam in Buckow ein. Er kommt in einem Bahnhofsensemble zum Stehen, wie es in Deutschland nur noch selten zu finden ist – mit Annehmlichkeiten, von denen Regionalzugfahrgäste normalerweise nicht mal mehr träumen können. Das mit Rosen berankte Bahnhofsgebäude von 1930 ist nicht verschlossen, es steht offen. An einem Tisch mit einem Blumenstrauß kann man sich auf Stühlen ausruhen. Etwas abseits gibt es ein Toilettenhäuschen, das kostenlos genutzt werden darf.

Mitten in dieser kleinen Bahnwelt steht Uwe Klötzer und begrüßt die Fahrgäste: „Buckow, bitte alles aussteigen!“ Auch er arbeitet bei der S-Bahn. 1986 fing der Marzahner dort an, heute bildet er Lokführer aus. An Wochenenden hebt der Vorsitzende des Eisenbahnvereins Märkische Schweiz im Bahnhof Buckow die Kelle, beantwortet Fragen der Fahrgäste, hilft und informiert.

„Zunächst war dies eine Schmalspurbahn“, erzählt der 48-Jährige. Doch die Dampfzüge erwiesen sich bald als zu klein für die vielen Ausflügler und Touristen. Oft schafften die Loks die Steigungen nicht, dann mussten Fahrgäste schieben helfen. Eine Erneuerung sicherte der Kleinbahn, die in den ersten 33 Jahren fast vier Millionen Reisende befördert hatte, das Überleben. Es wurde nicht nur eine Normalspurstrecke gebaut, die Trasse wurde auch elektrifiziert – damals wie heute ungewöhnlich für ländliche Nebenbahnen. Am 15. Mai 1930 begann der elektrische Betrieb mit drei Trieb- und drei Beiwagen, fabrikneu aus Hannover. Moderner ging es nicht.

Nach dem Ende des Güterverkehrs 1965 wurde auch das Ende des Personenverkehrs diskutiert. „Aber die Kleinbahn hatte Glück“, erzählt Klötzer. Während der Ölkrise in den 1970er-Jahren wurde Bus-Kraftstoff knapp. Der elektrische Betrieb, zuvor als zusätzlicher Kostenfaktor kritisch bewertet, war nun ein Vorteil. Strecke 174, so die Nummerierung im Kursbuch, blieb in Betrieb.

Es wurde sogar investiert. 1981 und 1982 kamen moderne Züge aus dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk Schöneweide – faktisch Neuaufbauten, doch weil der Plan dies nicht vorsah, war offiziell von Rekonstruktionen die Rede. Die Buckower Bahn gehörte zu den am stärksten genutzten Nebenbahnen in der DDR. Klötzer: „Der erste Zug fuhr kurz vor 4, der letzte kam gegen 1 Uhr an. Im Sommer waren die Wagen bis unter die Dächer gefüllt.“

Fahrgastzahl steigt wieder

Nach der Wende ging es bergab. Berufstätige kauften Autos, auch Ausflügler stiegen auf Pkw um. Touristen fanden andere Ziele. Die Deutsche Bahn (DB), die 1994 Eigentümerin wurde, zeigte keine Lust, die defizitäre Strecke weiter zu betreiben. Schon 1993 hatte sie den Elek-trobetrieb beendet. Der urtümliche Quecksilberdampf- Gleichrichter im Unterwerk, welches die Bahn mit 600 Volt Gleichstrom versorgte, war nicht mehr nutzbar. Fortan fuhren Dieseltriebwagen – aber immer seltener. September 1998 war Schluss.

Doch auch diesmal überlebte die kleine Bahn. Der Eisenbahnverein nahm alle seine Kräfte zusammen. 2002 wurde die Strecke von ihm wieder eröffnet, wie früher mit elektrischem Betrieb. Dann kam der nächste Schlag: 2010 stahlen Kupferdiebe einen großen Teil der Fahrleitung. Ein Mast fiel um, drei Masten wurden beschädigt. „Alle dachten: Das war’s nun wirklich“, erinnert sich Klötzer. Die Bilanz: 1,8 Kilometer Oberleitung waren neu zu bauen. Aber auch diese schwarzen Tage gingen vorbei, denn andere Bahn-Fans leisteten Hilfe. So spendete die Firma nkt cables Kabel; die DB steuerte ebenfalls Material bei. 2011 wurde der elektrische Zugbetrieb wieder aufgenommen.

Für den Herbst haben sich erneut Helfer angesagt. Gleisbauer-Azubis der DB befassen sich mit der Tempo-10-Langsamfahrstelle nahe des Schwarzen Sees bei Buckow.

Die Fahrgastzahl steigt wieder, sagt Klötzer stolz. „2016 haben wir 8500 Reisende befördert“ – Ausflügler, Bahn-Fans aus ganz Europa, Patienten der Reha-Klinik, Gäste des Mutter-Kind-Heims. „Manchmal ist so viel los, dass mir die Fahrkarten ausgehen“, erzählt Ben. Dann muss er wieder los. 17.25 Uhr geht es zurück nach Müncheberg.